Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 10 (15.5.1930)
- Article
- Abschiedsfeier
- Date
- 1930-05-15
- Page
- Seite 136 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 155 Aus der Gemeinöe München Abfchiedsfeier Wie in den beiden Vorjahren fand auch Heuer zum Schulfchlusse eine von Rabbinat und Gemeinde veranstaltete Äbschiedsfeier für die Schüler und Schülerinnen, die nun aus der Schule ins Leben treten, statt, zu der außer zahlreichen Absolventen und Absolventinnen und ihren Eltern Vertreter des Gemeindevorstandes und des Schulausschusses sowie der gesamte Lehrkörper erschienen waren. Nach einem einleitenden Gesang, von Herrn Kantor Müller stimmungsvoll vorgetragen, beleuchtete Herr Rabbiner Dr. Baerwald Sinn und Bedeutung der Stunde, die mehr sein solle als ein bloßer Abschied und feierlicher Abschluß. Das Band, das der Religionsunterricht in jahrelanger Zusammenarbeit um Lehrer und Schüler geschlungen habe, müsse für das Leben geknüpft bleiben. Wenn der alte Satz „non scholae, sed vitae discimus" schließlich für jeden Unterrichtszweig zutreffe, so ganz besonders für den Religionsunterricht, denn dieser müsse Herz und Seele in ihrer Tiefe erfassen und so gestaltend und formend auf das Leben einwirken. Aufgabe der Jugend müsse es sein, den ewig wechselnden „Zeitgeist" zu überwinden, indem sie den Blick aus das Überzeitliche, das sich in der Religion darbiete, gerichtet halte. Namens der Gemeinde gab Herr Rechtsanwalt Dr. Wilmersdoerffer den Absolventen herzliche Segenswünsche mit auf ihren weiteren Lebensweg. In eindringlichen Worten forderte er sie zum Anschluß an die Gemeinschaft auf. Die Gemeinde wolle und brauche die Jugend. Jederzeit und gerne stelle sie ihre Einrichtungen derselben zur Verfügung, bereitwillig wolle sie den Bestrebungen der Jugend, die die künftigen Führer zu stellen habe, ihre Unterstützung leihen. Den Dank der Schüler brachte Abiturient Engelberg zum Ausdruck, der an die Pflicht zur Fortbildung auf dem unermeßlich weiten Gebiete der jüdischen Religionswissenschaft mahnte. Nachdem den Absolventen und Absolventinnen noch je ein Buch zur dauernden Erinnerung überreicht worden war, schloß mit einem gleichfalls von Herrn Kantor Müller vorgetragenen Liede die schlichte und doch so eindrucksvolle Feier. Jüdisches Jugendheim München: Vorträge von Dr. Ernst Simon Vorübergehend weilt Herr Dr. Ernst Simon in Europa. Die jüdische Jugend Münchens hat ihn in herzlicher Freude über seine Anwesenheit um Vorträge gebeten. Der Einladung folgend wird Dr. Ernst Simon in öffentlichem Vortrage am Mittwoch, dem 4. Juni, abends 8 Uhr, über Franz Rosenzweig, und am Donnerstag, dem 5. Juni, abends 8 Uhr, über traditionelles Judentum und Erziehungsfragen sprechen. Beide Vorträge finden im Kunstgewerbesaal, Pfandhausstraße 7, statt. Zur Deckung der Unkosten werden von Jugendlichen 30 Rpf. für den Einzelvortrag, 50 Rpf. für beide Vorträge, und von den Erwachsenen 50 Rpf. für jeden Vortrag an der Abendkasse erhoben. An die Münchener jüdische Jugend! Errichtung einer Beratungsstelle Aus der Münchener jüdischen Jugend heraus ist der Wunsch laut geworden, eine freie Beratungsstelle für Jugendliche zu schaffen, die, getragen von gegenseitigem menschlichem Vertrauen, jungen Menschen Rat-und Hilfe, wo immer sie nötig ist, erteilen soll. Sie ist nicht zuletzt auch für solche gedacht, die keiner Jugendorganisation angehören, die vielleicht nicht die Möglichkeit haben, sich an Führer oder ältere Freunde, die ihr Vertrauen rechtfertigen, zu wenden. Selbstverständlich wird völlige Diskretion gewahrt — die Ratsuchenden brauchen ihren Namen nicht anzugeben. Wir wissen, auch in der jüdischen Jugend gibt es verschwiegene Nöte, geheime Ratlosigkeit, Schwierigkeiten in Fragen der Lebensfiihrung und Lebensgestaltung, von denen Eltern und Lehrer oft nichts erfahren, weil die Furcht, gerade von seiner nächsten Umgebung nicht verstanden zu werden, den jungen Menschen schweigen läßt. Hier will die Beratungsstelle helfend eingreifen, will neutralen Boden, menschliche Nähe und Aussprachsmöglichkeit schaffen. Mitglieder der Beratungsstelle, vorgeschlagen von einem jugendlichen Kreis, sind: Dr. Erich Feuchtwanger, Nervenarzt, Adelheidstraße 6, Tel. 371138; Dr. Alfred Aller, Verleger, Herzog-Wilhelm- Straße 20, Tel. 93 0 99; Frau Dr. Rahe! Straus, Ärztin, Kobellstraße 13/1, Tel. 73 8 89; Frau Gertrude Weill, Königinstrahe 4, Tel. 28 0 87; Rudi Baer („Kameraden"), Elisabethstraße 23, Tel. 370 602; Ernst Eisen (K.J.V.), Schwanthalerstraße 95, Tel. 597 238; Jakob Kohnstamm, Rechtsanwalt, Maximiliansplatz 12b, Tel. 93 8 01. Die drei Letztgenannten find selbst jüngere Menschen, die aus der Jugendbewegung kommen. Wendet Euch an eines der Mitglieder, wenn Ihr Rat und Hilfe braucht. Sie bitten um Euer Vertrauen — in Eurem Dienst! Aus den Kultusgemeinden der Pfalz Zum Heimgang des Bezirksrabbiners Dr. Eugen Meyer in Pirmasens Von Bezirksrabbiner Dr. Ernst Steckelmacher, Bad Dürkheim Der Rabbinatsbezirk Pirmasens und darüber hinaus das pfälzische Judentum hat soeben einen sehr schmerzlichen Verlust erlitten. Am Jsru chag Pestach ist Bezirksrabbiner Dr. Eugen Meyer (Pirmasens), geboren in Jngenheim bei Landau im Jahre 1867, seit 1899 im Rabbinatsbezirk Zweibrücken-Pirmasens tätig (Bezirksrabbiner Dr. Eugen Meyer war auch zu Beginn seiner Amtierungszeit Verweser des Münchener Rabbinats), auf der Reife nach Bad Nauheim, wo er Erholung suchte, einem Herzschlag erlegen. Kaum vierundzwanzig Stunden zuvor hatte er noch beim Festgottesdienst des letzten Pessachtages zur Gemeinde seines Sitzes Pimasens gesprochen und, wie er es so oft tat, durch awe Predigt zur Erhöhung der Festandacht beigetragen. Aufs ergreifendste hat sich also hier das Wort des Patriarchen Jakob bestätigt, das er jenem göttlichen Wesen zugerufen, mit dem er die Nacht hindurch gerungen: Lo aschallechacho ki im berachtoni „Ich lasse Dich nicht, Du habest mich denn gesegnet". Ja, seine Gemeinde nahm nicht von ihm Abschied, bevor sie nicht noch einmal von ihm gesegnet worden war, bevor ihr nicht noch einmal jene religiöse Belehrung zuteil geworden, die er Jahrzehnte hindurch dank seiner glänzenden Beredsamkeit, die ihren Eindruck nie verfehlte und alle Zuhörer begeisterte und mit fortriß, in ganz hervorragendem Maße zu übermitteln vermochte. Wajehi jodow emunoh ad bo haschomesch „Seine Hände hielten in Treue aus bis Sonnenuntergang". Ein sehr treffendes und anschauliches Bild von ihm und seinem Wirken hat an seiner Bahre vor einer überaus großen Trauergemeinde Bezirksrabbiner Dr. Einstein (Landau) entworfen und die Individualität des Heimgegangenen Freundes recht plastisch vor unser Auge treten lassen. Auch widmete er ihm im Aufträge der Bayerischen Rabbinerkonferenz herzliche Abschiedsworte. Sein Leben und Schaffen brachten uns auch die anderen Nachrufe nahe, die Worte treuen Gedenkens, die ihm vom Rabbinatsbezirk Pirmasens durch das Mitglied des Synagogenrats der israelitischen Kultusgemeinde Pirmasens, Moritz Mayer, vom Verbände der israelitischen Kultusgemeinden der Pfalz durch Kommerzienrat Albert Joseph, vom jüdischen Jugendbund in Pirmasens durch dessen Vorstand, von einem Vertreter der ostjüdischen Gemeindemitglieder und einem Mitglied der sozialdemokratischen Partei gewidmet wurden. Die vielen Worte der Anerkennung und Würdigung priesen insbesondere die Güte seines Herzens, seine nie versagende Hilfsbereitschaft, sein mutvolles und tapferes Eintreten für das, was er als wahr und recht erkannt hatte. Tief bewegt waren alle, die Dr. Eugen Meyer die letzte Ehre erwiesen, als einer seiner Söhne vor dem offenen Grabe von seinem Vater Abschied nahm, ihm wundervolle Worte kindlicher Pietät nachrief, dem Schmerze darüber Ausdruck verlieh, daß die Hände des geliebten Vaters sich nun nicht mehr segnend auf die Häupter seiner Kinder breiten können. Kindliche Pietät hatte der Verblichene seinen Kindern schon vorgelebt. Um auch in irdischem Sinne mit seinen Eltern, an denen er immer mit herzlicher Liebe gehangen, wieder vereint zu sein, hatte er angeordnet, daß er auf dem Friedhof seines Geburtsortes Jugenheim bei Landau an der Seite seiner Eltern bestattet werde, wo er nun ausruht von seinem kampfreichen Leben- Ja, er hat nun ausgekämpft — der Friede des jom fchekullo fchabbos, des ewigen Sabattages, ist nun eingekehrt auch in feine Seele, die oft so ruhelos war, so lange sie noch mit ihrem Körper verbunden war — ein wahrhaft versöhnender und aufrichtender Gedanke für seinen Familienkreis, für seine schmerzgebeugte Gattin, seine wehmuterfüllten Kinder, für alle, die ihm nahegestanden, die tief bestürzt waren, als sie von seinem so jäh erfolgten Heimgang hörten.