Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 3 (1.2.1930)
- Article
- Das unsterbliche Blut
- Date
- 1930-02-01
- Page
- Seite 35 (sequence 2)
- Language
- German
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Bayerische Israelitische Gerneindezeitung 35 Nr. 3 (eines der schönsten Bücher dieses Jahrhunderts). Er ist das polare Gegenbeispiel. Lawrence schreibt „blond", er spricht. Fink singt auf der jüdischen Herzenöorgel, wenn er „Mutter" als Thema anschlägt. Wenn ein Jude von der! Mutter spricht, wird es Choral. Aus Wort wird Hymne. Der reale, nüchterne, geschäftliche Jude wird Mystiker, wenn das Stichwort „Mutter" fällt. Finks Buch ist vieles, aber zuerst der Heldengesang von der Mutter, die für ihre Kinder verbluter. In allen Sprachen gibt es Bücher der Mütter, sogar in der chinesischen, aber hier hat das letzte Wort der Jude. Neben dieser Gefühlswelt steht die andere jüdische: die sachliche, kalte, klare, vernunftgesetzliche. Daß beide im selben Horizont ruhen, ist jüdische Daseinskraft. Mit sezierendem Blick, mit kühler Statistik, mit unsentimentaler Feder notiert unser junger Georg alle Stadien des Großftadt-Proletariat-Iammers. Doch er lächelt dabei, mit blutendem Herzen; hinter diesem registrierendem Verstand glüht das jüdische Gemüt. So wie Einstein eisige Mathematik entwickelt und abends in Beethovenschen Quartetten inbrünstig Geige spielt. Wie Spinoza herzentsprossenes Ethos auf mathematische Formeln einer Ethik bringt. Keine andere Raffe hat diese Art Doppelanlage. Herz und Geistigkeit, schärfste Intellektualität und zärtliches Gemüt, kalten Verstand und schmelzende Inbrunst. So wir ihre Religion Demut und geistiger Stolz, Anbetung des Namenlosen und selbstherrliche Vernunftsetzung zugleich ist. Unsere jüdischen Gelehrten heut, Buber, der unglückliche und erlöste Franz Rosenzweig, sie sind auch Dichter (der neuen Bibel), Nachdichter alter Barden und Systematiker daneben metaphysischen Denkens. Und wenn es auch nur die Sprache ist, in der das Jüdische glüht. In allen Sprachen spricht der jüdische Dichter hebräisch. Es nützt nichts, Gott zu verlassen und die Väter zu verleugnen, andere Religion zu bekennen und von Kind an europäisches Idiom zu sprechen. Der Jude bleibt Jude. Jude bleibt Georg Fink, der nicht einmal weiß, daß er Jude ist. Er hat sogar die Gettoeigenschaft, mit der Landschaft unbekannt zu sein. Die Natur ist ihm fremd, nicht nur, weil er im Getto des Proletariats steckt. Natur ist ihm nicht nur unbegreiflich, sondern überhaupt nichtexiftent. Im allgemeinen ist der Jude heut durchaus natursüchtig, landschaftsfroh. Wenn nicht aus Anschauung und Gefühl, so doch aus Bildung, Wiffen, literarischer Erfahrung. Alles das hat unser junger- Georg nicht, Kerberl Culenberg Von der vorjährigen Reise des berühmten rheinischen Dichters Herbert Eulenberg durfte man sich ein ungewöhnlich intereffantes Reisebuch erwarten. Es ist soeben unter dem Titel „Palästina: Eine Reise ins gelobte Land" (im Rembrandt-Verlag in Berlin) erschienen. Auch wer durch gute und anschauliche Palästina-Literatur aller Schattierungen verwöhnt ist, wem Alfred KerrS „Ieruschalajim" mit seinen 75 zuckenden Expressionen immer gegenwärtig ist, wird dieses unbekümmerte, anmutige Buch, das 32 Bilder vom Land zieren, lieb gewinnen und besitzen wollen. Hier ist kein verbrauchtes Wort, kein konventionelles Bild. Ob Eulenberg die Gestalt des Erzvaters Abraham sieht, ob er die Kreuzzüge beschreibt oder ein Bild von Theodor Herzl oder von Tel- Awiw gibt, immer die Wiedergabe von etwas ganz Neuem, Frier ist kein bewanderter Literat, er schreibt nur. Nie stammte ein Buch von einem Weniger-Schriftftellev als er es ist. Absichtslos führt er Buch über sein Leben. Und in dem Jüngling von heut schlägt eines alten Gettojuden Herz. Er ist viel mehr Jude als etwa Wassermann, Schnitzler, Döblin. Das sind jüdische Deutsche, jüdische Franken und Österreicher. Fink ist ein (zufällig) deutsch schreibender Jude und also jüdischer als seine großen Brüder von der Feder. Er kennt wirklich die Natur nicht. Das Gefühl für Landschaft fehlt ihm, der vor dem Mitmenschen so gefühlsgetränkt ist. Sterne sind Raumkörper, der Mond ein astronomisches Kapitel. Stimmung ist ihm unbekannt. In jeder Beziehung. Daher die Unsentimentalität des ganzen. Buches. Noch das Sterben der Mutter erzählt er karg. Auch die Bibel ist karg, der Talmud knappste Formulierung. Was aber zusammenhängt mit der Tiefe, Inbrunst und Heiligkeit der Gefühle; solche sind wortarm, wortlos, die höchste Ekstase ist stumm. So sieht man: der Jude kann sich bis ins kleinste Gehaben assimilieren: sein Judentum drückt sich unwandelbar in Wesen und Wesensäußerung aus. Es gibt — in der unpersönlichsten Instrumentierung — einen jüdischen „Ton". Eine Seite Wassermann, Schnitzler, Kerr, Theodor Lessing gehalten gegen einen Thomas Mann, Stehr, Hesse, Spengler: und man hört sofort die Schwingungsdifferenz der „Töne". Es ist das Blut, das den Juden verrät. Es hindert ihn, Prolet zu werden unter Proleten, wenn er noch von ihnen stammt und zu ihnen gehört. Der Jude ist der bürgerliche Mensch. Daß er sich in Rußland an der Zertrümmerung des Bürgertums berauscht, ist Reaktion. Jude heißt, immer noch, Familie. Und Familie ist Institution, Staat, Pietät, Konservatismus. Das Urjüdische verhindert Georg Fink, die von ihm errungene Aktivität des westlichen Menschen ganz durchzuführen. Die oftjüdische Leidensfähigkeit und -berertschast bestimmt sein Schicksal noch mitten im Berliner Proletariat 1930. Dieses Buch bewegt vielleicht so wunderbar und tief, weil man den Ausbruch eines unsterblichen Menschen-, hier Judentums in einer Hölle der Armut, des Elends, des Schmutzes und Lasters erlebt. Weil man mitten unter Literatur ein Herz findet, sinnlich und urfromm, demütig und stolz, klug und einfältig, unwissend und weise wie nur ein jüdisches es sein kann. Es ist wie ein Trost: diese Unverwüstlichkeit des Judentums. Je weniger Juden es werden, desto inbrünstiger glüht die jüdische Seele in ihnen. Das jüdische Bewußtsein erstarkt umgekehrt im Verhältnis der jüdischen Ausbreitung. Daß wir unsterblich sind, beweist uns wieder Georg Finks demütiges Buch „Mich hungert". reist in Palästina schem, eben Entdecktem, der Schmelz der ersten Begeisterung des Wiedererkennens der alten geläufigen Stätten und Gestalten. Mit Erlaubnis des Verlags drucken wir hier das Kapitel über Simson ab. Auch wer das biblische Buch der Richter gut kennt, wem das Simson-Motiv in der deutschen Dichtung bis zu dem viel zu wenig bekannten Roman von Altalena: „Richter und Narr" gegenwärtig ist, wird überrascht sein über die neuen Seiten, die hier der biblischen Geschichte abgewonnen sind. Eulenberg ist ein guter Heinekenner. Seine Simson-Geschichte ist ohne Zweifel angeregt von dem Schluß des Heine-Fragments „Memoiren des Herrn von Schnabelewopski", wo die drei Simson-Kapitel aus dem biblischen Buch der Richter die Krönung einer unvergänglichen Dichtung bilden.