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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-06-01 · 11 (1.6.1930) · p. Seite 147

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
11 (1.6.1930)
Article
Jugend hilft Jugend
Date
1930-06-01
Page
Seite 147 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 167 lugend HUkt der lugend Von Rabbiner Dr. Hugo Hahn (Essen) Die Themen unserer Delegiertentagungen werden nicht von der Zentrale willkürlich aufgestellt. Sie ergeben sich vielmehr organisch aus der Arbeit des Verbandes in der Zeit, die zwischen den großen Tagungen liegt. Die Delegiertenversammlung, die vor zwei Jahren in Dresden stattfand, vereinigte ihren Arbeitsstoff unter der Überschrift: „Unser Weg in die Wirklichkeit." Der Sinn dieser Themenstellung ist nur aus der Situation, in der sich unsere Jugend damals befand, richtig zu verstehen. Es sollte durch dieses „Schlagwort" programmatisch zum Ausdruck gebracht werden, daß für unseren Verband die Zeit des nur geistreichen Diskutierens und theoretischen Vortragsbetriebs, aber auch die Zeit des bewußt romantischen Schwärmens und Träumens abseits vom oft unangenehmen Getriebe und Gehaste der Welt vorüber ist. Mit unserm damaligen Motto wollten wir sagen, daß Jugend von heute die Verwirklichung von Persönlichkeitswerten nur in der sachlichen Arbeit des Tages erleben wird. Unser Aufruf ging dahin, die Jugend mit den wirklichen Erziehungsfaktoren vertraut zu machen und ihr den Ort zu zeigen, an dem sie mitgestaltend in den Ausbauprozeß unserer Zeit eingreifen kann Unser Interesse konzentrierte sich damals einmal auf die Frage, wie wir die Jnnenarbeit unseres Bundes sachlicher ausgestalten könnten und dann auf das Problem der Mitarbeit der Jugend am Auf- und Ausbau unserer jüdischen Gemeinden als der organischgewachsenen Zusammenfassung der Jungen und Alten innerhalb unserer Gemeinschaft. Beide Aufgabengebiete sind heute noch genau so drängend wie damals. Inzwischen sind aber eine Fülle neuer Fragen an uns herangetreten, an deren Bearbeitung wir nicht vorübergehen konnten, wenn wir es mit unserem Weg in die Wirklichkeit ernst meinten. Die besonderen Schwierigkeiten, die dem jüdischen Menschen aus der Wirtschaftskrisis unserer Zeit erwachsen, sind nirgendwo früher gespürt und eingesehen worden als in unserm.Kreis. Es ist ja ein Charakteristikum des wirtschaftlichen Umgestaltungsprozesses, der sich vor unfern Augen vollzieht, daß ein neuer Stand entsteht: der Stand der Angestellten, der zwar schon lange da ist, aber in unfern Tagen eine ganz neue Formung erhält. Die Möglichkeiten der Selbständigmachung werden insbesondere im kaufmännischen Beruf immer geringer. Damit ist für den jüdischen jungen Menschen eine vollkommen veränderte Situation geschaffen. Er wird sein Streben, in seinem Fach vorwärts zu kommen, zwar nicht aufgeben. Er muß aber heute immer mit der Möglichkeit rechnen, auf lange Zeit hinaus zum Heer der Angestellten gezählt zu werden. Das bedeutet eine Neueinstellung dem Berufsleben gegenüber, das erfordert eine Umstellung der persönlichen Lebensführung. Wir haben es in der letzten Zeit nur zu oft erleben müssen, wie Freunde aus unfern Reihen, ins Räderwerk des täglichen Betriebs eingespannt, die Lust an jeder bündischen Arbeit verloren; wie wertvolle Führer aus unfern Vereinen ausschieden, weil der Kampf ums tägliche Brot sie so stark in Anspruch nahm, daß sie die Kraft zur Bewältigung der Aufgaben für den Jugendkreis, dem sie innerlich nach wie vor angehören, einfach nicht mehr aufbrachten: wie junge Menschen, die trotz eifrigen Bemühens in keinem Beruf Unterkunft finden konnten, dem jüdischen Leben ganz verloren zu gehen drohten. Hier mußten wir eingreisen. Es fehlten uns die geschulten Kräfte, die aus diesem schwierigen Gebiet bereits gearbeitet und Erfahrung gesammelt hatten. Wir mußten uns das Wissen um diese Dinge erst langsam aneignen, die Maßnahmen zur Behebung dieser Not erst ausprobieren. Wir glauben, im letzten Jahre manches nach dieser Richtung erreicht zu haben. Wir waren mit an erster Stelle daran beteiligt, die jüdische Öffentlichkeit auf die große Gefahr aufmerksam gemacht zu haben, die sich da in unserer Mitte austut, wenn sich die jüdischen Arbeitgeber nicht der großen Verantwortung bewußt sind, die gerade aus ihnen in dieser schweren Zeit lastet. Wir waren eifrig an unserm Teil bestrebt, der auch im jüdischen Mittelstand immer weiter um sich greifenden Arbeitslosigkeit durch freiwillige Stellenvermittlungen zu steuern. Wir haben in einer Reihe von Arbeitsgemeinschaften uns bemüht, unfern Mitgliedern einen geistigen Zugang zu der besonderen Situation, in der wir heute leben, zu eröffnen, um ihnen auf die Weise auch eine seelische Hilfe in ihrem schweren Berufsleben zu bieten. Daß wir mit dieser Arbeit nicht zu Rande gekommen sind, braucht nicht besonders betont zu werden. Wir können als Jugeudvecband zur Behebung dieser Weltkrisis nur in bescheidenem Maß beitragen. Wir dürfen zwar nie müde werden, mit gleichgerichteten jüdischen und nichtjüdischen Organisationen daran zu arbeiten, daß die Arbeitslosigkeit überwunden und die Welt des Arbeitnehmers in menschenwürdiger Weise ausgestaltet wird. Aber wir dürfen auch nie vergessen, daß es unsere Ausgabe als Jugendverband vor allem sein muß, dafür zu sorgen, daß die Freizeit unserer Bunde-sangehörigen in der richtigen Weise genutzt wird. Diese Hilfe zum Aufbau des persönlichen und des Gemeinschaftslebens kann uns nicht von außen kommen. Hier kann nur Jugend der Jugend selbst helfen. In welcher Weise dies zu geschehen hat, darüber sollen uns eben die Beratungen in München einen letzten Aufschluß geben. Dies ist eine der Hauptaufgaben der diesjährigen Delegiertentagung. Mrtschaktskampf und Lebensgestallung Zur Tagung der jüdischen Jugendvereine Von Fritz Schwarz-schild (Düsseldorf) Die jüdische Öffentlichkeit diskutiert im Augenblick lebhaft wirtschaftliche Fragen. Die weittragenden Folgen der Wirtschaftskrise haben auch die Kreise zur Erörterung von Maßnahmen gezwungen, die noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit die besondere Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit den wirtschaftlichen Erscheinungen von jüdischer Seite her zu verneinen geneigt waren. Die deutschen Juden sind deshalb besonders betroffen worden, weil sie einen starken prozentualen Anteil an den Berufsgruppen haben, die den Veränderungen der Wirtschaft vornehmlich ausgesetzt sind. Bei den nichtjüdischen Berufstätigen vollzieht sich die notwendig gewordene Umstellung deshalb leichter, weil für sie die besonderen Schwierigkeiten wegfallen, die sich aus der „Judenreinheit" ganzer Wirtschaftszweige dem Juden entgegenstellen. Zu dieser bedeutsamen äußeren Schwierigkeit kommt aber eine gewichtige Tatsache hinzu, die bei der Erörterung wirtschaftlicher Fragen im jüdischen Kreis besondere Aufmerksamkeit verdient. Die Anschauungen der älteren Generation, die auch in der Erziehung der Jugend ihren Niederschlag gefunden. haben, waren ganz von dem Wert der wirtschaftlichen Selbständigkeit beherrscht. Obwohl für den aufmerksamen Beobachter die Folgen der Wirtschaftsentwicklung nicht verborgen blieben, war das gesellschaftliche Urteil durch diese Anschauung bestimmt und so ergibt sich heute eine für weite Kreise der deutschen Judenheit unerträgliche Spannung zwischen der wirtschaftlichen Realität und dem gesellschaftlichen Maßstab. Das läuft praktisch darauf hinaus, daß die überwiegende Mehrzahl der jüdischen Berufstätigen heute in bezug auf ihre wirtschaftliche Existenz mit der Dauer eines abhängigen Verhältnisses rechnen müssen und auch rechnen, während sie in bezug auf Lebensstil und Lebensanschauung sich so gebärden, als stände das durch die Entwicklung erledigte Ideal einer wirtschaftlichen Selbständigkeit als Ziel noch vor ihnen. Als Glied der Wirtschaft haben sie sich der Unerbittlichkeit der Entwicklung beugen müssen. Als Glied der jüdischen Gesellschaft sind sie noch in den Anschauungen und Wertbegriffen der Vorkriegsgeneration befangen. So bieten sich diese Menschen, vorzugsweise auch gerade aus der jüngeren Generation, als jene wenig fympatischen Typen dar, die voll Scham die Bitterkeit ihrer proletarischen Existenz tragen. Die Notwendigkeit von Hilfsmaßnahmen der jüdischen Öffentlichkeit durch Eröffnung neuer Berufsaussichten ist erkannt. Es ergibt sich aber gerade für die jüngere Generation angesichts des deutlich erkennbaren weiteren Fortschreitens dieses Proletarisierungsprozesses eine Erziehungsaufgabe, die mir mindestens ebenso wichtig erscheint. Unsere Münchener Tagung wird sich den Problemen von Wirtschaftskamps und Lebensgestaltung widmen. Zu vieles ist noch un-

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