Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 3 (1.2.1930)
- Article
- Simson
- Date
- 1930-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 1)
- Language
- German
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36 Bayerische Israelitische Gememdezeitung Nr. 3 Simson Von Herbert Eulenberg Unter den Stücken, die ich in meiner Jugend geschrieben habe, ist eines, das diesem Helden des Alten Testaments, diesem Siegfried der Bibel, den man auch den Achilles der Juden genannt hat, gewidmet ist. Ich hatte mir, als ich dies Werk dichtete, eine alte große bunte Karte von Palästina in meinem Arbeitszimmer aufgehängt, um mir die Heimat Simsons recht ans Herz wachsen zu lassen. Noch meine ich den lächelnden abwägenden Blick deS Zweiflers Otto Brahm, des hervorragenden verftorbenen Berliner Bühnenführers, zu schauen, mit dem er sich bei einem Besuch, den er mir abftattete, diese Karte betrachtete. Als hätte er mit diesem Blick sagen wollen: „Ein Jude braucht eine solche Karte nicht erst an die Wand zu spießen. Er trägt sie in seinem Innern mit sich." Ich habe manches Mal an dieses Iugendstück von mir und an seinen Helden zurückdenken müssen, als ich auf dem Boden seiner Heimat weilte. Und als ich zuerst ein Abbild seines Hauses sah, das andere freilich nur als eines der vielen arabischen Heiligtümer bezeichnen, eines der kuppelgezierten „Weli", die sich fast in jedem arabischen Dorf Palästinas vorfinden, da schrie es auf in mir: Genau so hatte ich mir seine Behausung vorgestellt. Mit dem flachen Söller und dem Kuppeldach und der im Sturm wehenden Palme, die das Ganze gespenstisch überflattert. Ja, bis ins kleinste, so hatte ich sie mir gedacht und habe ich sie auch in meinem Werk geschildert, diese seine Wohnung, die er bei mib, einer Andeutung in der Bibel folgend, mit Weib und Kindern verbrennt, um sich von der Heimat zu lösen und für seine geliebte Buhlerin Delila frei zu machen. „Schiller würde kaum erstaunt gewesen sein und sich nur auf Schritt und Tritt bestätigt geführt haben, wenn er die von ihm bedichtete Schweiz in Wirklichkeit zu sehen bekommen hätte", äußerte Goethe einmal zu seinem Eckermann. Und ergeht es uns nicht allen, auch falls wir keine Dichter sind, wenn wir eine Gegend, mit der wir uns innerlich vorher tief beschäftigt haben, leibhaftig hernach mit Augen sehen, also daß sie uns ganz vertraut erscheint und genau so, wie sie uns vorgeschwebt hat. „So Hab ich's mir gedacht, so Hab ich's mir geträumt!" ist mir wer weiß wie oft von Juden versichert worden, die zum erstenmal das Land ihrer Väter betraten und ihre inneren Gesichte nun in der Tatsächlichkeit widergespiegelt sahen. Man zeigt noch hier und da Stätten im Heiligen Land, die der Erinnerung an den alten Volkshelden Simson gewidmet sind. Außer seinem Hause noch das Dorf Thimna, wo er seine Frau freite, und noch eine Höhle oder. Steinkluft, in die er sich verkrochen haben soll, als er sich von seinem Weibe getrennt hatte und noch die Stätte, wo er tausend Philister mit einem Eselskinnbacken erschlug, und den Bach Sorek, unfern vom jetzigen Rischon le Zion, wo er Delila liebgewann. Am meisten aber ist das alte Gaza mit ihm verknüpft, diese schon ägyptisch wirkende Philifterstadt, in der man das Grab von ihm, den sie hier „Samsun" nennen, sehen kann, und den Ort, wo er die Tore der.Philister weggenommen haben soll. Ein trauriger ernster Schatten steht über der ganzen Simsonsage, ähnlich jenem, der über unserm Nibelungenlied und dem Lüstern Märchen von Siegfried liegt. Beide werden durch die Tücke Md den Verrat ihrer Umwelt zu Fall gebracht. Im Deutschen sind es die Sippen und Magen, die dies verüben, und im Hebräischen ist es ein verführerisches fremdes Weib. Weil man mit Gewalt nichts gegen die beiden Unbezwingbaren ausrichten kann, werden sie also durch List niedergeftreckt. Das Volk der Philister das Simson einstmals soviel zu schaffen machte, ist längst auögeftorben. Ehedem den Juden an Bildung, Ausrüstung und Reichtum weit überlegen, wurde die Übermacht dieses semitischen Küftenvolkes, das jahrzehntelang über die Kinder Israels geherrscht hatte, von Saul und David gebrochen. Die Feindschaft und Eifersucht gegen diese unbeschnittenen stärkeren und wohlhabenderen Nachbarn hinderte das alte Juda nicht, zeitweise in den Götzendienst der Philister zu fallen und zu ihrem Obergott Dagon, dem mit einem Fischschwanz ausgestatteten Schirmherr» des Meeres und der Küste, mitzubeten. Heute lebt nur der Name der Philister noch fort. In dem Wort „Palästina", das nur die griechische Form des hebräischen Namens Peleschet ist, mit dem man das Land der Philister als „Philiftäa" bezeichnete, ein Ausdruck, der nun dem ganzen Heiligen Land verblieben ist. Und zum andern haben sich die Philister in unserm Sprachgebrauch erhalten, indem man mit ihrem Namen verächtlich die Spießbürger und Alltagsseelen anruft, so daß damit die freiere Welt der Musensöhne und der Künstler bei uns die Bezeichnung der alten Feinde des gewaltigen Simson als Schimpfwort für ihre eigenen Gegner ausgenommen hat. Und auch dies mag uns den alten Recken Simson, der von einem fremden falschen Weib um seine Kraft, seine Fveiheit und seine Schönheit gebracht wurde, erneut lieb und wert machen^ „Philister über dir!" frohlockt die Buhlerin Delila, als sie ihn seiner Locken und damit seiner Stärke beraubt hat, und stößt den Ohnmächtigen höhnisch ihren Volksgenossen zu, die ihm die Augen ausstechen. Aber in der Gefangenschaft wächst noch einmal sein altes Heldentum und rafft sich zu seiner letzten, größten Tat auf. Hinausgeführt aus seinem Kerker, zerbricht er die Säulen, an die man ihn gelehnt hat: die Säulen zu einem Söller, auf dem dreitausend Männer und Weiber der Philister stehen und hören wollen, wie der blinde Simson ihnen etwas Vorspielen muß. „Meine Seele sterbe mit den Philistern!" seufzt Simson auf, indes die Säulen sich neigen und mit ihnen das Haus, das sie tragen, über ihm einftürzt. Mitsamt allem Volk, das darinnen war. „Also daß der Toten mehr war, die in seinem Tod starben, denn die bei seinem Leben starben", wie es im Buch der Richter heißt, das schlicht und bildkräftig des Helden Kleinkrieg mit den Philistern und sein Ende schildert und singt. Und ein Gesang der Ilias kann nicht schöner sein als dies erhabene und rührende Prosalied von Simson, dem Feind der Philister. Einsendungen für die Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Wir bitten Berichte, Vorankündigungen und Anzeigen so rechtzeitig einzusenden, daß sie noch in der nächsten Nummer ausgenommen werden können. Schluhtag des Text- und Anzeigenteils ist für die Nummer vom 1. der 26. jeden Monats, für die Nummer vom 15. der S. Für den redaktionellen Teil bestimmte Beiträge an: Dr. Ludwig Feuchiwanger, München, Grillparzerstrahe 38. Anzeigen und geschäftliche Mitteilungen an: Verlag V. Heller, München, Plinganserstraße 64. München, 30. Januar 1930. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München: Dr. Neumeyer. Die Schriftleitung der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung Verlag B. Heller, München, Plinganserstraße 64