Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 11 (1.6.1930)
- Article
- Ein neuer Begriff von Religion
- Date
- 1930-06-01
- Page
- Seite 151 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 171 Cin neuer vegritt von Neligion Bemerkungen zu dem Aufsatz von Hans Margolius „Religiöse Toleranz, ein Epilog zur Lessingfeier" in der Zweimonatsschrift „Der Morgen", 5 Von Bezirksrabbiner Dr. Ein warmes religiöses Empfinden, ein aufrichtiges Ringen um den Besitz religiöser Gewißheit tritt uns in dem Aufsatz von Hans Margolius entgegen. Aber ein Punkt in seinen Darlegungen hat doch unseren Widerspruch hervorgerufen, auf den wir kurz eingehen möchten, nachdem wir zuvor den Gedankengang seines Aufsatzes wenigstens in Umrissen skizziert haben. Margolius weist, um den Begriff der religiösen Toleranz klarzulegen, zunächst auf Lessings Ringfabel im Nathan hin, deutet an, daß sie nicht restlos befriedigt, „einer letzten Bestimmtheit zu entbehren scheint"? Margolius führt sodann ein Wort aus den theologischen Streitschriften Lessings an: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusätze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: Wähle!, ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!" In recht geistvoller und origineller Art versucht nun Margolius darzulegen, daß dieses Wort Lessings gleichsam die Lücke ausfüllt, welche die Ringfabel offen gelassen; er versucht in Anlehnung an dieses Wort Lessings den Begriff der religiösen Toleranz zu umreißen. Aus jener Äußerung Lessings in den theologischen Streitschriften geht nämlich hervor: „Die reine Wahrheit ist nicht Menschensache. Dem Menschen ziemt allein der stete Trieb, das stete Streben nach Wahrheit." Daraus folgert er: "Die Mannigfaltigkeit menschlicher Sinngebungen ist selbst nicht sinnlos, sie macht zugleich den Reichtum und den Stolz der menschlichen Welt." Diese Mannigfaltigkeit der Sinngebungen, die nichts anderes find als die verschiedenen Religionen, stellen im Sinne Lessings ein Höheres und Erfreulicheres dar, „etwas, das dem Tatbestand der menschlichen Differenziertheit und Individualität mehr entspricht, als ein ausschließender Glaube." Eine Rechtfertigung für diese Anschauung sind die Gestalten des Nathan. Ein neuer Begriff von Religion, schließt nun Margolius weiter, tritt uns als Ergebnis solcher Erwägungen entgegen. „Nicht die Bindung an bestimmte Dogmen vom Sinn der Welt ist entscheidend für die wahre Religion.... Wir sind heute kaum mehr rein und ausschließlich dem Dogma einer Konfession gehörig." Margolius meint, daß diese Verkündigung der religiösen Toleranz in Lessings Zeiten sehr fremd anmutete, daß sie uns heute schon verwandter klingt. „Die Auflösung der starren Dogmatik der Konfessionen kommt dem Gedanken der religiösen Toleranz entgegen." Wir möchten gegen diese Darlegungen das eine geltend machen: Ist es wirklich Margolius gelungen, sich „gegen alle dogmatische Erstarrung und zugleich gegen die Auflösung aller Bindungen des Glaubens" erfolgreich zu wenden? Vom Standpunkt jeder positiven Religion aus und selbstverständlich auch vom Standpunkt des Judentums aus läßt sich diese Präauna eines neuen Begriffes von Religion nicht rechtfertigen. Keine Brücke führt insbesondere von der Anschauung, 1 Schon Michael Guttmann hat in seinem groß angelegten Werk „Das Judentum und feine Umwelt" (Berlin, Philoverlag 1927) dies klar ins Licht gestellt. Jahrgang, Nr. I. Ernst Steckelmacher daß das Dogmatische von keiner entscheidenden Bedeutung wäre, indem auch „das reine Sein einer ewig schaffenden Natur den Sinn der Welt für uns" dar stellen könnet zu einer Auffassung, die in das jüdische Weltbild und in die jüdische Gottesvorstellung sich irgendwie ein gliedern lassen würde. Jene Abstraktion, die Margolius vollzieht, jene Abstraktion von allem geschichtlich Gewordenen in der Welt der religiösen Erfahrung und daher von allem, was den geschichtlichen Religionen Gepräge und Ausdruck verleiht, ist in der Wirklichkeit nie angetroffen worden und wird auch in ihr nie angetroffen werden. Sie ist reine Ideologie. Wie ganz anders spricht Michael Guttmann, der einen tiefen Blick in das historische Judentum getan, vom Phänomen der religiösen Erfahrung: „Das Erlebnisfeld einer Religion ist nun einmal für den eigenen Kreis nicht nur die Urquelle religiösen Schauens und Crkennens, sondern auch die im ganzen Seelenleben des betreffenden Kreises innerlich begründete und daher auch einzig mögliche Grundlage. Außenstehendes wird dem Gläubigen aus seiner Innenwelt heraus stets fremd und fern bleiben. Diese seelische Innenwelt ist infolge ihrer Einzigartigkeit dem Verständnis des Nichtzugehörigen am wenigsten zugänglich, dem Gläubigen aber ist sie das unentbehrlichste Lebenselement". .. Und vollends vom Märtyrertum, von der Blutzeugenschaft, auf die das Judentum und auch andere Religionen Hinweisen können, sagt Michael Guttmann: „Überall gehört sie zum eisernen Bestände der inneren religiösen Überzeugung, und nach außen hin — zur Nachahmung und Belastung, daß sich zwischen Kult und Kult keine Brücke zur Vereinigung schlagen läßt. Wer dies tut, leistet Zerstörungsarbeit nach beiden Seiten hin. Die ethisch-humane Ausstrahlung der Religionen ist es einzig und allein, die berufen ist, eine griff von Religion zu ersinnen. Im Judentum ist diese Toleranz auch im Sinne Lessings zu gelangen, nicht etwa einen neuen Begriff von Religion zu ersinnen. Dem Judentum ist diese Toleranz aufs tieffte verankert und aufs unauflösbarste verwurzelt, wie so viele Stellen des biblischen und nachbiblischen Schrifttums beweisen. Lassen wir, um dies klar zu legen, wiederum Michael Guttmann, diesen vorzüglichen Kenner der jüdischen Religionsquellen zu Worte kommen: „Durch das Zugeständnis des Seelenheils und des Anteils an der zukünftigen Welt an die Frommen der Heiden ist der jüdische Jrckerkonsefsionalismus vollständig definiert. Der fromme Heide ist nicht nur ein für den humanen Verkehr geeignetes Wesen, dem man aus allgemein menschlichen Gründen Toleranz entgegenzubringen bat, sondern ein dem Allvater liebes Kind, dem er im Himmel einen Platz unter den Seligen anweist. Damit ist der Zauber des einzigen Ringes gebrochen" (A. A. O. S. 171.) 2 Es heißt in dem Aufsatz von Margolius: „Ob ein Gott der Gerechtigkeit oder ein Gott der Gnade, ob ein Gott des Friedens oder ein Gott des Kampfes, ob ein Gott der Erde oder ein Gott der Erlösung oder das reine Sein einer ewigschaffenden Natur den Sinn der Welt für uns bedeutet, entscheidend für die Echtheit einer Religion ist allein dies: daß sie Bindung, religiöse Hingabe an einen S i n n der Welt überhaupt verkörpert! )uoen und Phönizier Über eine Hypothese und das Schicksal eines wissenschaftlichen Buches Georg Rosen, Juden und Phönizier. Das antike Judentum als Missionsreligion und die Entstehung der jüdischen Diaspora. Neubearbeitet und erweitert von Friedrich Rosen und Dr. Georg Bertram, Professor an der Universität Gießen. Tübingen (I. C. B. Mohr) 1929. Die Entstehungsgeschichte dieses Buches und der darin behandelte Abschnitt aus der antiken jüdischen Geschichte verdienen weit über gelehrte Kreise hinaus einer sorgfältigen Beachtung. Georg Rosen war in den 6Oer Jahren preußischer Konsul in Jerusalem. Während seines vierzehnjährigen Aufenthalts in Palästina war ihm bei seinen archäologischen Studien immer wieder das Mißverhältnis des um die Zeit Christi über den ganzen Erdkreis verbreiteten Judentums zu den beschränkten Gegebenheiten aufgefallen, die daS kleine wenig fruchtbare Heimat-