Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 11 (1.6.1930)
- Article
- Wirtschaftskampf und Lebensgestaltung
- Date
- 1930-06-01
- Page
- Seite 148 (sequence 2)
- Language
- German
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168 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 geklärt, zu gering sind noch die rein statistischen Unterlagen für die augenblickliche Situation, als daß mit konkreten Endlösungen als Ergebnis der Arbeitsgemeinschaften gerechnet werden könnte. Es muß aber die klar erkannte Aufgabe dieser Tagung sein, mit einer aus der Situation verständlichen mitleidlosen Schärfe und Deutlichkeit die ganze Schwere dieser Probleme für den jungen Juden auszuzeigen. Ohne jeden, mir unangebracht erscheinenden Pessimismus sind die Konsequenzen der Wirtschaftsentwicklung in bezug auf die Berufswahl und Berufsgestaltung darzustellen. Der junge Jude muß fähig gemacht werden, diese veränderte wirtschaftliche Situation für seine persönlichen Aussichten und seine Lebensgestaltung in Rechnung zu stellen und zu einer freudigen Bejahung innerhalb dieses wirtschaftlichen Rahmens zu kommen. Außerordentlich wichtige Perspektiven ergeben sich aus dieser Notwendigkeit für seine Stellung innerhalb der deutschen Judenheit, die in ihrer gesellschaftlichen und organisatorischen Struktur diese Veränderungen berücksichtigen muh. Praktische Hilfsmaßnahmen und eine verantwortungs- und zielbewußte Erziehungsarbeit werden uns auch dieser schwierigen Situation Herr werden lassen, wenn wir uns darüber Rechenschaft geben, daß die zu Konsequenzen verpflichtende klare Erkenntnis wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhänge und Entwicklungen, und nicht wirklichkeitsferne Heilsbotschaften uns helfen kann. Den jüdischen Jugendbünden erwächst hier die Aufgabe, ihre wichtigste Funktion als Selbsterziehungsinstrument jüdischer Jugend zu erfüllen. ver vund der Junggruppen Bon Leo Eschelb Tagungen sind die Marksteine auf dem Wege, den unser Verband zu gehen hat. Rechenschaft haben wir abzulegen über die Vergangenheit, neue Wege sind zu suchen für die Zukunft. Rückblick und Ausblick zu halten gilt es vor allem für uns, die Jüngsten und Neusten im Verband: für den Bund der Junggruppen. Wir blicken in München nicht zurück auf zwei beliebige Jahre der Tätigkeit, wir blicken zurückauf die ersten und für unsereEntwicklungausschlaggebendenzweiJahre unseres Bestehens. Wir haben zu prüfen, ob und wie wir die ko st baren Jugendjahre unseres Bundes genützt Huben, und ob wir heute wert sind im Verband als Gleich stehende betrachtet zu werden, ja nicht nur das, da wir als die kommende Generation, auf die der Verband baut, und die auf den Verband baut, gelten können. Der Bund der Junggruppen wurde nach der Tagung in Dresden 1928 auf die Initiative der Verbandsführer hin gegründet, in der Erkenntnis, daß der Weg, der zur Jugend führt, der Weg in die Wirklichkeit ist. Die Verbandsleitung übernahm die Leitung des Bundes zunächst selbst, sie ernannte einen Dezernenten für Junggruppen, dem eine aus vier Junggrupplern bestehende Junggruppenleitung beigegeben wurde. Die Absicht war, auf diese Weise Junggruppenführer heranzubilden, die einst die Zügel selbst in die Hand nehmen sollten. Der Vund der Junggruppen ging und geht seit seiner Gründung einen Weg, der nicht neu ist, der aber zwangsläufig der Weg jedes jugendbewegten Bundes ist, nämlich den Weg, den die Jugendbewegung selbst als Bewegung genommen hat. Wir find jugendbewegt, und der beste innere Beweis dafür ist unser Weg. Jedes Kind macht auf seinem Weg zum Erwachsenen im kleinen und kurzen die Entwicklung durch, die die Menschheit auf dem Wege vom Primitiven zur Kultur gegangen ist. Jeder jugendbewegte Bund macht in seiner Entwicklung die Entwicklung der Jugendbewegung vom Primitiven zur Kultur, wohlgemerkt zur Kultur der Jugendbewegung durch. Die Entwicklung der Jugendbewegung zeigt zwei scharf zu trennende Stadien. Das erste Stadium von vor dem Kriege bis einige Jahre nach dem Kriege war gekennzeichnet durch die Art, in der man die Gesellschaft ablehnte, die Tendenz: heraus aus der Gesellschaft, die Tendenz zur Zerstörung und der Wahrung der eigenen Haltung unter Boykott der Gegenseite, niemandem verantwortlich denn sich selbst. Diese exklusivistische Haltung hat niemandem etwas genützt. Ihre Träger find zum größten Teil an ihr gescheitert, und die Gesellschaft stand da wie zuvor. Die Jugendbewegung zog aber ihre Lehre. Die alte Haltung schwand mehr und mehr und machte einer neuen Platz. Wir können die Gesellschaft nur dann beeinflussen, wenn wir in sie hineingehen, in sie hineingehen mit einer festen Haltung, einer festen Vorstellung von dem, was wir wollen, und wenn mir in der Gesellschaft mit beiden Füßen auf dem Boden der Wirklichkeit für unsere Ideale eintrete n. Die Gesellschaft weiß sehr wohl, daß wir die kommende Generationsind und wird uns schon aus diesem Grunde ernst nehmen. Das ist das zweite Stadium der Jugendbewegung, in welchem wir uns heute befinden.—> Warum diese Abschweifung vom Thema? Nur um die Entwicklung des Bundes der Junggruppen und fein Verhältnis zum Verband verständlich zu machen. Nach der Gründung unseres Bundes begann die mühevolle Arbeit acher (Freiburg) der Erfassung alter, der Gründung neuer Gruppen, der Führerheranbildung, der ideologischen Klärung. Der letzte Punkt ist vielleicht im Jahre 1928 noch nicht so stark in Erscheinung getreten wie später, da jeder noch zuviel mit äußeren Dingen beschäftigt war. Das Endergebnis der Arbeit der ersten halben Jahre war der Führerkurs in Gelsenkirchen, Weihnachten 1928. Der Kurs wurde abgehalten von den Führern des Verbandes. Es war ein bedeutungsvolles Ereignis, denn aus diesem Kurse heraus entwickelte sich etwas, was zwei Tage vorher noch niemand mit dieser Geschwindigkeit hatte kommen sehen: es erfolgte die Proklamation des Bundes der Junggruppen als selbständiger Körper im Verband. Das Bild, welches die Verbandsführer in Gelsenkirchen von den Junggruppen erhielten, war schon derart, daß sie dem Bunde die eigene Führung seiner Angelegenheiten anvertraüten. Es wurde zum ersten Male eine Bundesleitung gewählt, die selbständig zu arbeiten hatte. Die Arbeit des Bundes im Jahre 1928 läßt sich durch eine regelmäßig äufsteigende Linie darstellen. Das folgende Jahr brachte uns Erfolge und Rückschläge. Das zeigt aber nur die gesunde Entwicklung, die wir nahmen, eine Entwicklung, die ohne Rückschläge garnicht zu denken wäre, Rückschläge aber, die uns bei unserer kräftigen Konstitution nicht auf die Dauer zu schaden vermochten. Wir hatten Schwierigkeiten in organisatorisch-technischer, in personeller und ideologischer Hinsicht. In organisatorisch-technischer Hinsicht: Die neue Bundesleitung hatte natürlich noch keinerlei Erfahrung in selbständiger Leitung eines Bundes. Dieser Mangel mußte sich auf die Entwicklung der Dinge ungünstig auswirken. Ähnlich war es mit den personellen Schwierigkeiten. Am bedeutendsten und schwierigsten waren freilich die ideologischen Unklarheiten. Wir konnten auf Grund unserer jugendbewegten Haltung mit der Form und Idee des Verbandes, ferner mit unserer Stellung im Verband. Die Dinge nahmen ihren Laus vom schärftten Gegensatz — so scharf, daß die Frage des Austritts des Bundes aus dem Verband angeschnitten wurde — bis zur Einigung, Wenigstens in ideologischer und — wie München beweisen möge — in organisatorischer Hinsicht. Der Höhepunkt des Jahres war unser erster Bundestag, Pfingsten 1929 in Gaimühle. Zum ersten Male waren über 350 Junggrupplsr zusammen und konnten sich über das, was sie bewegte, aussprechen. Mag auch der Bundestag in seiner äußeren Form unter den Schwierigkeiten, die bereits erwähnt sind, gelitten haben, aus das Endergebnis hat dies keinen Einfluß. Das ganze übrige Jahr war schwierig und kritisch, und mehr als einer hatte Bedenken an der Existenzberechtigung unseres Bundes. Aber wie gesund er doch im Innersten ist, zeigte der zweite Bundesführerkurs in Frankfurt, Weihnachten 1929. Dort zeigte sich auch in unserem Bunde bereits jenes zweite Stadium der Jugendbewegung. Unsere Stellung zum Verband ist eindeutig, unsere innere Entwicklung etwas gefestigter und gereifter. Und nun kommen wir nach München, zu zeigen, daß wir im Verband stehen und zum Verband gehören. Unter allen Schwierigkeiten wächst und wächst der Bund. Wir sind heute 5«6 Gruppen mit rund 1000 jungen, arbeitsfreudigen Menschen. Wir haben am Verband noch viel auszusetzen und werden auf die Verwirklichung unserer Ideen hinarbeiten, aber im Verband und mit dem V e r b a n d. Der Verband aber weiß, daß wir die kommende Generation sind und wird uns ernst nehmen.