Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 6 (15.3.1930)
- Article
- Der Januskopf des Bücherfreunds
- Date
- 1930-03-15
- Page
- Seite 78 (sequence 1)
- Language
- German
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88 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 ver Zanuskopf des vücherkreunds Zum Tag des Buches am 22. Marz Wer sich in der Menagerie der Druckwerke umtui, wird sich zunächst nach den Aufschriften orientieren, die die Direktion sorgsam an den Käfigen angebracht hat; hier sitzen die Händler, dort die Sammler, hier die Bibliothekare, dort die Gelehrten, und ein Riesenteich ist von der Unzahl besonders quicker Vögel bevölkert, die schlechthin als „Schriftsteller" bezeichnet werden. Vor deren Gitter hält sich das Publikum stets mit besonderem Vergnügen auf, und am lebhaftesten wird die Anerkennung, wenn die Großtiere mächtig mit den Flügeln schlagen oder — hast du nicht gesehen —; über den großen Teich übersetzt sind. Wer aber näher hingeht merkt bald, daß sich die Direktion mit den Aufschriften wenig Mühe gegeben hat. Da sieht man im Händlerkäfig wohl die Mehrzahl der Individuen zu Zeiten allesamt in fieberhafter Tätigkeit, zu Zeiten mit hängenden Flügeln in Apathie versunken, aber allenchalben halten sich auch viele Einzelgänger an den Grenzen der Nachbargehege auf und pflegen dort Zwiesprache mit den artfremden Sammlern, Bibliothekaren, Gelehrten oder Schriftstellern, und ganz ebenso haben diese letzteren alle untereinander solche Grenzsälle in großer Zahl. Da gibt es denn Händler, die ihre Ware küssen und nie verkaufen, allenfalls gegen eine noch lieblichere tauschen wollen. Da gibt es Sammler und Schriftsteller, denen der Umsatz ^die Hauptsache ist, Bibliothekare, die lieber eigene Weisheit als die fremder Autoren ausgeben, und Gelehrte, die es gerade umgekehrt halten. Aber man kann die Fülle der Varietäten gar nicht beschreiben und mutz sich Nach dem Vorgang der Direktton mit andeutenden Klassifizierungen begnügen. Die älteren unter den heute Lebenden erinnern sich aber noch der Zeit, da es außer all diesen Bücherhändlern, -Schreibern und -Ordnern noch eine andere Spezialität gab: die Bücherleser. Sie haben sich stark vermindert und man sieht nur noch bei Hagenbeck in Stellingen einige Exemplare, die sich völlig fiei wähnen, weil sie keine Gitter sehen. Sie merken darum das Matz ihrer Freiheitsbeschränkung gar nicht, dürfen aber doch nur Bücher konsumieren, die der Schriftsteller vorgekaut und der Händler filtriert hat. Es kommt aber auch vor, 6 ay er i s ch e V er einsbank Kredit- und Hypothekenbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns rechts des Rheins ,<3$ayecische UetelnsJban/c ‘Jpadwc/i Günstige Verzinsung von Guthaben, auch au! Bank-Sparbuch datz — wie im Falle von Friedells Kulturgeschichte — die Kost ganz schlecht oorgekaut ist und sich noch im. allerrohesten Zustand befindet. Das schadet aber nichts, denn die Zahl der Rohköstler ist bekanntlich ständig im Wachsen. Nur durch die Sage weiß man von einer anderen Art Bücherlesern — nach neueren Forschungen waren sie schon zu Adams Zeiten ausgestorben —, die sich in voller Freiheit selbst die Bücher aussuchen, die sie lesen wollen, und nicht darnach aussuchen, ob das Papier holzfrei ist, der Einband „gehülst" und mit „Kapitalbändchen" versehen, der Satzspiegel nach dem goldenen Schnitt und der Druck mit einer Bauhausschrist erfolgt ist. Diese genügsame Leserklasse von dazumal soll geschmacklich nicht auf höchster Höhe gestanden, aber ganz naturgemäß, die Musik zum Hören, die Statuen zum Sehen und die Bücher zum Lesen hingenommen und entscheidenden Wert darauf gelegt haben, ob das Gelesene richtig oder falsch war. Aber auch von diesen Bücherlesern sind viele nahe an den Sammler¬ oder Bibliothekartyp herangekommen, also auch ihrerseits Grenzfälle geworden, gleich jenem alten Herrn, der in der Dreizimmerwohnung seiner 1850 verstorbenen Eltern noch heute unter 20 000 Büchern und 5000 Antiquariatskatalogen schläft und ißt und sie alle kennt, und Leser, Bibliothekar und Sammler in einer Person ist. Wenn wir sagen, daß dieser alte Mann, der sich noch heute den Januskopf des Vücherwesens von allen Seiten betrachtet, ein Jude ist, so meinen wir damit keineswegs, daß er ein Jude sein müßte. Es hat von der Gelehrtenschule Karls des Größen bis auf unsere Zeit dergleichen überall gegeben, und nirgends hat es die Natur dem Völlerpsychologen so leicht gemacht, wie mancher glaubt. Aber die Juden haben in jenen weiten Bezirken des Bücherinteresses heute einen prozentual außerordentlich großen Anteil und sicherlich auf Grund einer besonders entwickelten zugleich intellektuellen und händlerischen Schulung. Es wäre höchst lehrreich, wenn man erfassen könnte, wie sich die Anteile der Juden am handelsmäßigen, sammlermäßigen, gelehrten- und schriftstellermähigen Bücherinteresse zueinander verhalten. Statistisch ist dergleichen natürlich nicht festzustellen. Aber erfahrungsmätzig wird man mit einiger Wahrscheinlichkeit, das Richtige zu treffen, folgendes sagen können. Die Teilnahme der Juden im allgemeinen ist stets besonders groß gewesen. Relativ klein war sie in der europäischen bibliothekarischen und Gelehrtentätigkeit, ungeheuer umfangreich dagegen in der jüdischen Wissenschaft. Man muß aus letzterer Tatsache schließen, daß auch die Teilnahme an der europäischen Wissenschaft viel größer gewesen wäre, wenn der Zugang nicht unmöglich bzw. bis heute sehr schwer gemacht wäre. Die außerordentliche Überproduktion an jüdischen Schriftstellern jeden Kalibers hängt damit zusammen. Wenn die Juden in Presse-, Kunst- und Theaterwesen einen vielfach geradezu dominierenden Platz einnehmen, dann erklärt sich das allein aus den vorhandenen geistigen Impulsen, denen trotz vielfacher Bereitwilligkeit die Betätigung in der Richtung der Forschung und des Lehvens verwehrt ist. Daß dieser Mangel tatsächlich ein wichtiger Faktor ist, wird auch daraus deutlich, daß das Händlerinteresse der Juden am Buch relativ gering ist. Nur in einer Spezialität, dem Antiquariat, gibt es seit alters viele jüdische Gestalten, zum Teil solche von beträchtlichen geistigen Ausmaßen; aber gerade dieser Zweig des Handels kommt dem Sammler- und Gelehrtentum am nächsten. Dagegen gibt es im Verlagswesen eine größere Anzahl jüdischer Betriebe überhaupt erst seit zwanzig Jahren und nicht etwa zahlreich. Es ergibt sich daraus, daß das jüdische Interesse am Buchwesen viel stärker von geistigen als händlerischen Antrieben bestimmt ist. Zu demselben Ergebnis kommt man, wenn man die unverhältnismäßige Zahl der jüdischen Bücherkäufer betrachtet. Es gibt sehr viele Bücher, die weit, weit mehr an Juden verkauft werden, als dxren Anteil auch nur an der städtischen Bevölkerung entspricht, ja es gibt manche Bücher, die ohne die jüdischen Käufer überhaupt nicht erscheinen könnten. Für Bücher zum Lesen gilt das in viel höherem Grade als für solche zum Anstaunen (Kunstblätter), und das ist für die jüdische Geistesart doch wohl bezeichnend. Es ist nach unseren Erfahrungen nicht immer die beste, aber niemals die schlechteste Literatur, die durch die jüdischen Bücherkäufer gefördert wird. Das hängt mit den soziologischen Lebensverhältnissen der Juden zusammen, die selten eine wirkliche Vertiefung ermöglicht. Raphael Straus.