Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 11 (1.6.1930)
- Article
- Künstlerische Arbeit im Bund
- Date
- 1930-06-01
- Page
- Seite 149 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 169 künstlerische Arbeit im Buno Von Herbert Felsenthal (Düsseldorf) Jede Arbeit im jugendlichen Kreis drängt nach Gestaltung. Bloße Wissensvermittlung befriedigt den jungen Menschen ebensowenig wie theoretische Erörterung oder reine Gedankenspielerei. So sehen wir bei der Untersuchung der Arbeit in unseren Bünden, daß überall das gesunde Leben pulsiert, wo die jungen Menschen tatsachennahe Arbeit leisten und den Erfolg ihrer Arbeit in Händen halten. Künstlerisches Schaffen der Jugend innerhalb des Bundes kann Gestaltungsarbeit sein und erhöhte erzieherische Bedeutung haben. Allerdings find wir auf diesem wie auf vielen anderen Gebieten mit den Sünden von Generationen belastet. Vielerorts herrscht noch die Erinnerung an die grauenhaften Dilettantenaufführungen unzulänglicher Stücke mit unzulänglichen, dem Theater falsch abgelauschten Mitteln; sie überwuchert oftmals noch die frischen, nach Gestaltung drängenden Kräfte der Jugend und drängt sie auf ihr wesensfremde und unproduktive Gebiete ab. Die künstlerische Arbeit der Jugend kann nur aus dem Geist der Gemeinschaft geschehen. Sie darf nicht Zurschaustellung der Tätigkeit und Leistung des einzelnen und nicht Ausdruck einer zufälligen und zufällig innerhalb des Bundes vorhandenen Begabung sein. Die Leistung muß Gestalt werden aus dem einheitlichen Willen und der geballten Kraft der in der Arbeitsgemeinschaft zusammengefaßten Spielschar. Der im voraus vorhandene oder durch die Arbeit der Gruppe aufgespürte Rhythmus ist entscheidend für den Ausdruck, den die Arbeit findet. Ohne den Gemeinschaftsgeist und den gemeinsamen künstlerischen Willen ist die Gruppe kein Teil innerhalb der Arbeit des Bundes. Hieraus folgt, daß ein der Arbeit zugrunde liegender Stoff nicht willkürlich gewählt fein darf. Denn jede der Arbeitsgemeinschaft wesensfremde Materie kann von ihr nicht gemeistert werden, weil die gemeinsame Linie des Ausdrucks und der zentrale Gestaltungswille nicht aufgezeigt werden wird. Wenn trotz diesem Mangel an eigener Durchdringung des Stoffes die Gestaltung versucht wird, so kann im besten Falle eine annehmbare Dilettantenleistung, niemals aber eine aus dem Geist der Gruppe und damit des Bundes geborene Arbeit geschaffen werden. Die von dem Verfasser im Jahre 1926 innerhalb des Düsseldorfer jüdischen Jugendvereins geschaffene künstlerische Arbeitsgemeinschaft hat sich von Anfang an innerhalb der oben aufgezeigten Pole eigengesetzlicher und wissensnaher Arbeit gehalten. Als natürliches und stärkstes Ausdrucksmittel bot sich ihr derSprechch o r, den sie in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellte. Das gemeinsame und nach eigenen Gesetzen gesprochene Wort eröffnete den Menschen dieser Arbeitsgemeinschaft die Welt der Psalmen, die durch ihren Vortrag in zahlreichen Fällen auf Tagungen und bei Festen des Verbandes die Zuhörer im Geiste der Schrift zu einer Gemeinde zusammenfaßten. Das chorifche Sprechen gedanklicher Verse von Goethe, die Gestaltung der Lyrik jüdischer Dichter deutscher Sprache und die Übernahme der hämmernden Rhythmen unserer zeitgenössischen Arbeiterdichtung geben nach vielen Richtungen hin ein Bild von der Fassungs- und Gestaltungskraft der Mitglieder, von dem, was sie belebt und beseelt. Die geistige und seelische Einigung der Arbeitsgemeinschaft drängt sie auf den Weg plastischer Gestaltung, bringt sie zum dramatischen Spiel. Denn Wort und Geste gehören nach ewigen, immer bestätigten Gesetzen der Kunst zueinakü»er wie Geist und Körper. Nach einigen anderen Versuchen konzentrierte sich die Arbeit der Gruppe aus Stephan Zweigs „Jeremias". Über die Bedeutung deifes wahrhaft jüdischen Werkes für die Arbeit der jüdischen Jugend braucht in diesem Zusammenhang nichts gesagt werden. Für die künstlerische Arbeit unserer Gruppe bedeutete der „Jeremias" die Erfüllung aller künstlerischen Erwartungen und die höchste Steigerung ihrer geistigen und menschlichen Möglichkeiten. In dem Bewußtsein, daß die Gestaltung des „Jeremias" lebendigster Beweis der vielfachen Möglichkeiten einer künstlerischen Arbeit der Jugend im Bund sei und von der Hoffnung beseelt, daß es ihr vergönnt sei, den Zuhörern durch eine Aufführung etwas vom Geist ihrer Arbeit und der Stärke ihres Willens zu übermitteln, hat die künstlerische Arbeitsgemeinschaft des jüdischen Jugendvereins Düsseldorf den Schritt in die weitere Öffentlichkeit getan und wird am 9. Juni 1930 auf der 8. Delegiertentagung des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands in München den „Jeremias" zur Darstellung bringen. Dem Dichter, der sein Erscheinen zugesagt hat, und den Verbandsfreunden aus dem ganzen Reich wollen wir das Einzige zu zeigen versuchen, was wir mit all unserer Arbeit anstreben, das Bild einer in tiefster geistiger und menschlicher Gemeinschaft verbundenen Schar junger Juden. Srieöensarbeit der jüdischen lugend Von I. Raphael (Beckum) Vom Frieden reden alle. Die einen sagen: So etwas sei selbstverständlich für junge Juden und unnötig sei jede Debatte darüber. Und auf der anderen Seite schrieb mir neulich ein junger Mensch: die Juden kämen für den Kampf um die Friedensarbeit überhaupt nicht in Frage. Der Wille, die Welt zu formen, sei nicht mehr vorhanden, das Judentum sei in seiner Gesamtheit einer desinteressierten Müdigkeit anheimgefallen. Friedensarbeit, — ist nicht Stabilisierung eines momentanen Ruhezustandes, der erstens modern und zweitens gerade „vernunftgemäß" ist, — ist auch nicht Verewigung eines im Netz der Paragraphen grau gewordenen Rechts („Jedes Recht wird einmal Unrecht", sagt Hans Kohn), — ist ebenfalls nicht einfache'Ablehnung des Krieges. Diese Art Friedensarbeit gehört zum Alphabet heutiger Kinderweisheiten. Man kann sehr leicht Frieden predigen. Zitate gibt es in Hülle und Fülle, sowohl in der Bibel, als im Talmud und in den jüdischen Schriften des Mittelalters. Die Anhänger des Zitatentums sollten vorsichtig sein, denn sie sind zumeist nicht ganz konsequent. Daß sie natürlich damals, als es Zeit war, — nämlich zwischen 1914 und 18 — von den Zitaten der heiligen Schriften wenig wissen wollten, sei nicht weiter verübelt. Tragisch wird es erst mit dem Judentum, wenn die Männer der Zitate am Geiste ihrer Worte vorübergehen und nicht sehen, daß Frieden im jüdischen Sinne nur Freude am Dasein, Ganzheit, innerste Harmonie, Gerechtigkeit, Willen nach Verwirklichung Gottes auf Erden sein darf. Die Friedensarbeit des Judentums entspringt der Quelle eines uneingeschränkten sozialen Ausgleichs, einer besonders heiligen Auffassung des Eigentumsbegriffes und der Abkehr von allen Methoden der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Wenn der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, der die Massen der jungen Juden umschließt, den wirklich aufrichtigen Anfang zu einer Friedensarbeit machen will, dann genügt nicht der bloße, mehr oder weniger aus platonischen oder symmetrischen Gründen vollzogene Beitritt zum Jüdischen Friedensbund oder die Schaffung eines Friedensdezernats. Zuerst müssen die Taten praktischer Menschlichkeit, das Unterbringen unserer zahlreichen stellungslosen jungen Freunde, das Entgegenstellen der jüdischen Ethik dem Ungeiste der Zeit, der uneingeschränkte Kamps gegen den jüdischen Antisemitismus, der unseren jüdischen jungen Menschen nicht nur die materielle, sondern obendrein die seelische Verelendung bringt, einsetzen. Wir müssen den Menschen Freude am Leben schaffen, — das ist allererste Vorbedingung für jede jüdische Friedensarbeit. Die jüdischen Worte, die jetzt von den Kanzeln und Vortragstribünen herunterschallen, müssen die Glut und die Unerbittlichkeit der Prophetenreden haben, und wenn diejenigen, die noch das Existenzminimum besitzen, den Ton der Gegenwart nicht fühlen, dann muß — wie damals — der Elende und Ärmste, der Verkommenste und Verzweifelte zum Sprachrohr des Alltags werden. Friedensarbeit der jüdischen Jugend? Ja: Schaffung von Arbeit und Brot, Schutz vor dem inneren Verfall, — Du sollst nicht schweigen beim Blute Deines Nebenmenschen!