Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 9 (1.5.1930)
- Article
- Jüdische Kunst [Rezension]
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 121 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2727810-2727900-2727909-2737792--06051-2737850- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
138 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 9 Jüdische Kunst Zu dem Buche von Ernst Cohn Wiener. (Berlin, 1929, Wasservogel) Von Mifcha Grünwald Das Unternehmen, eine „Geschichte der jüdischen Kunst", von den Anfängen bis zur Gegenwart, zu schreiben, ist eine Pioniertal der Kunstgeschichtschreibung für ein bis dahin auffallend vernachlässigtes Gebiet; dementsprechend groß müssen die Schwierigkeiten gewesen sein, die Cohn Wiener zu bewältigen hatte, und von denen er nur in einem bescheidenen Satz des Nachwortes redet. Im Grunde sind natürlich dieselben Berhältnisse maßgebend, wie bei einer allgemeinen Geschichte des Judentums, der jüdischen Kultur. Nicht erst in der Diaspora, die, rein quantitativ gemessen, immer den größten Raum der jüdischen Geschichte einnimmt, auch vorher wird selten eine solche Einheitlichkeit erweisbar, wie wir sie Lei anderen, glücklicher lebenden Völkern des Altertums, der neueren Geschichte kennen. Bei der Kunstgeschichte kommt hinzu, daß das bildnerische Vermögen des Juden durch bestimmte Faktoren jahrhunderte lang gehemmt wurde und, wie Cohn Wiener richtig betont, erst durch die jüngste Entwicklung des internationalen Judentums zu freiester Entfaltung kommen konnte. So wird die Geschichte jüdischer Billmerei ein symptomatischer Begleitvorgang für das Schicksal Israels überhaupt. Wer sich gewöhnt hat, die fruchtbarste Haltung zur Kunstgeschichte einzunehmen, nämlich, sie als Geistesgeschichte zu verstehen, wird hier bestimmt auf seine Kosten kommen. Der Hauptwert der in annähernd drei Jahrtausenden geschaffenen Kunstwerke liegt hier weniger in irgendeiner ästhetischen Wohlgefälligkeit, als vielmehr in dem Grade von Intensität, mit der uns das Leben unseres Volkes, die Wandlungen seiner Religiosität, nicht seiner Religion, vor Augen geführt werden. Die Kraft der urjüdischen Symbolik wird dabei wieder erweislich, die die Form der wichtigsten Kultgeräte, etwa des siebenarmigen Leuchters von frühester Zeit bis in die Gegenwart forterhalten zeigt. Von einheitlicher Entwicklung ist allerdings nie die Rede. Der Jude hat zur Bildnerei kein so ursprüngliches Verhältnis wie zur Schrift. Er ist zu ernst, um sich in leichten, nur das Auge erfreuenden Formen auszugeben; es ist immer zu viel Intellekt dabei und die an sich wohl vorhandene Sinnlichkeit der Erlebung der Natur gegenüber erleidet fast stets eine Hemmung durch religiöse Bildverbote, die wahrscheinlich noch älter sind, wie das in der Thora gesetzhaft festgelegte. So sind der jüdischen Malerei und Plastik von Anfang an enge Grenzen gezogen gewesen. Erst die.modernste Zeit hat sie überwunden; bis dahin war man auf Architektur und Schmuckkunst beschränkt geblieben. In diesen Zweigen oft mehr kunstgewerblicher Übung wurde allerdings zu allen Zeiten Großes, Besonderes geleistet. Schon die Architektur des Tempels, soweit wir sie uns aus Überlieferungen und Funden noch zurückkonstruieren können, beweist das. Sinn für Monumentalität, für repräsentative Würde kennzeichnet die Zeit der Könige. In Wende des 2. und 1. vorchristlichen Jahrtausends, sind Bauten entstanden, die sich mit den großen Schöpfungen der Ägypter, der vorderasiatischen Völker recht gut messen konnten. Erhalten geblieben sind uns leider nur dürftige Reste. Der Stil dieser ersten Blüte jüdischer Kunst schließt sich streng an das an, was wir gleichzeitig und vorher vor allem in Assyrien und Ägypten kennen. Diese frühzeitig bewiesene Assimilierungsneigung schließt im einzelnen nicht Originalität aus. Im Altertum herrscht auch bei anderen Mittelmeerkulturen zunächst der ägyptische, später der griechische Einfluß vor. Aus der Zeit der Fremdherrschaft ist natürlich wenig Eigenes vorhanden. Später, unter den wechselnden Eindrücken, die die Jahrhunderte des Hellenismus auch für Israel bedeuten, bildet sich ein Baustil heraus, der in der Gründung eines Makkabäerfürften, Johann Hyrkan, der antiken Stadt Tyrus, gipfelt. Man hat sie wieder ausgegraben, es ist das heutige Arak il Emir im Ostjordanland. Die mächtigen Mauern des Palastes waren von Tierfriesen geschmückt; später, in einer strengeren Zeit Israels wurden sie abgemeißelt, wie auch an den frühen Synagogen Palästinas die Tierdarstellungen zerstört wurden. Unter römischer Herrschaft enfftehen große Tempel und Palastbauten, die sicher zum größten Teil von einheimisckien, jüdischen Künstlern geschaffen wurden. Allerdings mußte man sich, wie etwa bei der Monumentalarchitektur des Herodestempels und der dazugehörigen Burg Antonis an den römischen Stil anschließen. In Samaria durfte es Herodes wagen, eine richtige Agora zu bauen mit einem dort aufgestellten Kaiserbildnis und einem Amphitheater. Nach der Zerstörung Jerusalems und der vollständig durchgeführten Unterjochung Palästinas unter die römische Herrschaft, entstehen, merkwürdigerweise, nun erst die besonders wichtigen Synagogenbauten im Lande. Nach der Zeit anfänglicher Verfolgungen wird trotz Verlustes der politischen Freiheit die religiöse Hegemonie wieder durchgeführt: im alten Kapernaum entsteht eine der schönsten Synagogenbauten des Altertums. Auch sonst hat die Diaspora nur fördernd auf die jüdische Kunst gewirkt. In Grabbauten und Katakomben sind zum Teil sehr bemerkenswerte Zeugnisse von Schmuckkunst erhalten geblieben. In diese Zeit fällt auch die seltsame Gründung eines Nebentempels, „gleich dem in Jerusalem nur kleiner und ärmlicher" in Ägypten durch den Sohn eines Hochpriesters Omas, er bestand bis 71 n. Ehr., wo er von den römischen Präfekten zerstört und ausgeplündert wurde. Nur die nackten Mauern sind erhalten und lassen wenigstens den Grundriß nachzeichnen. Nach Jahrhunderten der Verfolgung, des wirrsten Schicksals der Zerstörung durch die kulturell aufblühenden Länder des Abendlandes stoßen wir dann erst wieder im Mittelalter auf wichtige Bildwerke. Es sind das vor allem einige sehr schöne Synagogen in Spanien und sodann die Zeugnisse der jüdischen Buchmalerei. Der Reichtum der spanischen Judenschaft spiegelt sich in den zum Teil sehr prunkvollen, geschmackvollen Bauten, die natürlich mit der gleichzeitigen Kunst Spaniens viele Verwandtschaften aufweisen. So hat eine Synagoge in Toledo (heute Kirche Skt. Maria la Bianca) das Gepräge einer maurischen Moschee, während eine andere, ebenfalls später in eine Kirche verwandelte Synagoge Toledos in ihrem herrlichen Reliefschmuck der Innenwände den plateresken Stil der gleichzeitigen spanischen Plastik aufweist. Alle diese Kunstdenkmäler, die zum größten Teil unserem Andenken vollständig entschwunden waren, bringt uns das Buch in interessanten Abbildungen näher. Ganz besonders wertvoll war es, daß Cohn Wiener ein so breites Kapitel der Buchmalerei widmet, die vom 13. bis zum 17. Jahrhundert in einer stattlichen Reihe von Handschriften vor uns liegt; vor allem ist es die Ausschmückung des eigentlichen Bilderbuchs des Judentums, der Haggadah, bei der sich das malerische Können mittelalterlicher jüdischer Künstler in oft überraschenden Leistungen kundtut. Die Renaissance erst zeitigt, vor allem in den reichen Gemeinden Italiens, später Hollands, eine Blüte jüdischen Kunstgewerbes, der Möbel-, der Goldschmiedekunst, der Innenausstattung, die, wie Cohn Wiener feststellt, immer eine besondere Begabung des Juden geblieben ist. Die Neuzeit bringt zunächst das weniger erfreuliche Kapitel der vielen Disidenten, die wie Bendemann, wie Veit, wie Mengs der romantischen Verführung des Kacholizismus verfielen. Die Moderne, in der es eine ganze Reihe von bedeutenden jüdischen Künstlern gibt, ist in dem Buche Cohn Wieners etwas zu kurz gekommen. Er erwähnt zwar wohl alles Wichtige an Erscheinungen der jüdischen Kunst der letzten Jahrzehnte, ohne aber mit der in dem Buche sonst so auffallenden Ausführlichkeit und Wärme darauf einzugehen. Der archäologische Einfluß auf den Kunsthistoriker macht sich hier wieder einmal mißlich bemerkbar. Außer von Liebermann und Lesser Ury ist von modernen jüdischen Malern wenig die Rede. Der geniale Chagall wird kaum gestreift, eines Michelfon geschieht keine Erwähnung, trotzdem gerade letzterer eine Reihe von Holzschnitten zur Thora, zu jüdischen Fabelbüchern geschaffen hat, die zum Ernstesten und Bedeutendsten jüdidischer Graphik gehören. Es hätte ganz gut ein zweiter Band gefüllt werden können, der sich nur mit der Gegenwart beschäftigte und ihr damit wesentlich gerechter würde. Denn Cohn Wiener sagt selbst: „Jetzt wo die jüdischen Künstler aus dem Ghetto und der Gemeinde in die Welt eintreten, in den großen Wettbewerb um die allgemeine Geltung, hatten sie die Probe auf ihren Wert abzulegen. Und sie haben sie bestanden." Im ganzen aber gehört das außerordentlich ernst und bemüht geschriebene Buch Cohn Wieners zu den wichtigsten Erscheinungen der letzten Jahre. Es ist dem vorzüglich bebilderten Band die größte Verbreitung zu wünschen, da er sich größtenteils auch in einer Form der Darstellung hält, die das Werk leicht lesbar und auch für den kunstgeschichtlichen Laien verständlich macht.