Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 8 (15.4.1930)
- Article
- Manfred Kyber: Die drei Lichter der kleinen Veronika [Rezension]
- Date
- 1930-04-15
- Page
- Seite 112 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 127 Ihr Zuhause Hotel Bayerischer Hoff S JS ■ ■ M MI Bsstellen Si© bitte In AU9SDUr9eeBBHHHBeBBeB"HBH^Hi rechtzeitig. Fernruf22 sagt sie und bietet sich an, ihm zu helfen. „Du hast mir heute schon tragen Helsen, weil du das sagtest", erwiderte der alte Jude dankbar, ehe er durch die Gartenpforte ging. „Dürr und groß ging seine gebeugte Gestalt im Licht der sinkenden Sonne ins Weite. Er hatte den Hut abgenommen, und der Wind spielte mit seinem weißen Haar. Johannes Wanderer und Veronika sahen ihm lange nach! „Onkel Johannes", fragte Veronika, „ist Aron Mendel ein König, „warum trägt er eine Krone auf dem Kopf?" —> „Siehst Du das?" sagte Johannes Wanderer. „Nein, Aron Mendel ist heute kein König. Er war es vielleicht einmal. Es ist das Königtum der Last, die wir tragen für andere." — „Müssen wir das tun, Onkel Johannes?" Dieser erwidert, und das scheint mir der tiefste Sinn des Buches: „Man muß es freiwillig tun, Veronika. Wir müssen es versuchen, -.lnander die Bürde tragen zu helfen, Menschen, Tieren und allem, was lebt. Das ist der.Weg zum Licht." Clem. Krämer. Heinrich Eduard Jacob: Blut und Celluloid. Verlag B. Rowohlt, Berlin. Wenn man H. E. Jacobs neuen Roman liest, wird mehr als in seinen früheren Büchern bestätigt: ein Jude schreibt. Ein Mensch, durch alle Glaubenslosigkeit unserer Zeit gegangen, im Westen geboren und hausend, wahrscheinlich ausgewachsen ohne Bewußtmachung und -werdung: Jude! Und doch, je älter er wird, desto wärmer bricht sein ewiges Erbe durch. Jacob ist der Schulfall des intellektuellen Juden, wie in dem unlängst hier analysierten Georg Fink der andere Jude, der schwärmerische, gefühlsselige, gemütstrunkene aufgedeckt wurde. Die Sympathien für den oder jenen Typ werden sich die Waage halten. Wie heute die Geschlechter orientiert sind, wird man nicht einmal sagen können: die Frauen werden Fink vorziehen. Im Gegenteil, vielleicht werden sie die Vernunftklarheit Jacobs mehr lieben, und die Männer werden bei Fink ihr eigentliches Wesen tiefer angesaßt fühlen, setzen und nur über sein Wesen, nicht seinen Inhalt sprechen. Wohl geht Jacob alles durchs Gemüt (und Geblüt), geht aus ihm hervor, oder, wenn es gedanklich gezeugt ist, taucht ins Gemüt, ehe es Ausdruck wird. Aber in diesem Ausdruck wird alles — und ich kann nicht „geistig" sagen; ich muß es intellektuell nennen. Das wärmste Gefühl, innigstes Entzücken, Rausch durch Landschafts¬ oder Menscherlebnis: es steht schließlich da bravourös formuliert. Aus. musikalischem Einfall ist eine kunstvolle Fuge gebaut, so kunstvoll, daß die Kunst den Einfall erschlägt, man hört nur noch diese großartige Konstruktion und überhört dabei das Gottgeschenk des Themas. Bisweilen rutschen ein, zwei Worte gleichsam an den Torwächtern des Verstandes vorbei. Dann sieht man erschüttert auf der ehernen Tafel des sprachlichen Gefüges einen Blutstropfen stehen. Verloren, vom Dichter übersehen. Und da, wo er sich vergißt, kommt man auf seine tiefste Spur. Nur ein Jude kann so unbeirrbar geistig sein. Wenn er nicht in Gefühl schmilzt (bis zur Sentimentalität — oder bis zum Hohelied!), dann wird er stahlhart intellektuell. Es bedarf kaum der Erziehung dazu, es ist einer der natürlichen Wege des jüdischen Genius. Schon in Jacobs Erstlingsbuch — „Die Zwanizg'ährigen" —, wo Kapitel strömender Hingabe ans geliebte Leben stehen, kann man verfolgen, wie Gefühlsaufwallung, Herzenseindruck, Gemütsüberwältigung sofort vom Gehirn übernommen und erst geknetet, geformt, gehärtet hinausgestellt werden. Es ist nicht verwunderlich, daß das große Lesepublikum diese erlesenen Werke einer geistig orientierten Kunst nicht allzu sehr liebt. Sie setzen zu viel voraus, sie sind unbequem, denn noch das Stoffliche in ihnen, die Handlung, die oft sensationell kombinierte Fabel ist in eine Geistigkeit gefaßt, ist so abgewandelt in Dialog, Argument, Kontroverse, daß einem gemeinen Lesehai das Futter entgehen kann vor dem Glanz, in dem es steht. Ja, H. E. Jacob blendet! Aber nicht durch Facetten, sondern aus der Tiefe heraus. So tief man blickt und greift: immer noch keine banale Materie. Ja, ob nicht sie ganz und gar aufgegangen ist in dem Übersinnlichen, aus dem schließlich auch das Konkrete besteht? Der „Roman" — ob er überhaupt nicht nur Vexierbild wurde, schwer zu finden in den gebrochenen Flächen seiner Erscheinung? Ein Zufallsglück für den Flüchtigen, aber offenbar dem, der von allen Seiten Stellung nimmt zu dem Objekt? Ein Flötenkonzert der Vernunft... So ist Jacobs ganzes Werk. Schon feine Vorwürfe: historische Menschen, genial beanlagt; oder Politik: oder Kulturkampf. Immer Zusammenhang mit Weltgeschehnis, Menschheitsfragen. Kein Thema, das sich in Gefühl verliert, dem nur mit Herz beizukommen ist. Noch „Liebe" bringt er auf die Formel seines Geistes. Noch Landschaft schaut er gedanklich an. Wenn er Natur schildert, liest man Gedanken, Vergleiche, sie wird aus Bild zu Essay, er stellt sie für den Verstand dar, nicht für das Auge. Er malt in Begriffen, selbst Farbe bekommt bei ihm ein Adjektiv, das sie zu einem Jdeenwert macht. Vielleicht ist es d o ch möglich, mit dem Verstand tiefer als mit dem Gefühl zu dringen. Für das Gefühl (so ans Persönliche gebunden) gibt es ein „Halt!" aus sich selbst heraus. Der Verstand ist mehr vom Persönlichen gelöst, zumal der jüdische, er ist mehr eine Rassenanlage, und dank ihm dringt Jacob in alles uns Zugängliche so besonders tief ein, erfaßt es so scharf und klar, daß es fast entblutet scheint. Die Kristallklarheit seiner Diktion und Psychologie, seiner Argumentierung und Schilderung ist nirgends getrübt durch Blutströme. Er wärmt nirgends, indes er überall aufregt (geistig), gedanklich wachrüttelt. Und da nur Wärme anzieht, nicht die Schneeluft der Vernunft (es gibt recht wenige Sportliebhaber dieser geistigen Polarlandschaft), hat er nicht das große Publikum. Jacob ist Musiker, er ist Lyriker, er ist sinnlich, und die Sphäre der Erotik liegt ihm näher als die Tanzdiele der Sexualität: aber alles das: musikalische Intermezzi, hymnische Wallungen, Liebesszenen: alles wird fast übersinnlich bei ihm. Musik setzt sich um in Gedanke, das Gedicht ist entsinnlichte Form, die Liebe ein Schattenriß aus der grauen Fläche seines Gehirns. Er ist kein Denk-Dichter; sicherlich stammt alles, was er schreibt, ursprunghaft aus seinem Herzen. Aber er dichtet unter einem Glassturz aus „Denken", alles passiert diesen Filter. Er sieht etwa eine Landschaft — und erinnert sich, da er sie schildert, alles dessen, was er von ihr weiß: aber daß Dante ein Felstal kannte — rückt er durch solche Mitteilung diese Felsen uns näher. Daß er sie mit Gestalten bevölkert, die aus historischer, antiquarischer Gelesenheit stammen: belebt uns das die Gegend? Pariser malt es uns, indem er Menschen darin agieren läßt. Sardinien — — Er konturiert es, indem er sein Volk schildert. Rom-das sind Abenteuer mit dem Fascismus, ist eine Unterredung mit Mussolini, sind Mitteilungen über Neubauten neben alter Architektur und Warenhausschaufenster. Er flüchtet aus allem, was im Gefühl schwebt, zur Realität, der man intellektuell beikommt. Deutschland, Frankreich, Italien werden in diesem neuen Roman tiefinnerst erleuchtet; ihre Gefühlslandschaft bleibt so unsichtbar wie ihre geistige offen wird. Aber der Held des Romans ist doch: der Jude! Benno Rubensohn. Rayonchef bei Wertheim, dann Filmhersteller, dabei Dichter. Plötzlich verliert Jacob seine strenge Haltung. Wo Rubensohn auftaucht, geht der andere Jude mit Jacob durch. Da löst sich Jntellektualität in musizierende Empfindung. Er läßt ihn sterben, selig, in Natur gebettet. So kurz wie möglich. Natürlich! Wie aus Scham vor dem Verstummen seines Gehirns. Und kaum ist er auch tot, so bricht verstärkte Kälte im letzten Stadium des Buchaufbaus durch. Er läßt nicht einmal um den To*en trauern. Oder doch so hart, morgenbewußt, daß es fast zu wenig für Männerrreue ist — Beleuchtungskörper hans endres Radio-Anlagen hochmodern und antik Augsburg, Annaslraße neuester Konstruktion