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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-03-15 · 6 (15.3.1930) · p. Seite 79

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
6 (15.3.1930)
Article
Der Maler Siegfried Ziegler
Date
1930-03-15
Page
Seite 79 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 89 ver Maler Siegkried Ziegler Zu der Ausstellung des Münchener Kunstvereins, die am 18. März beginnt und zur Hälfte dem Schaffen des unserer Gemeinde angehörigen Kunstmalers Ziegler gewidmet ist, stellt uns der Münchener Dichter und Schriftsteller Eugen Roth den folgenden Versuch, das Werk Zieglers im ganzen zu erfassen, zur Verfügung. Siegfried Ziegler ist geboren in München am 23. März 1894. Er steht also heute an jenem Wendepunkt seines Lebens, von dem aus der letzte, noch für Jahrzehnte wirksame große Aufbruch in die Zeit der Erfüllung zu erwarten ist. Der Zwanzigjährige ist rasch entdeckt worden. Der Rompreis wurde ihm verliehen, ein müheloser Aufftieg schien ihm bevorzustehen. Aber, wohl auch infolge des Krieges und seiner Erschütterungen kamen stillere und zugleich kampfvollere Jahre, als es sich hätte vermuten lassen. Vielleicht nicht zum Schaden seiner Kunst, die, wie. selten,-das Wesen einer ringenden, immer wieder ab- und ansetzenden Seele Zieglers Malerei ist nicht eindeutig, nicht gradlinig, nicht ohne weiteres einzureihen. Professor Angela Jank war sein Lehrer, aber gelernt hat er von vielen. Bei zahlreichen Bildern von ihm vermag man eine Brücke zu schlagen und die Nähe von Großen zu spüren. Oft findet man den Pinselstrich Schuchs, die Farbgebung Trübners — von keinem Dritten kenne ich dies satte Grün! —, die Wildheit Corinths, die Breite Slevogts, die Eindringlichkeit Liebermanns. Wer aber glaubt, ihn auch nur im geringsten von solchen Punkten aus festlegen zu können, der scheitert an der ausgesprochenen Persönlichkeit Zieglers, der seine Handschrift und seinen Stil auch dort durchaus eindeutig schreibt, wo er eine Landschaft etwa in die wunderbaren Farben französischer Impressionisten taucht. Ein Maler von der ungewöhnlichen Weite Zieglers — allein, was seine Landschaften angeht — muß ja den nicht allzubreiten Strom bis an beide Ufer ausfüllen, muß ja angrenzen und anklingen. Aber die Fahrrinne seines Schaffens, wenn wir so im Bild bleiben dürfen, ist tief von eigenem Erleben, Erleiden und Erarbeiten. Siegfried Ziegler ist einer der männlichsten Erscheinungen in der Malerei unserer Zeit. Das zeigt, mehr als die herbe Kraft seiner Bäume und Dächer des Vordergrundes die plötzliche, fast scheue Zärtlichkeit eines Ausblickes in sehnsüchtige Weite, der Märzhauch eines Himmels, der heiße Atem eines sommerlichen Feldes, die Süßigkeit eines jenseitigen Seeufers, das einem derben Bild eines Bauernhofes mit Obstbäumen, Stall und Misthaufen mit einem Male den ganzen Zauber oberbayerischer Heimat gibt. Von besonderem Reiz sind auch seine — leider nicht häufigen — Stadtbilder, in denen die ganze Schwermut der Hinterhöfe eingefangen ist. Es gibt fast keinen Künstler, dem es nicht höchster Drang gewesen ist, das menschliche Antlitz nachzubilden und so die eigene Persönlichkeit an der des Abzuschildernden zu messen. Die Landschaft leistet weniger Widerstand — der Mensch ist schwieriger „im Bilde sestzuhalten", malerisch zu bewältigen. Die Aufgabe wird vieldeutiger, reizvoller, nervöser. Ziegler hat, am Anfang seiner Kunst, das Bildnis seiner Mutter gemalt. Das Gemälde ist unfertig stehen geblieben und ist doch das Fertigste von allem, was er geschaffen hat. Es ist rein wie vor dem Sündenfall der Erkenntnis. Es ist der einmalige Grenzstein, den jeder Schaffende setzt, bevor er sich auf den schweren Weg macht, bevor er anfängt, zu erwerben was er besitzt. Ziegler hat dann, nicht viel später, einen Zahlmeister gemalt, einen Mann im Helm. Mit diesem Helm hat er sein technisches Gesellenstück gemacht und sein Meisterstück zugleich. Von da an hätte er zu jedermann sagen können: Ich kann malen. Das hat er nicht getan, sondern seitdem zehnmal wieder von vorn angefangen und mehr als einmal schüchterner, zweifelnder, ja, unbeholfener als damals, wie er noch zwanzig Jahre alt war. Das ist der größte Beweis für strebendes Menschentum, das sich in der Kunst verwirklichen will und selbst vom Weg des Erfolges abzubiegen den Mut hat, wenn die innere Stimme es verlangt. Von den zahlreichen Bildnissen sind weiterhin die bedeutendsten das Porträt des Schriftstellers Hermann Roth (191*6), das Bildnis eines alten Mannes (1916), der Kopf einer alten Waschftau (1926). Im letzten großangelegten Gemälde hat Ziegler den Verfasser dieser Zeilen abgebildet. Es wäre eine Aufgabe für sich, dem Vorgang des Malens, der Art des Schaffens zu folgen: Das scharfäugige Bleauern, das blitzschnelle Entwerfen wichtigster Teile, das mühsame Besiegen unüberwindlich scheinender — Kleinigkeiten, vom Laien aus gesehen. Über das Bild selber freilich müßte ein anderer schreiben, denn für den, der darin eingeschlossen ist, ist es ein scheues Geheimnis. Reben einem einzigen frühen Akt und einigen malerisch begeisternden Stilleben finden wir noch eine Reihe von Figuren, von denen die zwei Darstellungen eines spanischen Tänzers an die Spitze zu setzen sind. Der Schwung der von innen heraus erfaßten Bewegung ist hinreißend und die Farbengebung und Strichführung schlechthin meisterhaft. Sie sind vielleicht die reifsten Leistungen Zieglers überhaupt. Es gibt, anscheinend, neben dem Maler Ziegler noch den Zeichner. Aber bei näherem Hinsehen erkennen wir, daß diese Zeichnungen mehr oder minder reine Malereien mit dem Stifte sind. Der Künstler, der bei seinen Gemälden die Form fast ausschließlich durch Farbwerte und Pinseldruck sichtbar macht, würde sich auch mit dem härtesten Faberstift nicht als der ursprüngliche Maler verleugnen. An Stelle der Farbwerte treten eben Lichtwerte und die besten dieser, auch technisch einzigartigen Zeichnungen (darunter das Bildnis seines Vaters, der bärtige Kopf eines Betenden) find Schwarz-weiß-Gemälde. Im zwanzigsten Jahrhundert Künstler zu sein ist — eine Kunst. Dies zur äußeren Lage der Schaffenden. Von innen her Künstler sein zu müssen, ist ein Schicksal. Einsam, ohne den großen Widerhall, überrannt von tausend Mitstrebenden, von raschen Urteile mehr gekränkt als gefördert, zwischen hundert „Programme" gedrnägt, immer suchend, zweifelnd um den rechten Weg: Wer sich da so behauptet, wie Siegfried Ziegler es tut, der ist unserer hohen Achtung wert. Wer sich der Kultur eines Volkes und seines Zeitalters teilhaftig nennen will, hat eine Schuld denen gegenüber, die schaffend und opfernd das Gesicht dieser Kultur und dieses Zeitalters mit bilden. Diese Schuld mögen sie in bescheidenem Maße dadurch einlösen, daß sie sich ernsthaft mit dem Werke eines solchen Menschen auseinandersetzen. Dr. Eugen Roth. Bildnis Emanuel Kirfchner

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