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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-02-15 · 4 (15.2.1930) · p. Seite 50

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
4 (15.2.1930)
Article
Um den jüdischen Lehrling
Date
1930-02-15
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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56 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Begabung zu einem bestimmten Berufszweig. Der Kontakt, der heute zwischen Schule und Elternhaus gepflegt wird, erleichtert diese Ausgabe sehr, und es sollte gerade in den letzten Schuljahren besonderer Wert darauf gelegt werden. Die objektive Einstellung von seiten des Lehrers zusammen mit dem instinktiven Einsühlen der Eltern in die Naturanlage ihres Kindes dürften eine Basis bilden, auf der man beruhigt einen Verufsentschluß treffen kann. Gelegenheit zur öffentlichen Berufseignungsprüsung, die in fast allen größeren Städten geboten ist, sollte als sachliche Bestätigung des eigenen Urteils nicht versäumt werden. Mit dem Augenblick, wo die Entscheidung über die Berufswahl getroffen ist, fei es Ziel der Eltern, die Festigkeit des Entschlusses in ihr Kind selbst hineinzutragen. Weder die Möglichkeit irgendwelcher Verbindung, noch der Zufall verwandt- oder freundschaftlicher Beziehungen dürsten dazu verleiten, ein Lehroerhältnis ohne eingehende Prüfung abzuschließen. Es ist von größter Bedeutung, zu wissen, daß es sich der Lehrherr angelegen sein läßt, seinen Lehrling in allen Sparten seines Betriebes vollkommen auszubilden und dringend muß darauf aufmerksam gemacht werden, wie notwendig es heute ist, die Möglichkeit einer Weiterbeschäftigung nach der Lehre und eines Vorwärtskommens schon bei Eingehung des Lehroerhältnisfes zu erwägen. Lehrjahre sind keine Herrenjahre — und da der Mensch lieber befiehlt, als sich befehlen läßt, so gibt es naturgemäß während der Lehrzeit manches, was dem „angehenden jungen Herrn" nicht gerade nach dem Strich läuft. Da gilt es dann mit herzlichem Interesse und richtigem Taktgefühl — ohne jede Verweichlichung zu unterstützen — sich in die großen und kleinen Leiden hineinzuleben und so den Weg zum brauchbaren tüchtigen Angestellten zu erleichtern. Die kaufmännischen und gewerblichen Fachschulen, welche die Lehrlinge zum Fortbildungsunterricht meist besuchen müssen, sollten nie als überflüssige Beraubung der Geschäftszeit betrachtet werden, denn der Unterricht dort bildet die wertvolle theoretische Ergänzung zur praktischen Tätigkeit, zumal der Unterrichtsplan sich streng an die Praxis anlehnt. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß diese theortische Unterstützung so wichtig ist, daß wir hier in unserem Heim sogar die Abende mit regelmäßigem kaufmännisch-fremdsprachlichem Unterricht ausgefüllt haben. Daß neben der Arbeit Freude und Spiel nicht verkümmern dürfen, ist während der an und für sich nicht leichten Jahre der Lehre selbstverständlich. Durch Sport in jeder Form — auch Wandersport — pflegen unsere Lehrlinge die körperliche und innere Elastizität und Frische zur Arbeit. Über all dem aber lebt das Ziel, unseren Söhnen nicht allein die Wege zur beruflichen Ertüchtigung zu bahnen, sondern ihnen auch in religiös-sittlichem, jüdischem Geiste ein Fundament zu legen, auf dem sie einmal als aufrechte, ganze Männer und Juden stehen werden. Auf diese Weise wird die Lehrzeit dem jungen Menschen nicht allein Lehre, sondern eine Zeit dauernden Segens sein. vie Problematik moderner Humanität Von Bezirksrabbiner Dr. Ernst Steckelmacher Wenn in der Schächtfrage, die durch die Abstimmung des Bayerischen Landtages in ein so aktuelles und leider so sehr bedrohliches Stadium getreten, eine die rituelle Schlachtmethode billigende Beurteilung durch außerjüdische Kreise erfolgt, so wird diese zweifellos einen nachhaltigeren Eindruck machen und eher Mißverständnisse und Irrtümer aufhellen, als wenn von jüdischer Seite für die in Frage kommenden religionsgesetzlichen Bestimmungen eine Lanze gebrochen wird, weil unsere Gegner uns der Befangenheit und Subjektivität verdächtigen. Aus diesem Grunde scheint uns ein Leitartikel der „Neuen Mannheimer Zeitung" (Mittagsausgabe vom 25. Januar 1930), eines es, das der Richtung der Deutschen Volkspartei nahefteht, sehr beachtlich zu sein. Die Darlegungen dieser Presseäußerung gehen von der richtigen Erwägung aus, daß die Mahnung der Bibel, Mitleid zu haben mit dem Tier, nicht umsonst an das Gewissen der Menschheit appelliert hat, daß Nationen, auch die ohne hohe Kultur, Schützer und Freunde der Tiere waren. „Jahrtausende vergingen, ohne daß eine von diesen vielen Nationen auf den Gedanken gekommen wäre, die rituelle Art, in der die Juden ihr Schlachtvieh durch Halsschnitt töten, das sogenannte Schächten, als unhuman oder gar als Tierquälerei zu empfinden und zu beanstanden. Erst unserer glorreichen Zeit fiel dieser Gedanke wie eine Erleuchtung des Himmels in den Schoß. Wir haben zwar einen Weltkrieg hinter uns, ... und nach wie vor zerbrechen sich in allen großen Kulturnationen die Patrioten die Köpfe, wie sie bei dem „kommenden Krieg" den verhaßten Feind so schnell und so radikal wie möglich vernichten können, ohne dabei das eigene Leben aufs Spiel zu setzen... Doch was tut das alles? Homo homini lupus! So sagten schon die alten Römer und so ist es nach Jahrtausenden noch immer: Der Mensch ist des Menschen Wolf!... Trotzdem aber hat er irgendwo in seiner dunklen Seele als göttlichen Funken auch den Wunsch, gerecht zu sein. Und wie der Ertrinkende an einen Strohhalm, so klammert er sich an jenes Bibelwort: „Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs!" Und im Hinblick auf das Betäubungsgesetz wird der Ansicht Ausdruck gegeben, „daß man mit den geplanten Maßnahmen vielleicht den Tieren gerecht wird, die wir aus lauter Liebe aufessen, nicht aber einer Gruppe von Mitmenschen, nämlich den Juden, die auf dem Standpunkt stehen, daß ein solches Betäubungsgesetz den nach ihren rituellen Vorschriften lebenden Israeliten den Fleischgenuß unmöglich macht". Die Widersprüche, welche die Humanität unserer Tage so sehr belasten und ihre Brüchigkeit und Problematik klar erkennen lassen — einerseits bekundet man Wohlwollen und Mitleid gegenüber den Tieren, anderseits hat man trotz der furchtbarsten Kriegserlebnisse noch immer nicht in allen Kreisen der Volksgemeinschaft gelernt, Mitgefühl zu haben mit dem Nebenmenschen und Ehrfurcht zu haben vor seinem Leben, einerseits setzt man sich mit innerlichster Anteilnahme für den Tierschutz ein und anderseits hat man kein Verständnis für die Gewissensnot der jüdischen Mitbürger —, diese Widersprüche werden hier deutlich ins Licht gestellt und durch eine sehr einleuchtende Erklärung begreiflich gemacht. Denn es ist ja in der Tat so: Die Menschen von heute, die so oft nicht davor zurückschrecken, auf alle erdenkliche Weise hart und rücksichtslos zueinander zu sein, sind bemüht, die Zartheit und Weichheit ihres Herzens in einem Punkte wenigstens zu bekunden und ihre Verfehlungen gegenüber den Mitmenschen etwas auszugleichen, indem sie Mitleid gegenüber den Tieren an den Tag legen. Daß Inkonsequenzen dabei in Erscheinung treten, kann nach dem Ausgeführten nicht überraschen. Es hätte in dem zitierten Leitartikel auch auf die Quälereien und Leiden der Tiere hingewiesen werden können, die bei Pferderennen und Jagden unausbleiblich sind, gewiß Dinge, die mit wahrem Tierschutz, mit echter Humanität nicht vereinbar sind. Wir wollen aber nicht verfehlen, die Offenheit und die Wahrhaftigkeit feftzuftellen, mit der eine Tageszeitung, die in einem der größten Handelszentren Südweftdeutschlands erscheint und besonders von politisch Rechtsstehenden gelesen wird, für ein Religionsgesetz des Judentums aus Gründen der Gerechtigkeit und Billigkeit sich einsetzt. Es scheint uns auch nach der Abstimmung im Bayerischen Landtag nicht zweifelhaft zu sein, daß viele ihre gegnerische Stellungnahme zur Schlachtmethode des jüdischen Religionsgesetzes, die nach der gutachtlichen Äußerung einer allerersten Autorität

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