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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-05-15 · 10 (15.5.1930) · p. Seite 135

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
10 (15.5.1930)
Article
Deutschland in der "Encyclopaedia Judaica"
Date
1930-05-15
Page
Seite 135 (sequence 2)
Language
German
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154 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 keit die ersten Juden brachten, von der guten Gesamtlage vor den Kreuzzügen, von den später einsetzenden Judenschutzsteuern, die ein Achtel der kaiserlichen Gesamteinnahmen ausmachten, von der weiteren Verschlechterung der Lage in der „Zeit des christlichen Sozialismus", wie Elbogen das fünfzehnte Jahrhundert nennt — damals mißgönnte man ihnen sogar die „festen Berufe" als Straßenkehrer und Kloakenreiniger! —, von der Entwicklung des jüdischen Geldhandels feit dem dreizehnten Jahrhundert, der sein sprachliches Symbol in dem vulgärlateinischen Worte „juckairarre" für „wuchern" findet, von der Verschärfung der kirchlichen Zinsverbote feit dem Jahre 1215, von den angeblichen Hostienschändungen, von den Judenbränden, die der Schwarzen Pest vorangingen, nicht ihr folgten, wie man früher meinte, vom endlichen Exodus nach Polen und dem neuen Aufschwung nach 1648, der allmählich ins Zeitalter der Emanzipation hinüberfuhrt. Eine geschichtsphilosophische Betrachtung, die natürlich nicht Aufgabe der Enzyklopädie sein kann, würde etwa zum Thema des Zinsverbotes der Kirche hinzufügen wollen, daß sich an ihm die ganze Tragik der Diasporaexistenz auswirkte: das kanonische Recht übernahm das Zinsverbot für die christlichen Gläubigen geraden Weges aus unserer Thora, wie ja überhaupt die mittelalterliche Kirche mit dem Anspruch auftrat, Erbin des einstig auserwählten Volkes und das wahre Israel zu sein. So wandte sich ein zu unserer sozialethischen Läuterung gegebenes Verbot in der Hand unserer Bedränger gegen uns selbst: die Christen fühlten sich religiös verbunden, auf das Zinsnehmen zu verzichten, und zwangen auf diese Weise die Juden in die Rolle der ökonomischen Zinsherren und damit in Wahrheit der geistigen Zinsknechte Europas hinein. Der Dogmatiker wiederum möchte vielleicht zu Elbogens Bericht über das Märchen der Hostienschändung eine Erweiterung fügen. Die Behauptung, daß die Juden die Hostien durchstechen und ihnen Blut entlocken, steht natürlich in Zusammenhang mit der Beschuldigung, Jesus ermordet zu haben, aber es führt noch ein speziellerer Weg zu ihrer spezifischen Form. Im Dogma der „Transsubstantation" lehrt die Kirche bekanntlich, daß Wein und Hostie (Oblate), die beim Abendmahl gereicht werden, Blut und Leib „des Herrn" sind. Durchsticht man die Hostie, trifft man den Leib des Herrn und entlockt ihm Blut. Hier liegt auch der Zusammenhang zwischen jenem Märchen und dem des Ritualmordes: die angeblich mit dem Blut von Christenknaben gebackenen Mazzoth sind natürlich, wie tausendfach nachgewiesen, infolge des jüdischen Verbotes, Blut in irgendeiner Form zu genießen, als rituelle Mazzoth vollkommen undenkbar: sie sind in Wahrheit eine Art phantastischer Hostien, die der Volksaberglaube mit Blut in Verbindung zu bringen von der grob verstandenen Transsubstantationslehre her gewohnt war. Der Politiker etwa könnte auf den Gedanken verfallen, die Einheit des Judentums aus der von Elbogen referierten Ostwanderung der deutschen Juden und der in den letzten Jahren vielfach erfolgten Rückwanderung ihrer Nachkommen nach Deutschland zu erweisen und daraus bestimmte Schlüsse für die Gleichberechtigung der deutschen Juden damals in Polen, der Ostjuden heute in Deutschland zu ziehen. Der Geistesgeschichtler wird die Darlegungen über den deutschen Chassidismus des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts mit besonderem Interesse lesen und vielleicht finden, daß Gerhard Scholems hierhin gehöriger Akademieauffatz über die „Frage der Entstehung der Kabbala" in seinen Ergebnissen stärker hätte berücksichtigt werden können; er mag sich dann auch Gedanken über die Verschiedenheit des deutschen vom spanischen Typ machen und etwa der Rolle des „Rofch", des Ascher ben Jechiel gedenken, der aus Deutschland nach Spanien wanderte und halachische Systematik sowie die Vorstellungen des deutschen abgeschlossenen Ghetto dorthin brachte. All diese erweiternden Bemerkungen sind aber in keiner Weise als Kritik der Arbeit Elbogens gemeint, sondern wollen gerade ihren anregenden Wert dartun: der zugleich ruhige und reiche Vortrag enzyklopädischer Sachlichkeit, der sich bewußt von jeder notwendig einseitigen geschichtsphilosophischen Deutung, politischen Schlußfolgerung, geistesgeschichtlichen Parallelisierung fernhält, gibt ihnen allen, und somit der Selbstarbeit des Lesers, gerade dadurch weitgehend Raum. Der Abschnitt „Gegenwart" ist von Dr. Josef Meisl verfaßt und orientiert ausgezeichnet, wenn wir auch bei der Aufzählung der jüdischen höheren "Schulen die Talmud Thora in Hamburg, die Höhere Jüdische Schule in Leipzig, die Jawneh in Köln, unter den Volkshochschulen die bedeutsame „Schule der jüdischen Jugend" in Berlin, im ganzen einen Abschnitt über die jüdische Presse, insbesondere auch über die Gemeindeblätter, vermissen. Das „Propalästinakomitee" ist keine rein jüdische, sondern eine gemischte Organisation; an seiner Stelle hätte der neutrale Keren Hajessod stehen müssen. Über „Statistik" belehrt uns der vorzügliche Sachkenner Professor Hanauer, und wir stehen erneuert erschauernd vor Zahlen wie diesen: In den Jahren 1880 bis 1919 ließen sich durchschnittlich 205 Juden im Jahre taufen, von 1920 bis 1924 durchschnittlich 445, also mehr als die Hälfte. Mischehen gab es unter rein jüdischen Ehen von 1921 bis 1927 44,8$? im Durchschnitt, im Jahre 1925 sogar 48,6%. Dazu kommt, daß auch die Selbstmordziffer der Juden und ihr Anteil an den Geisteskrankheiten über dem Durchschnitt der nichtjüdischen Bevölkerung liegt. Wenn man dagegen bedenkt, daß die Tauf- und Mischehenziffer in dem neuen Gemeinwesen Palästinas gleich null ist, so wird damit eine voltseugenische Bedeutung des Palästinaaufbaues klar, die bisher wohl kaum hervorgehoben wurde. Der letzte Hauptabschnitt „Juden in der deutschen Kultur" hat nicht nur acht Unterteile, sondern demgemäß auch acht Verfasser. Damit kommt unvermeidlich eine gewisse Uneinheitlichkeit der Bewertung und Stoffauswahl hinein, die sich vor allem darin zeigt, daß manche Autoren, z. B. der bedeutende Walter Benjamin in seinen Ausführungen über die Geisteswissenschaften, das personale Moment in den Vordergrund stellen —> er wird dadurch dem Phänomen des jüdischen literarischen Publikums nicht gerecht, das vielleicht wichtiger war als viele Autoren — während andere, so vor allem Fritz Kahn, in dem hervorragenden Beitrag über Naturwissenschaften und Technik, kollektive Wandlungen in der Geschichte der deutschen Juden der Aufzählung der Einzelleistungen überordnen. Uns scheint dies letzte Prinzip richtiger zu sein, da nur so die apologetische Unmanier, mit unseren Leistungen und großen Männern zu prahlen, die hier vom Thema selbst gefährlich nahegelegt wird, einigermaßen vermieden werden kann. Bedauerlich ist, daß die Abschnitte dieses Teiles, mit Ausnahme von Kurt Ziele n z i g e r s gutem Beitrag über „Wirtschaft" und einer Angabe in Ernst F e d e r s „Politik", keinen Literaturnachweis bringen. Benjamin, dessen knappe Charakterisierungen, insbesondere der Philosophen, oft geradezu meisterhast sind, hätte z. B. das bekannte Sammelwerk von GustavKrojanker: „Juden in der deutschen Literatur" unbedingt erwähnen müssen, ebenso Arnold Zweigs entsprechendes Buch über jüdische Schauspieler. Beinahe unverständlich ist es, daß Feders „Politik" zwar Lassalle, aber nicht Karl Marx behandelt, der doch mindestens als Redakteur der „Rheinischen Zeitung" und als Mitverfasser des „Kommunistischen Manifestes", aber doch auch noch später von London aus den entscheidendsten Einfluß aus die deutsche Politik übte, die Feder allzu einseitig vom Gesichtspunkt der Reichsgründung aus sieht, um ihn würdigen zu können. Es ließe sich noch so manches sagen, meist Gutes und weniger Kritisches. Und das, Leser, über kaum hundert Spalten! Der Band aber hat 1214! Also: Komm und lies, oder besser: Gehe hinaus undlerne! k> HAUS DER QUALITÄT SS TOFFE i ' N. STARK & Cil j NÜRNBERG 1 LUITPOLDSTRASSE II J .J I MÜNCHEN p KARLS PLATZ 5 L

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