Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 9 (1.5.1930)
- Article
- Am Ende der Philosophie [Rezension]
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 122 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2727810-2727900-2727909-2737793--06053-2737851- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 139 Ihr Zuhause Hotel Bayerischer Hoff m* ■ig4B I Bestellen Sie bitte rechtzeitig. Fern ruf 22 Am Ende der Philosophie Von Dr. Hans Taub So lautet der Titel eines Buches, mit dem Dr. Ludwig Freund, der bekannte Syndikus des bayer. Landesverbandes des Centralvereins, zum erstenmal an die Öffentlichkeit tritt? Wenn das Wort von Vauvenargues: „La claxte est la bonne foi des philosophes“ (die Klarheit ist das gute Gewissen der Philosophen) heute noch Geltung haben soll, so trifft es auf diesen philosophischen Erstling zu. Und wenn ein Werk der Philosophie seinen Wert dadurch bezeugt, daß es auf e i n e n Gedanken zurückzuführen ist, wäre dies folgende Überzeugung: Die Philosophie hat die schwere Aufgabe, das Rätsel der Welt zu lösen. Was wir aber von den Gegenständen, von denen die Welt erfüllt ist, auszusagen vermögen, ist stets auf unsere Begriffe, unser Wissen um sie beschränkt. Die Schwierigkeit der Position wächst, weil nie zu beweisen ist, was am Gegenstand das wirklich Wesentliche ist. Die Philosophie soll das Dasein erklären. Allein es gibt keine mit absoluter Sicherheit und Unumstößlichkeit ausgerüsteten Definitionen. Die Möglichkeit reinen Erkennens ist daher ein unlösbares metaphysisches Problem. Der Ausklang der Philosophie ist — der Zweifel! Darum müßte die Philosophie den Menschen zur Demut stimmen. Ein Blick aus die Philosophie der Gegenwart zeigt aber das Gegenteil. Wir sehen ein Gebiet des menschlichen Wissens, bei dem schon der Anfang höchst problematisch ist, in apodiktische „Gewißheitsnormen" verstrickt, wir sehen „freie Literaten" wie Hans B l ü h e r und Rud. Steiner, die, von keinen Skrupeln beschwert, Pamphlete und Phantasmen, Halbheiten und Hohlheiten für die Wissenschaft der letzten Dinge ausgaben und dadurch eine ungeheure Verwirrung in den Köpfen anrichteten, wir sehen, wie Graf Hermann Keyserling, ebenfalls unbekümmert um die Schranken unserer Erkenntnis, sich selbst den Ehrentitel eines Philosophen beilegt und eine „Schule der Weisheit" gründet, die Heinrich Haffe, der Frankfurter Ordinarius für Philosophie, einmal „die Schule der Naseweisheit" genannt hat, wir sehen, wie noch heute wie einst, als Schopenhauer seine Philippika gegen die Universitätsphilosophie schrieb, akademische Lehrer, getragen von einem beneidenswerten Erkenntnisoptimismus, ohne Spannkraft der Kritik, d. h. ohne philosophische Begabung alsbald mit ihren eigenen „Systemen" aufwarten, die mit ihren geschraubten und wirklichkeitsfernen Konstruktionen in der Regel ebenso rasch wieder verfliegen, als sie entstanden sind. Diesen Zusammenbruch mußte die Philosophie erleiden, weil sie sich, ihrer Verantwortung nicht bewußt, von den engen Bahnen entfernte, die ihr seit 1781, dem Jahr des Erscheinens der „Kritik der reinen Vernunft", Kant gezogen hat. Kant ist nun einmal der große einmalige Erkenntniskritiker, der nicht übertroffen werden kann. Es ist ein ausgezeichneter Gedanke des Kämpfers Dr. Freund, daß das Bestreben, über Kant hinaus zu gelangen, regelmäßig auf die Zeit „vor Kant" zurückführt. Keineswegs Kant blind ergeben, betrachtet er es als Sinn und Aufgabe seiner Schrift, „die verwirrten Gemüter wieder zu Kant zurückzuführen und auf ihn besinnen zu lassen, allerdings auf eine unverfälschte Weise". Es muß aber in diesem Zusammenhänge gesagt werden, daß der begeisterte Apostel Kants seinem Meister nicht vollkommen gerecht wird, wenn er behauptet, daß „die bedenkenlose Zuordnung von Raum- und Zeitanschauung zur Form der Erkenntnis uns einfach unverständlich er- 1 Erschienen bei Ernst Reinhardt in München. scheint". Die Tatsache, daß der Raum und die Zeit den Dingen selbst nicht zukommen, sondern nur unserem Erkenntnisvermögen angehören, ist eine der größten Entdeckungen des Menschengeistes und gehört nach Schopenhauer zu den höchst wenigen Lehren, die man als wirklich metaphysisch ansehen kann. Deshalb bedarf auch die weitere Behauptung Freunds, es gebe in der Metaphysik keinen einzigen unproblematischen Satz außer dem von der Unerkennbarkeit metaphysischer Gegenstände, einer Modifikation. Was nun dem Buche Freunds eine besondere Rote verleiht, ist, abgesehen von der einen Philosophen in Deutschland fast degradierenden verständlichen Sprache, der Umstand, daß es mehr ist als eine in seiner Unabhängigkeit und Redlichkeit erfrischende Streitschrift. Wenn die Philosophie allem Gegenwartsgeklingel zum Trotz auch 125 Jahre nach Kants Tod sich noch auf ihre Grenzen besinnen muß, so liegt die Frage nahe, ob andere Zweige des Wissens oder der Erbauung nicht bereits längst deren abgrundtiefe Aufgabe erfüllten. Sollen an die Stelle des Erkennens Intuition und Erleuchtung treten, hat die Philosophie ihr Szepter an Religion und Mystik zurückzugeben? Wir pflegen in Philosophie und Religion, im Denken und im Glauben vollkommen heterogene Gewalten zu erblicken und fühlen Welten Heraufziehen, die sich nicht überbrücken lassen. Um so mehr ist es ein Genuß, bei Freund nachzulesen, wie allen wissenschaftlichen und philosophischen Gegensätzen Einseitigkeiten der Auffassung zugrunde liegen und — das ist das neuartige, zum Nachdenken anregende Ergebnis — diese Einseitigkeiten der Auffassung auf irgendwelche „Glaubenssätze", die sich nicht beweisen lassen, zurückführen. Die Glaubensakte sind im Denken unvermeidlich. Diesen mutigen Satz wollen wir dem Denker nicht vergessen. Hat doch auch Goethe einmal den Satz geprägt: „Alles, was wir wissen, sind Glaubensbekentnisse." Freund bleibt aber bei dieser Einsicht nicht stehen; sie dient ihm dazu, die „gewaltige Korrekturarbeit" aufzu^igen, die der Philosophie Vorbehalten bleibt. Ebensowenig räumt er bei aller Schärfe der Beleuchtung des Erlebnisses des Mystikers diesem einen Einfluß auf die Gestaltung des Weltbildes ein: „Das Wissen fehlt und somit die Möglichkeit zur Definition." Wie er aber dem menschlichen Denken dadurch auf den Grund geht, daß er zeigt, welche Hemmungen ihm durch das unbewußte Eindringen aus dem Reich des Glaubens erwachsen, so deckt er auch in einem bedeutsamen Kapitel die Schwierigkeiten auf, die sich der Wahrung des „autonomen Charakters der religiösen Erlebnissphäre" entgegenstellen. Hier zeigt er sich als ein feiner Kenyer der nach Erlösung ringenden Menschenseele, um schließlich zu dem Fazit zu gelangen, daß Philosophie und Religion weder Rivalen noch Gegner sind. Sie sind „gerade noch" Gefährten. „Gerade noch." Diese zwei Wörtlein sind bezeichnend für die Art des Freundschen Denkens. Er findet aus einem Chaos, aus einer einstürzenden Welt die Grenzen wieder heraus, die ein anderer, ein Größerer, vor ihm einmal abgesteckt hatte. Er verfolgt die Grenzen der menschlichen Erkenntnis nicht durchwegs in allen ihren Zügen, er beachtet auch diejenigen nicht immer, die ihm auf seinem Weg voranleuchteten, aber er ist trotzdem ein Sehender. Und wenn es der Verfasser, allen Regungen des Gefühls abhold, auch verschweigt: Sein Buch ist der Ausdruck einer Sehnsucht, die immer das Kriterium der Wahrheit ist. fl|%| pi% ADLERWERKE fr an k fu St ahcmain Nl/likn Filiale München, Augustenstr. 40, T. 50206/07 Automobile ./ Fahrräder / Schreibmaschinen