Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 4 (15.2.1930)
- Article
- Die Problematik moderner Humanität
- Date
- 1930-02-15
- Page
- Seite 51 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2727810-2727900-2727904-2737300--05754-2737364- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 57 wie der eines Prof. Krogh, des Leiters des Tierphysiologischen Instituts der Universität Kopenhagen, Träger des Nobelpreises, „jede berechtigte Forderung der Humanität erfüllt"/ einer gründlichen Revision unterziehen werden, wenn sie sich einmal die Mühe geben wollten, derartige gutachtliche Äußerungen aus neuester Zeit, die also in keiner Weise als veraltet angesehen werden können, kennen zu lernen und ferner, im Sinne des zitierten Artikels, sich die Problematik moderner Humanität recht deutlich vor Augen führen würden. 1 Das Gutachten vom 14. Januar 1926 ist angeführt in der „Vorstellung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden und der Bayerischen Rabbinerkonferenz an den Bayerischen Landtag vom 10. Mai 1926", S. 15 (Verlag B. Heller, München 1926). Israelitische kuitusgemeinde ttugsburg ' Am Donnerstag, dem 20. Februar, abends 8.15 Uhr, spricht Martin Buber in der Synagoe über Chassidismus Israelitische kultusgemeinde München In München spricht Martin Buber am SamStag, den 22. Februar, abends 8.15 Uhr, in der Synagoge über Gottesdienst und Andacht Am Sonntag, den 25. Februar, hält Buber in Nürnberg einen Vortrag, ebenfalls in der dortigen Synagoge. ver Chassidismus Zu den bevorstehenden Vorträgen von Martin Buber in Augsburg und München geben wir im folgenden aus Bubers Schrift „Mein Weg zum Chassidismus" die wichtigsten Sätze über das Wesen dieser religiösen Bewegung wieder. Am besten unterrichtet jetzt über sie Dubnow in seiner Weltgeschichte des jüdischen Volkes (Band VII und VIII). Der Chassidismus, der um 1700 von Polen ausging, richtet sich hauptsächlich gegen den streng talmudischen Rabbinismus und wollte die innere Religiosität gegenüber der formalistischen Gesetzestreue, also die persönliche Frömmigkeit gegenüber der Kahal-Oligarchie der Reichen und Gelehrten wieder zur Geltung bringen. In seiner Gesamtausgabe der „Chassidischen Bücher", die vor kurzem bei Hegner in Hellerau erschienen ist, hat Buber alle seine bisherigen Veröffentlichungen über das Thema in neuer Bearbeitung erweitert und ergänzt, zusammengefaßt. Diese Ausgabe enthält: Die Geschichte des Rabbi Nachman — Die Legende des Baalschem — Das Buch vom Großen Maggid — Das Verborgene Licht, den Weg zum Chassidismus — alles, was Buber im Verlauf von zwanzig Jahren über diese religiöse Bewegung gestaltend, erzählend, ausdeutend geschrieben hat. Bei der Gelegenheit sei auch auf die neue, eben erschienene umfassende Biographie über Martin Buber von Hans Kohn (auch bei Hegner in Hellerau) aufmerksam gemacht. Dieses wichtige Werk wird in einer der nächsten Nummern Ernst Simon ausführlich würdigen. Das hebräische Wort „Chassid" bedeutet: ein Frommer. Es gab im nacherilischen Judentum immer wieder Gemeinschaften, die den Namen Chassidim, Fromme, trugen; von jenen, über die das erste Buch der Makkabäer als über eine der Lehre treugebliebene, für sie kämpfende Schar berichtet, und jenem, von denen die Mifchna sagt, wer spreche: „Was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist dein", wer sich selber also kein Eigentum zuspreche, sei ein Chassid, bis auf jene „Chassidim", deren anderthalbtausend im Jahre 1700 unter steten Kasteiungen in das Heilige Land ziehen, um das messianische Reich herbeizubringen, und dort untergehen, und endlich die von Israel ben Elieser, dem „Baal-Schem", um die Mitte des 18. Jahrhunderts begründete r Gemeinschaft, die nach einer kurzen, an denkwürdigen Gestalten reichen Blütezeit der Entartung verfiel, aber heute noch einen großen Teil der östlichen Iudenheit umfaßt. Ihnen allein ist es gemeinsam, daß sie mit ihrer Frömmigkeit, mit ihrer Beziehung zum Göttlichen im irdischen Leben Ernst machen wollen; daß sie sich nicht mit gepredigter Gotteslehre und geübtem Gottesdienst begnügen, sondern das Miteinanderleben der Menschen auf der Grundlage der göttlichen Wahrheit aufzurichten versuchen. Besonders deutlich ist dies bei der zuletzt genannten Gemeinschaft, die ich hier im Sinn habe. Der zuweilen von aufklärerischer Gesinnung bestimmte Historiker Graetz weiß diesen „Neuchassidäern" nichts anderes als „den wüstesten Wahnglauben" nachzusagen. Aber ein Zeitgenosse und Freund von Graetz, Moses Heß, der Begründer des modernen Zionismus, sprach das tief erkennende Wort aus, der Chassidismus bilde innerhalb des lebendigen jüdischen Geistes den Übergang „aus dem mittelalterlichen Judentum zu einem regenerierten, welches erst in der Entstehung begriffen ist"; seine Folgen seien „unberechenbar, wenn sich die nationale Bewegung seiner bemächtigt". In der Tat, nirgends in den letzten Jahrhunderten hat sich die Seelenkraft des Judentums so kundgegeben wie im Chassidismus. Die alte Kraft lebt in ihm, die einst, wie Jakob den Engel, mit starken Armen das Unsterbliche auf der Erde festhielt, auf daß es sich im sterblichen Leben erfülle. Zugleich aber gibt sich darin eine neue Freiheit kund. Ohne das am Gesetz, am Ritus, an der überlieferten Lebensnorm ein Iota geändert würde, ersteht das Altgewohnte in einem jungen Licht und Sinn. Dem äußeren Anschein nach noch mittelalterlich gebunden, ist das chassidische Judentum in seiner inneren Wahrheit schon der Regeneration erschlossen, und die Entartung dieser großen religiösen Bewegung konnte den geiftesgeschichtlichen Prozeß, der mit ihr begonnen hat, nur aufhalten, nicht abbrechen. Es ist hier nicht der Ort, die Lehre des Chassidismus darzu- HAUS DER QUALITÄT SST 0 F F E i N. STARK & Cil \ L MÜNCHEN KAR LS PLATZ 5 NÜRNBERG LUITPOLDSTRASSE 11