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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-03-01 · 5 (1.3.1930) · p. Seite 62

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
5 (1.3.1930)
Article
Purim / L. F.
Date
1930-03-01
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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70 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 Verachte nicht mit Frevelspott Den Mahnungsruf der Gnade, Daß nicht, Unselige, über dich Dereinst in vollen Schalen sich Des Höchsten Grimm entlade! Doch ach! — die Propheten-Mörderin, Sie taumelt fort in ihrem bösen Sinn. Darum, so spricht der Herr, Dies Volk will ich nicht mehr. Seht Vafthi — seht! Die Stolze wird verstoßen! Ein Bild, was mit der Synagog der Herr beschlossen. „Entferne dich von meinem Throne — Du stolzes Weib, unwert der Krone!" So spricht Aßverus ganz ergrimmt. „Dir, schöne Esther, dir sei heute Zu herrschen an des Königs Seite Hier dieser Königsthron bestimmt." „Die Zeit der Gnade ist verflossen; Dies stolze Volk will ich verstoßen, So wahr ich lebe!" spricht der Herr. Ein bess'res Volk wird er sich wählen, Mit ihm auf ewig sich vermählen, Wie mit der Esther Aßver. Jerusalem! Jerusalem! Ihr Sünder' Höret Gottes Wort: Wollt ihr noch Gnade finden, So schafft aus eurem Herzen fort Den Sauerteig der Sünden. — Vor dem Abendmahl steht als Vorbild die Biblische Geschichte vom Manna der Kinder Israel in der Wüste und die Szene von den Kundschaftern aus Kanaan mit den Weintrauben. Die Vorführung des gefangenen Christus vor Herodes wird von der Simsonszene begleitet (Richter 16, 25), wie der gefangene Simson von den Philistern verhöhnt wird. Die Kreuzigung selbst ist nach der christlichen DarftellungSweise vorgebildet in der Opferung Isaaks und in der ehernen Schlange, die Moses auf dem Querbalken errichtet (IV. Buch Moses 21,8). Die große klassische Monographie des eben, im Januar 1930, verstorbenen Kunsthistorikers und Jenenser Museumsdirektors Professor Paul Weber („Geistliches Schauspiel und kirchliche Kunst in ihrem Verhältnis erläutert aus einer Ikonographie der Kirche und Synagoge", Stuttgart 1894) gibt erschöpfend Auskunft über die gewaltige Wirkung, die die christliche Umdeutung des Alten Testaments auf den deutschen Volksgeist im anti-jüdischen Sinn bis heute ausgeübt hat. 2. Gesegnet Mordechai — Verflucht Hamann Der Talmud-Traktat „Megilla" hat seinen Namen daher, daß er sich besonders mit dem Buch Esther befaßt, das man „Megilla", d. i. Buchrolle, nannte. Eine Stelle aus diesem Traktat lautet: „Raba spricht: Der Mensch ist verpflichtet, sich am Purimfest zu berauschen, bis er nicht mehr unterscheidet zwischen dem verfluchten Hamann und dem gesegneten Mordechai." Diese rabbinische Vorschrift ist jüngst in ihren verschiedenen Fassungen, im babylonischen und im jerusalemitischen Talmud, besonders ihre Auslegung in den religionsgesetzlichen Kodifikationen von Maimonideö und von Joseph Karo sowie in den klassischen Kommentaren dazu, von Ernst Simon (in der Festgabe für Martin Buber „Aus unbekannten Schriften" im Verlag Lambert Schneider) in feinsinniger Weise besprochen und „religionssoziologisch" gedeutet worden. Simon hat die wichtige, inr Schulchan-Aruch aufgenommene Vorschrift hervorgehoben, die keineswegs die verhältnismäßig bedeutungslose Meinung eines einzelnen im „Meer des Talmud" sei. Dazu im folgenden eine Ergänzung und wissenschaftliche Feststellung, die noch nicht gemacht worden ist: Die gleiche Talmudstelle war in auffallender Weise vom ausgehenden Mittelalter bis in die Neuzeit, man kann sagen von Martin Luther bis Paul de Lagarde, der Gegenstand ununterbrochener Aufmerksamkeit und des allerregften Interesses in der nicht-jüdischen Literatur. Die erste Spur findet sich schon in dem berühmten Buch von Antonius Margaritha „Der gantz Jüdisch glaub" aus dem Jahr 1530, wo Purim und die besonderen Gebräuche an dem Festtag, auch das „Hamann-Klopfen", die Tafelfreuden ufw. beschrieben werden, und wo es von den Juden heißt: „sy seind vil narret er dann die Christen an ihrer faßnacht." 73 Jahre später, im Jahre 1603, behandelte der ältere Buxtorff in seiner „Teutschen Iudenschul", die eine erstaunliche Kenntnis der talmudischen und rabbinischen Literatur zeigt, den Traktat Megilla und auch unsere Mizwoh ganz ausführlich. In der mir vorliegenden zweiten lateinischen Ausgabe (aus dem Jahre 1614, S. 432) ist unter Anführung der Schulchan-Aruch- Stelle (Orach Chajim, Artikel 695) die oben zitierte rabbinische Vorschrift vlehistakker meod schelo iakkir usw. (— hoc est se potu quemlibet tarn valde ingurgitare ut discrimen inter Arur Haman et Baruch Mardochai ignoret) eingehend besprochen. Im 17. und 18. Jahrhundert erscheinen dann bekanntlich in nie abbrechender Folge umfangreiche Beschreibungen der jüdischen Vorschriften und Gebräuche, die auch die Burtorffsche Darstellung über Purim, oft mit sorgfältigen Kupferstichen, übernehmen und weiter ausgeftalten. An erster Stelle Eisenmenger und Schudt, dann Leusden, Kirchner, Wagenseil, Bodenschatz bringen ausführliche Darstellungen von zeitgenössischen Purimfeiern in und außerhalb der Synagogen, wobei regelmäßig von unserer Talmudftelle weitläufig die Rede ist. Noch im 19. Jahrhundert schreibt der berüchtigte Judenfresser und Feind der Familie Rothschild, Hundt von Radowsky, im zweiten Band seiner „Iudenschule" (London 1823) Buxtorff unter einigen satirischen Glossen wieder weidlich aus. Und — man staune — im Jahre 1887, im 34. Band der „Abhandlungen der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen" ergeht sich kein Geringerer als Paul de Lagarde in einer religionsvergleichenden gelehrten Arbeit über „Purim" noch einmal in voller Breite, unter Zitierung von Schickard (aus dem Jahre 1634) und Bodenschatz (aus dem Jahre 1748) über jene Vorschrift in „Megillah". Liest man die Stellen in den angeführten Werken von 1530 bis 1887 im Wortlaut nach, so ist man betroffen über die eherne, entwicklungslose Starrheit, mit der ein alter, tief im Schicksal der Juden begründeter Volksbrauch verständnislos als Kuriosität rrach der Art einer Indianersitte, mit vollständig unzulänglicher Erklärung, hilflos und geistlos registriert und zur Wachhaltung aller volkstümlichen antijüdischen Affekte mißdeutet wird. L. F.

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