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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-04-15 · 8 (15.4.1930) · p. Seite 105

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
8 (15.4.1930)
Article
Die Pessachhaggadah als Lernbuch
Date
1930-04-15
Page
Seite 105 (sequence 2)
Language
German
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120 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 auf der Grundlage des gleichen Zahlenwertes Sinnbeziehungen zwischen den verschiedensten Versen her. Von einer anderen, mehr poetischen Seite her dienen zahlreiche schöne Midraschim dem gleichen Zusammenhang, wenn sie etwa die hebräischen Buchstaben personifiziert auftreten und z. B. um die Ehre streiten lassen, die Thora beginnen zu dürfen. Diese teilweise gezwungenen Deutungskünste, die sich im weiteren Verlauf der Haggadah, z. B. bei der etwas künstlichen Unterscheidung zwischen den Fragen des weisen und des bösen Sohnes oder bei der Berechnung der Plagen in Ägypten und am Roten Meere zeigen, legen die Frage nahe, was zeitlich ooranging: der Brauch und die Bewertung, denen man erst nachträglich eine Stützung im Bibelwort gefunden habe, oder der ursprüngliche Sinn jenes Bibelwortes selbst, der sich unverfälscht bis in den Mutigen Brauch hinein erhielt. Auch diese anscheinend allzu kühne Problemstellung braucht den religiösen Juden nicht zu erschrecken; ist sie ihm doch schon im dreizehnten Jahrhundert durch einen berühmten Streit zwischen Maimonides und Nachmanides vorweggenommen worden, in welchem der erste für sehr zahlreiche Bestandteile der Tradition die erst nachträgliche Stützung auf das Vibelwort annimmt, ohne aber deshalb diese Traditionen praktisch oder religiös geringer zu bewerten. Dies fuhrt einerseits auf das große Problem der Präexistenz der mündlichen Lehre (man vergleiche vielleicht dazu das achte Kapitel der Sprüche Salomonis, in dem die — später mit der Thora identifizierte — „Weisheit" als Gottesspielzeug vor der Schöpfung erscheint) und anderseits auf die Bemühungen der letzten moderneren und zugleich traditionellen hebräisch schreibenden Bibelkommentatoren: Dieses Malbin und Rabbi Zwi Meklenburgs, deren etwa gleichzeitige Bücher dasselbe Bestreben zeigen, die Spanne zwischen Gesetz und Bibelvers immer wieder erneut zu überbrücken; sie heißen bezeichnend genug: „Die Thora und die Mizwah" und „Die Schrift und die Überlieferung". Ein Rückblick auf den negativen Lösungsversuch der gleichen Frage durch Sadduzäer und Karäer, welche die mündliche Lehre gänzlich verwarfen, kann das Problem noch weiter vertiefen. In dieser Weise ließe sich noch sehr lange fortfahren, aber auch schon jetzt wird deutlich sein, daß der hier empfohlene Lernweg den Sederabend, bei voller Wahrung seines traditionellen Charakters, in jedem Jahre neu gestalten kann, insbesondere wenn man jeweils eines der hier angedeuteten Probleme in den Mittelpunkt stellt. Hier ist vielleicht ein Weg, um der Haggadah wieder ihre alte Funktion zurückzugeben, von der wir einleitend ausgegangen sind. Jedenfalls wird sie sich dann als eine der „besten Anthologien des jüdischen Schrifttums" erweisen, wie man einmal ihren täglichen Konkurrenten, den Siddur, genannt hat. Auch deshalb, weil sie in harmonischem Aufbau die drei großen Grundelemente jeden Judentums abwechselnd zur Geltung bringt: Geschichte, Gesetz und Gebet. Neue Werbe jüdischer Sraphiker Der Jude als bildender Künstler ist eine Erscheinung, die für uns Heutigen nichts Auffälliges mehr an sich hat. Mit dieser Feststellung wird eine Entwicklung im Judentum gekennzeichnet, die nicht allein eine Bereicherung des Lebensumkreises überhaupt darstellt, nicht allein die Eroberung eines früher nicht in diesem Umfange betretenen Kulturgebietes bedeutet, sondern darüber hinaus die Grundlage für selbständiges Schaffen als Jude bildet. Da jetzt die Juden nicht mehr nur als Vereinzelte das Ihre beitragen zum Aufbau der künstlerischen Welt, ist die Möglichkeit gegeben, daß ihr Wirken als jüdisches Wirken uns und der Umwelt erscheinen kann. In diesem Sinne darf also von Ansätzen zu einer jüdischen Kunst gesprochen werden da, wo es sich um Leistungen von Juden mit besonderen, auch im Inhaltlichen als jüdisch erkennbaren Gestaltungstendenzen handelt. Daß bei der Betrachtung der künstlerischen Erscheinungen unter diesem Gesichtswinkel Zurückhaltung geübt wird, gebietet Selbstachtung und krittscher Sinn. Um so erfreulicher ist, wenn mit vollster Anerkennung der schöpferischen Leistung und des Gelingens der Intention auf Werke hingewiesen werden kann, die jüdische Eigenart mit beachtenswerter Gestaltung vereinen. Vor allem gilt das Gesagte von JosefBudkos neuestem Werke, einem Holzschnitt, dem er den Titel „Nicht flieht ein Mensch, wie ich" mii1 kV gegeben hat. Die in der Abbildung stark verkleinert wiedergegebene künstlerische Vision ist der Ausfluß des gewaltigen Eindrucks, den die August-Ereignisse in Palästina auf den mit dem jüdischen Aufbauwerk aufs innigste verbundenen Graphiker gemacht haben. Aus tiefstem Dunkel leuchtet in knappen, energischen Zügen das Antlitz eines jungen Juden hervor, der mit fester Entschlossenheit allem, was sich drohend in der nächtlichen Finsternis gegen ihn und sein Werk wenden könnte, entgegensieht. Ein Greis, dessen leidvolle Mienen die Absicht verraten, mutlos aus dem Lande, das ihm ein Heim für die Dauer hätte werden sollen, wegzuschleichen, will sich an seinem Stabe aufmachen, das alte Judenschicksal ruheloser Wanderung aus sich zu nehmen. Sein beiseite gewendeter Blick spiegelt eindringlich die angstvollen Empfindungen, die ihn durchzittern. Da greift der Junge, der ihn schützend deckt, an den Stock, wohl um dem Alten Stütze zu sein, mehr noch, um ihn an seinem Vorhaben zu hindern und ihm den Mut zu übermitteln, der ihn selbst erfüllt: „Nicht flieht ein Mensch, wie ich!" Mit gewaltiger künstlerischer Konzentration ist in wenigen Linien — Zeichnen ist die Kunst des Weglassens nach Liebermanns treffendem Ausdruck —> alles blutvoll lebendig vor uns hingestellt, ist Sinn und Schicksal zweier Generationen Umrissen. In den beiden Köpfen ist der Gegensatz zweier Weltanschauungen zum fühlbaren und sichtbaren Ausdruck gebracht: die der Alten, in sich Unsicheren, die der anstürmenden Welt nur schwache Unterwerfung entgegenzusetzen vermögen, und die der neuen Jugend, die sich, ihr Recht und ihr Werk behaupten will. Mit dieser Arbeit hat B u d k o nach langer Pause — er hat in den letzten Jahren hauptsächlich als Maler Bedeutendes geschaffen! — die Mittel der Graphik wieder verwandt, um einem möglichst weiten Kreis zu sagen, nicht nur, was er empfand bei jenen Nachrichten, sondern mehr noch, was uns alle bewegte. Sein Künstlertum befähigte ihn, Interpret zu sein jenes Gefühls, das nicht nur den „jungen Jischub" in Erez Israel, das jeden Juden erfüllte, der mit dem Aufbau der alten Volksheimat auch ein Stück seines Selbst, seines Menschentums zur Verwirklichung bringen will. Deshalb sollte der Holzschnitt in keinem Hause fehlen, wo der Wille zum neuen Werden vorhanden, das dem Jüdischen in uns so starken Impuls übermittelt. Darüber hinaus wird der künstlerische Genuß jedem zum Born wahrer Freude und Bereicherung werden. * * * In anderer Weise auf das jüdische Gefühl wirkt ein Werk, mit dem Hermann F^chenbach schon seit Jahren in stiller, emsiger 1 Die Originalmahe sind 26X41 em.

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