Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 11 (1.6.1930)
- Article
- Juden und Phönizier [Rezension]
- Date
- 1930-06-01
- Page
- Seite 152 (sequence 2)
- Language
- German
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172 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 land der zwölf Stämme Israels zu bieten schien. Er glaubte als Ergebnis seiner Studien die Verbreitung des kleinen Volkes über die hauptsächlichsten Teile Europas, Asiens und Afrikas durch das gleichzeitige Verschwinden der Phönizier mit ihren weitverzweigten Kolonien erklären zu können. Georg Rosen verfaßte darüber vor etwa 45 Jahren eine wiffenschaftliche Arbeit; das Manuskript verlor er jedoch im Frühjahr 1891 in Kairo auf einer Orientreise. Eine neue Niederschrift wurde nicht fertig; den Verfasser ereilte mit 70 Jahren unvermutet der Tod. Sein Sohn Friedrich Rosen, wie der Vater Diplomat und Orientalist aus Begabung und Tradition, befand sich damals, als der Vater starb, in Teheran und nahm die väterlichen Studien mit der gleichen Liebe und Eindringlichkeit wieder auf, ohne daß es ihm glückte, die im Nachlaß Vorgefundenen Notizen zu verwerten. In der unfreiwilligen Muße eines dienstlichen Aufenthalts in Bagdad schrieb Friedrich Rosen 1898 das Erforschte zum erstenmal nieder und fand später als Konsul des Deutschen Reiches in Jerusalem, wo sich früher jeder Gebildete statt mit Politik mit biblischer Archäologie befaßte, die Möglichkeit, die erste Niederschrift zu ergänzen. Die amtlichen Schicksale des Verfassers schlossen zunächst nach 1900 jede Weiterarbeit aus. Weder als Vortragender Rat in der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes noch als Gesandter in Tanger seit dem Jahr 1905, in den Wirren der deutschen Marokko-Politik, auch nicht später als Gesandter in Bukarest (seit 1910), Lissabon (1912 bis 1916) oder im Haag (1916 bis 1921) konnte Rosen sich der Lösung wissenschaftlicher Probleme widmen. Erft nachdem er 1921 endgültig aus dem Amt geschieden war, war es ihm wieder möglich, namentlich von Harnack angeregt, die alten Lieblingsstudien aufzunehmen. Inzwischen hatte die Erforschung der alten Geschichte des Orients ungewöhnlich große Fortschritte gemacht. Friedrich Rosen gewann zur Mitarbeit den Gießener Professor für Altes Testament Georg Bertram, der sich vor allem durch seine Septuagintaforschungen einen Namen gemacht hat und der nun das jüdisch-phönizische Problem nach dem neuesten Stand der weitverzweigten wissenschaftlichen Forschung der Gegenwart behandelte. Das Ergebnis liegt vor uns. Es ist — auch für den Laien — so fesselnd wie das Schicksal des Buches selbst, dieses Kindes dreier Väter, das unter der Pflege so bedeutender Gelehrten wie Enno Littmann und Harnack, zu einem Grundwerk über das antike Judentum, namentlich über die Entstehung der jüdischen Diaspora geworden ist. Hier findet man die moderne Literatur zu diesem schwierigen Problem umsichtig erörtert. Die Hypothese ist die Verschmelzung der in der Mittelmeerwelt verstreut wohnenden Phönizier in die religiöse Gemeinschaft des Judentums. Abschließende Beweise konnten bei der Dürftigkeit des Quellenmaterials nicht erbracht werden; die wissenschaftsgeschichtliche Situation des Werkes schließt das auch aus. Das Buch will selbst nur als Versuch und erster Entwurf genommen werden. Der streng wissenschaftliche Weg, die echt wissenschaftliche Haltung des Werkes ist das Bedeutsame. Die Schlußfolgerung, daß die Phönizier (und mit ihnen auch andere verwandte Völkerschaften, wie die Palmyrener) allgemein zum Judentum übergetreten sind und in den heutigen Juden weiterleben, muß künftig noch durch eine Reihe Spezialarbeiten erhärtet werden; vielleicht wird dieser Schluß auch künftig widerlegt. Das ändert an der Wichtigkeit der Rosen-Bertramschen Arbeit nichts. Ihre Analyse und Kritik im einzelnen kann nicht Aufgabe der Gemeindezeitung sein. Auf die besondere Bedeutsamkeit des zweiten Kapitels „Das antike Judentum als Miffionsreligion" sei aber noch zum Schluß nachdrücklich hingewiesen. Das Kapitel ist für sich eine Monographie über die in der „Zerstreuung" entstandene Heilsweissagung des Volkes Israel und über die unermeßlichen Folgen dieser messianischen Hoffnung. Die an sich bekannte Tatsache der Existenz einer ausgedehnten jüdischen Diaspora in der vorchristlichen Zeit, ja seitdem es eine Geschichte des jüdischen Volkes gibt, ferner die Tatsache, daß das Judentum von vornherein, besonders seit der hellenistischen Periode, nicht so sehr Volk und Rasse als vielmehr Religion war, diese von Juden und Judengegnern aus mancherlei Motiven verdunkelten Tatbestände, werden hier, von einer völlig unbefangenen Seite her, in neues Licht gestellt. Ludwig Feuchtwanger Aus der Gemeinde München Der 100. Geburtstag des Israelitischen Frauenvereins von 1830 Die Feier im Cherub in-Saal Die Jubiläumsfeier des Israelitischen Frauenvereins verlief in einem gewählten Rahmen am Donnerstag, dem 22. Mai, ungewöhnlich eindrucksvoll unter großer Beteiligung aller Kreise und zahlreicher Gäste. Nach einem Vorspiel begrüßte die Vorsitzende, Frau Jenny Baerwald, die Erschienenen. Es sei Anlaß, die Gepflogenheit des Frauenvereins, im Stillen zu wirken, beim hundertjährigen Geburtstag verlassen, um Zeugnis abzulegen von jüdischer Frauenarbeit u' ' Hilfsbereitschaft. Die Geschichte des Vereins sei an anderer Stelle geschildert worden. Frau Baerwald begrüßte die einzelnen Vertreter der Körperschaften, der Stadt München (Frau Stadträtin Stiegler), des Vorstandes und Rabbinats, der Kultusgemeinde München, des Verbandes jüdischer Gemeinden, des Stadtbundes Münchener Frauenvereine (Frl. Amalie Nacken) und des Augsburger Israelitischen Fvauenvereins sowie vieler anderer Wohlfahrtsorganisationen der Stadt München und der Münchener Kultusgemeinde. Die Rednerin gedenkt der Heimgegangenen Vorsitzenden, Frau Johanna Cohn-Billman und Frau Rosa Werner. In ihrem Sinne bekennen die jüdischen Frauen Münchens heute am 100. Geburtstag des Frauenvereins „in der Vergangenheit zu wurzeln, in der Gegenwart zu arbeiten und auf die Zukunft zu hoffen". Für die Münchener Kultusgemeinde und den Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden beglückwünschte Herr Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer den Verein und überbrachte ihm die Nachricht, daß die gemeindlichen Kollegien eine besondere Jubiläumsspende bewilligt haben. Der Redner erhob durch seine eindringlichen Schilderungen der Vergangenheit die Feier ins Allgemeine und gab ein Bild von den charitativen Aufgaben der Frau im Israelitischen Gemeindeleben. Freie Liebestätigkeit und moderne Wohlfahrtspflege ergänzen sich im jüdischen Gemeinwesen; die Tätigkeit der jüdischen Frau bleibt dabei auch heute unentbehrlich. Indem der Redner selbst aus 50 Jahre eigenen Miterlebens zurückschaute, gab er dem Feste eine besondere, über die offizielle Feierlichkeit hinausgehende warme Note. Für den Stadtbund Münchener Frauenvereine entbot die Vorsitzende, Frl. Amalie Nacken, dem Verein Glückwünsche und Grüße: man wisse im Münchener Stadtbund der Frauenvereine allgemein ohne Unterschied der Richtungen die stille Arbeit des Israelitischen Frauenvereins besonders zu schätzen und es biete sich heute willkommene Gelegenheit, dies auch öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Für die verschiedenen jüdischen Frauenorganisationen sprach Frau