Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 3 (1.2.1930)
- Article
- Die Gottesfurcht der hebräischen Hebammen
- Date
- 1930-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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34 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 Hebammen fürchteten Gott, da machte er ihnen Häuser": tpjm □Ta □“*? wajaas lohem bottim . „Er machte ihnen Häuser." Eine von scher rätselhafte Stelle! So viele Kommentatoren und Eregeten, so viele Deutungen. Die klassische jüdische Auslegung von Raschi ist rezipiert: „Häuser" heisse so viel wie „berühmte Nachkommen", also wie „Haus" auch im deutschen Sprachgebrauch als Metapher gebraucht wird: das „Haus" David usw. Ein anderer klassischer jüdischer Bibelausleger faßt die Stelle so: „Er ließ sie ins Gefängnis werfen", in diesem Sinn machte er (nämlich Pharao) den Hebammen „Häuser", wegen ihres Ungehorsames. Pahuda erklärt den schwierigen Satz so: „ — Sie (nämlich die Hebräer — der Plural ist nach anderen dem massoretischen Text gleichwertigen Texten unbestreitbar ebenso gerechtfertigt wie der Singular) machten für sie (die Götzenfiguren) Schreine", also Verhüllungen der Götzenbilder, um sich der von Pharao befohlenen Aufstellung und Bewachung der ägyptischen Götter und Schutzbilder zu entziehen. „Pharao wird befohlen haben, in allen Häusern der Hebräer Bilder von schreckenechem genden Gottheiten, wie z. B. der Göttin Sechmet, gewissermaßen als furchterregende Wächter aufzuftellen, damit die Hebräerinnen sich fürchten und das Geheimnis der Knabengeburten für die Beseitigung solcher schrecklichen Beobachter peeisgeben sollten." Als Gegenmaßregeln machten nun die Hebräer „Battim", wörtlich Häuser, das sind nach ägyptischem Sprachgebrauch Hüllen vor den bösen Blick der Götzen. Der Gebrauch „Battim" für! Götzenschreine komme auch im 2. Buch der Könige Kap. 23 Vers 2 vor. „Nun würde es, nach Pahuda, auch begreiflich, warum Pharao dann dem ganzen Volke befahl, jeden Knaben der Hebräer in den Fluß zu werfen: er muß zu diesem Mittel greifen, weil sich eben ,die Götter^ als völlig unwirksam erwiesen haben." Also: Eine Vermutung, noch dazu eine recht künstliche, im besten Fall eine der vielen möglichen Ausdrucksabsichten unserer Thora-Stelle, erhebt Pahuda zum Rang einer wissenschaftlichen Behauptung. In Wirklichkeit ist an der Stelle, „er machte ihnen Häuser," alles unklar: die drei hebräischen Worte, gleichzeitig die drei Glieder des dreiteiligen Satzes sind infolge des spezifischen Charakters des althebräischen Satzbaues schlechterdings nicht mehr verständlich. Das sagen auch die Vertreter der strengsten Tradition, wobei sie die Auslegung Raschis als die relativ wahrscheinlichste ansehen; die Stellen II Sam. 7, 11 und II Könige 2, 24, wo jedesmal „Haus" in dem erwähnten bildlichen Sinn gebraucht wird, weisen unzweifelhaft auf die größte Wahrscheinlichkeit dieser Auslegung hin. Der bekannten Übersetzung von Buber-Rosenzweig blieb es auch hier Vorbehalten, abseits vom gewöhnlichen Weg zu gehen. „Da geschah's, weil die Geburtshelferinnen Gott gefürchtet hatten — er aber machte ihnen Häuser —, da befahl Pharao seinem ganzen Volke, sprechend: Jeder Sohn, geboren, in den Fluß werfet ihn!" Die Vokabeln sind wörtlich übersetzt, aber die innere Abhängigkeit der Sätze voneinander ist auf den Kopf gestellt. — Mehr als eine Anregung und Hinleitung, zu einer ganz geläufigen Stelle der Sidra alle Hilfsmittel aufzuschlagen, den Text mit neuer Besinnung zu lesen, sollten diese Bemerkungen nicht sein. F. Das unsterbliche Blut Anmerkungen zu Georg Fink: „Mich hungert..." (erschienen bei Bruno Cassirer, Berlin 1930) Von Kurt Münzer Eine Jüdin aus ostdeutscher Provinz bekommt einen Sohn von einem blondftämmigen weißhäutigen Mann; „arisches" Blut in reinster Destillierung. Er ist nur ein Müllerknecht, muskelgewaltiger Laftenträger, aber in dieser Volksschicht bleibt das Stammwesen kräftiger gezüchtet als in geistig veredelten Geschlechtern. Dieser Sohn aus gemischter Rasse gerät in großstädtisches Proletariat, das absolut judenfrei ist. Seine Gewöhnungen, Sitten, Anschauungen, sein praktisches Denken, Wissen, seine Vorbilder: alles ist arisch — um bei solchem die Mitteilung vereinfachenden, aber« problematischen Rassen-TerminuS zu bleiben. Das Gesicht des Jungen ist nicht ganz einwandfrei, und die scharfsichtige Großstadtjugend schimpft ihn mit dem ewigen KrönungSwort: Jude! Mauschel! Itzig!... Er fragt: was ist das? Jude? ... Er« weiß nichts. Er hat keine Religion, außer: die lutherischen Religionsftunden der Schule; er sieht nie jüdische Gebräuche. Synagoge: unbekanntes Wort. Jude? Keine Spur! Er lehnt sich auf. Die Mutter, die ihm kaum von ihrer Abstammung erzählt hat, stirbt. Da steht er, ein kleiner Prolet, christlich eingesegnet, heutig bewandert, nichts ist ihm jenseitiger als: Judentum — — — Und nun schreibt er seine Erlebnisse auf, macht kein Buch, sondern erzählt — wie er es mit nun fünfundzwanzig Jahren übersieht — sein Leben. Von seinem ersten bewußten Wort an, das hieß: „Mich hungert..." Und siehe da! es ist ein jüdisches Buch, überftrömend von jüdischem Herz, strahlend in jüdischer geistiger Energie, glühend von jüdischer Leidenschaft. Leidenschaft in der Weltbetrachtung und -durchdringung, Leidenschaft geistigen StrebenS, praktischen Sichdurchsetzenö, Leidenschaft des höchsten Hungers nach Wissen, Seele, sublimiertem Besitz. Dieser Halbjude heißt Georg Fink (wie sein blonder Vater), und über sein Lebensbekenntnis setzte er diese Worte: „Mich hungert"... Über das Buch „Mich hungert" selbst braucht wohl nicht mehr ausgesagt zu werden. Es wird inzwischen bekannt geworden sein. Sein Thema (abgesehen von seinem menschlichen Gehalt, seiner menschlichen Gestaltung): die Darstellung des letzten Großftadtelends hat ihm den Erfolg und die Verbreitung gebracht, die nun dem geistigen Kern zugute kommen. Man glaubt, einen interessanten sensationellen Roman zu kaufen und ist im Besitz eines seelischen Schatzes. Also sprechen wir von dem uns bekannten Buch, um zu sehen, was in ihm, das vom christlichen Proletariat handelt, jüdisch ist. Ein westlich-christlich erzogener Mensch lebt: sehen wir, was in diesem Leben, von seinen mütterlichen Ahnen her, unzerstörbar jüdisch ist. In dem Augenblick, wo in diesem Buch unter lauter Christen die Mutter auftritt, lächelt, ihren Sohn fragt: „Haft Du Hunger?" — (ohne Brot für ihn zu haben!) — im selben Augenblick weiß man: ein jüdisches Buch. Es ist nicht nur eine jüdische Mutter, sondern vielmehr eine jüdisch gesehene. Wenn eines Juden Blick auf seine Mutter fällt, steht sie verklärt da. Es gibt den herrlichen Roman von Lawrence: „Söhne und Liebhaber"