Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 5 (1.3.1930)
- Article
- Messianische Soziologie
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 64 (sequence 1)
- Language
- German
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72 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 Meffianifcke Soziologie Von Dr. Ernst Simon (Jerusalem) Nach der allgemeinen außerordentlichen Teilnahme, die die Vorträge von Buber in den Synagogen von Augsburg, München, Nürnberg in der letzten Woche gefunden haben, wird die folgende Würdigung der neuen Buber-Biographie von besonderem Interesse sein. Wenn hier Hans KohnS neues Buch „Martin Buber, Sein Werk und seine Zeit, Ein Versuch über Religion und Politik"* etwas ausführlicher besprochen wird, so nicht nur um des Gegenstandes und nicht nur um des Verfassers willen, so wichtig sie uns auch beide sind, sondern um der systematischen Leistung willen, die in diesem Buch, weit über seinen historisch-biographischen Anlaß hinaus, vorliegt. Kohn gibt nämlich das Biographische mit all jener Sparsamkeit und Zurückhaltung, die bei der Behandlung eines noch mitten unter uns in voller Kraft wirkenden und lebenden Menschen ein Gebot des natürlichen und künstlerischen Taktes ist: immerhin aber genügend, damit wir den äußeren und inneren Weg BuberS, von den „Ursprüngen" (1878 —1904), im „Durchbruch" (1905 — 1912), über die „Sammlung" (1915 — 1920), bis zur Höhe der heutigen „Reife" verstehen können. Der zweite, weitere Kreis, der sich konzentrisch um diesen ersten und den gemeinsamen Mittelpunkt legt, ist eine genaue, klar vorgetragene und tief, zum Teil kritisch eindringende Analyse der Buberschen Schriften einerseits, der allgemeinen Zeitlage andererseits, die, zugleich auch in einem Anmerkungsapparat von nicht weniger als hundert Seiten, in all ihren Verzweigungen lebendig wird und Bubers Eingetansein in die Bewegungen unserer Gegenwart, in Zionismus und Sozialismus, in Theologie und Lebensreform, seine Beziehungen oder Abgrenzungen zur evangelischen Theologie der Krise eines Barth und Gogarten, zum katholischen Sozialismus, zum religiösen Sozialismus eines Ragaz und zu beinahe allen lebendigen Strömungen dieses Heute deutlich macht. Der dritte, weiteste Kreis aber ist der wichtigste: er bringt Hans KohnS eigene systematische Überzeugungen zum Thema Politik und Nationalismus, die immer an Buberschen Gedanken und Worten gleichsam kontrapunktiert sind, aber durchaus ihren eigenen Ton haben. Hans Kohn ist aus jenem Kreise des Prager zionistischen Studentenvereins „Bar-Kochba" hervorgegangen, in dem Buber seine erste „Rede über das Judentum" gehalten hat und der ihm auch später häufig als fruchtbar zurückklingender geistiger Resonnanzboden diente. Er hat dann als Obmann seines Vereins das Jahrbuch „Vom Judentum" herausgegeben, das die geistige Situation des Vorkriegsjuden entscheidend erhellt und dadurch zugleich gestaltet hat. Dort ist unter anderem Gustav Landauers berühmter Aufsatz „Sind das Ketzergedanken?" erschienen, der seine Abgrenzung gegenüber dem Zionismus enthält und von diesem geistig freien jungen Zionisten trotzdem gedruckt wurde. Im Kriege hatte Hans Kohn in russischer Gefangenschaft Gelegenheit, das Phänomen „Rußland" zu studieren, dem er in seiner kleinen Schrift „Sinn und Schicksal der Revolution" und in den betreffenden Kapiteln seines großen Buches „Geschichte der nationalen Bewegungen im Orient" noch so wichtige * Verlag Jakob Hegner in Hellerau. Erkenntnisdienste leisten sollte. Dieses eben erwähnte Werk hat er bereits in Palästina geschrieben, wohin er einige Jahre nach Kriegsschluß übersiedelte. Obwohl Zionist, ließ er sich den Blick für die außerordentliche Problematik des erwachenden Orients nicht einen Augenblick durch taktische oder opportunistische Motive trüben und stellte seine eigene Bewegung immer wieder vor die Lebensfrage, wie sie mit dem sich von kirchlichen Banden befreienden und modern-organisierenden arabischen Nationalismus sich auseinandersetzen wolle. Längst vor dem Ausbruch der jetzigen Unruhen war er ein hellsichtiger und tapferer Warner, nicht aber nur aus den immer noch praktischen Gründen des durch ein Übereinkommen mit den Arabern zu sichernden Aufbaus, sondern von der Überzeugung her, daß nur eine jüdische Nationalbewegung, die im tiefsten Ernst mit den Lebensrechten anderer Völker bei der eigenen Selbstbestimmung und Selbftbegrenzung rechnet, legitimiert fei, als Erbin des großen Judentums zu erscheinen. Obwohl nicht orthodox, nahm er mit derartigen Überlegungen, die zunächst in seiner gehaltvollen Abhandlung über „Die politische Idee des Judentums" Ausdruck fanden und nun im dritten Kapitel über Buber gipfeln, dem gesetzestreuen Judentum eine geistige Pflicht ab, die es zu seinem eigenen größten Schaden in den letzten Jahrzehnten beinahe ganz vernachlässigt hat: eine politische Theorie auszubilden, die spezifisch jüdisch heißen darf. Damit befreite er den Zionismus von dem Odium, an Stelle der Individual-Assimilation, die er bekämpft hatte, eine Gesamt-Assimilation zu setzen, die das ganze Volk im Sinne des alten Ketzerrufes: „Wir wollen sein wie alle Völker, Haus Israel!" zu einer Nation unter den Nationen machen wollte. Mit seltener Zivilcourage widerstand er dem, psychologisch so begreiflichen Rausche der Normalität, der den zionistischen Teil des jüdischen Volkes zu ergreifen drohte und immer wieder zu ergreifen droht. Der Glaube an unsere Auserwähltheit bleibt hier nicht eine liturgische Formel, wird hier nicht zum chauvinistischen Schlachtruf, sondern belastet unseren Weg in die alte Heimat mit der ewigen Verpflichtung, uns, vielleicht als einziges der Völker, nicht mit der bloßen Tatsache unserer Existenz zufrieden zu geben, sondern diese Existenz immer wieder an dem Wertmaßftab jüdischen Glaubens zu messen, ja: sie zu gefährden und aufs Spiel zu setzen, wenn sie diesem Maßftab nicht genügt. Von solchen Voraussetzungen her hat Israel die großartige Umkehrung vollzogen, die Jeremias, der in seiner Gegenwart ein Defaitist und Verräter gewesen ist, zum eigentlichen historischen Repräsentanten seiner Epoche machte, ihn, den Künder und Beschleuniger des Unterganges, statt Chanania, den Redner an die jüdische Nation. So werden in unserem höchst unnormalen Volke die Verräter zu den echten Repräsentanten und die scheinbaren Repräsentanten zu Verrätern an der ewigen Gegenwart. Es gibt nur ganz wenige Menschen, denen die ungeheure Spannung eines solchen Konfliktes nicht nur in predigthafter Abstraktion oder in wirklichkeitsabgewandter Einzelexistenz, sondern vielmehr inmitten des eigenen, geliebten und bekämpften Volkes erträglich scheint. Es ist leicht, diese Grundsätze mit einer Abkehr von jeder realen jüdischen Politik zu verbinden; es ist unendlich schwer, sie mitten in den täglichen Ausgaben und Konflikten des Aufbaus von Volk und Land durchzusetzen. Nur dies Letzte aber darf „Messianische Politik" heißen: von ihr handelt, ohne sie zu benennen, und gerade darum, Hans KohnS „Martin Buber".