Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 8 (15.4.1930)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1930-04-15
- Page
- Seite 102 (sequence 1)
- Language
- German
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Hageüsche Israelitische Gemeinüezeitung Kachrichtenblatt üer Israelitischen Kultusgemeinüen in München/ Augsburg/ Hamberg unö öeS VerbanöeS Hagerischer Israelitischer Gemeinöen Erscheint am 1. unö 15. seöen Monats. — Verlag: V. Heller, München, plinganserstraste 64, ßernruf 73664 unö 73663, Postscheck München 5987. vchristleitung: Vr. Luüwig Keuchtwanger, München, Grillparzerstraste 58 VezugSpreiS für nicht elngewlesene Bezieher: Reichsmark 4.S0 für öas Jahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Reichspfennig Kamtltenanzekgen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote i3 Reichspfenntg VI. Jahrgang München, if. Qlpril t?5o Llr.s Inhalt: Das Gebet um Tau — Die Peffachhaggadah als Lernbuch — Neue Werke jüdischer Graphiker — Nochmals die Hörner des Moses von Michelangelo — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Lehrerzeitung — Aus den bayerischen Gemeinden— Vereine — Bücherschau — Personalia Vas Sebet um lau Zum Paffahfeste Von Bezirksrabbiner Dr. Harry Levy (Regensburg) Über das „Gebet um Tau", das Tal-Gebet, und seinen Verfasser Kalir ist in Elbogens Grundwert über Len jüdischen Gottesdienst das Wißbare gesagt. Darüber hinaus kann nur das Groß-Werden in den jüdischen Lebensformen, die jährliche aktive Teilnahme an dem besonderen Ton jedes Festes, das Anhören und Mitsagen der Texte im Machsor das echte Wissen um „Tal" und „Geschem" geben. Wer den Beziehungsreichtum in den folgenden Zeilen, die Beherrschung und Beseelung des verzweigten jüdischen Schrifttums, die sich darin offenbart, aufmerksam verfolgt, die Stellen aufschlägt und nachkontrolliert, wird erstaunt sein, wie eine kurze Betrachtung über den jüdischen Gottesdienst am 1. Tag Pessach jüdisches Wissen und Fühlen wieder zum Leben erwecken kann. Die Schriftleitung hat Herrn Rabbiner Dr. Levy zur Behandlung gerade dieses Themas eingeladen. Aber das Wagnis, von einer scheinbar so verschollenen Welt her in den arteigenen Geist jüdischer Kultur einzuführen, ist hier besonders gelungen. Freiheit und Frühling, Lebensglaube und Liebeskrast sind die Grundakkorde unseres Pessach, des Festes der Geschichte und „des strengen Rituals", das so überreich ist in seiner religiösen Symbolik und Stimmung. „Seder" und „Tal" geben den Auftakt, im „Tage deö Liedes" und im „Maskir" klingt es aus. — Kaum haben wir die „Nacht der Hut" durchwacht beim Mahle der Freiheit, bei der „Kunde" der Erlösung umfängt uns am Morgen im Gotteshaus feierlichernste Stimmung bei dem Gebete des „T a l", mit seinen einprägsamen Melodien, die in bezeichnender Variation an die „Nigunim" der „Iomim hanauroim" erinnern. — Unterstrichen wird diese Wirkung in vielen Gemeinden durch die weiße Farbe des Synagogenschmuckes und das Sargenes, das der Vorbeter anlegt. Dieses Gebet um Tau, das heute so unzertrennlich zur Liturgie des ersten Paffahtages gehört, hat sein eigenes Schicksal gehabt. Wir finden aus der eigentlich talmudischen Zeit keinen Beleg für dieses Gebet. Wir hören aus der Misnah lediglich (Taan. I. 1—2): Vom ersten Tage des Pessach an setzt man mit der Einschaltung des „maschiw horuach", mit der Bitte um Regen aus, in Palästina wurde statt dessen im Sommer „maurid hatal": „der herniederfallen läßt den Tal" eingeschoben (jer. Taan. 63b), ein Brauch, der in Babylonien unbekannt war. Der palästinensische Minhag ist in das sephardische und italienische Ritual übergegangen, während der deutsche Brauch der babylonischen Tradition folgt. — Von einem besonderen Talgebet hören wir jedenfalls nichts. Erst seit der Zeit des hebräischen Dichters Kalir im 8. Jahrhundert tritt das Gebet durch seine kunstvollen Poesien immer mehr in den Vordergrund der Liturgie. Es ist wie wenn man eine kleine Zierpflanze zur Belebung des Bildes in den Schatten hoher Wipfel setzt, am Ende aber überwuchert und umrankt sie die wuchtigen alten Stämme und verleiht mit ihrem reichen Blütenschmuck der Landschaft veränderten Charakter. Dieser Wandel ist auffällig, da für die meisten Länder des Galuth die ursprüngliche, naturgegebene Beziehung zu dem Segen des Taus, der in dem subtropischen Klima Erez Israels entscheidend für die Fruchtbarkeit und den Ertrag ist, nicht mehr besteht. Aber das ist die Linie der Entwicklung. Je geringer die anschauliche Wirklichkeitsbeziehung, ich möchte sagen, die irdische Komponente des Gebetes wird, um so mehr treten theologische Reflexion und religiöse Symbolisierung in ihr Recht. Was dem palästinensischen Bauern schlichter Landsegensspruch ist, wird dem unter ganz anderen Bedingungen lebenden Nachfahren metaphysisches Symbol, verklärt durch die Ferne, durch das sehnsuchtumspielte Bild der verlorenen Heimat, Symbol der Erlösungshoffnung, der Auferstehung, des Menschheitsfrühlings.