Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1930
- Issue
- 1 (15.1.1930)
- Article
- Auszug aus dem Protokoll der Verwaltungssitzung vom 25. Dezember 1929 in Würzburg
- Date
- 1930-01-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern Nr. 1 4. Jüdischer Friedensbund: Die Bestrebungen des jüdischen Friedensbundes finden -auch das Interesse der jüdischen Lehrerschaft. Die Verwaltung erwartet Unterstützung und Förderung dieser Bestrebungen durch die Mitglieder. 5. Lesebuchsrage: Die Kommission übergibt der Vereinsleitung das bisher gesammelte Material, das nach weiterer Prüfung im Rahmen der Bälzschen Lesebogen veröffentlicht werden soll. 6. Verbandsprüfungen: Die Vereinsleitung wird beauftragt, in dieser Angelegenheit erneut an den Verband heranzu- 7. Unterstützungsangelegenheiten: Einer kranken Lehrerswitwe, deren Mann unserem Vereine nicht angehörte, wird eine einmalige Unterstützung von 100 RM. gewährt. 8. Jub i läumsv ersammlung: Die diesjährige Mitgliederversammlung, mit der die Feier des 50jährigen Vereinsjubiläums verbunden ist, wird auf den 24. und 25. August anberaumt. Für die Jubiläumstagung soll eine Festschrift über die Vereinsgeschichte herausgegeben werden. Ferner ist die Gründung einer Jubiläumsstiftung geplant, aus deren Erträgnissen Beihilfen in Krankheitsfällen gewährt werden sollen. Die Vorbereitung und würdige Ausgestaltung der Versammlung übernehmen die Würzburger Kollegen. 9. Fortbildungskurse: Die Vereinsleitung wird beauftragt mit den anderen süddeutschen Lehrerverbänden zwecks Veranstaltung gemeinsamer Fortbildungskurse in Verbindung zu München, den 1. Januar 1930. M. Rosenfeld. M. Adler. Bezirkskonferenz Ansbach. Die Bezirkskonferenz Ansbach hielt am Sonntag, dem 15. Dezember 1929, eine sehr gut besuchte Sitzung ab, die zum großen Teil ausgefüllt war von dem Vortrag des Bezirksrabbiners Dr. Munk (Ansbach) über den „Talmud und seine (Segner". Der Redner trug zahlreiche Stellen aus dem Talmud vor, die in letzter Zeit zum Teil in plumpen und zum Teil in raffinierten Fälschungen von antisemitischen Hetzern ihren Gläubigern vorgesetzt wurden. Er teilte seinen Vortrag in drei Abschnitte: a) Betrug und Wucher, d) Meineid, e) Ritualmord und lieferte den aufmerksam Zuhörenden reiches Material, um gegebenenfalls im Abwehrkampfe den mittelalterlich anmutenden Entstellungen und Fälschungen entgegentreten zu können und auch in uns gut gesinnten Kreisen in taktvoller, würdiger Weise aufklärend wirken zu können. Daran schloß sich die Besprechung von Fragen des Unterrichts und des Kultusdienstes. Den Abschluß der Konferenz bildete das Lernen von Gemoro Chullin. Nächste Konferenz voraussichtlich Sonntag, 19. Januar 1930. ' Levite. Soziale Herkunft der Studenten der Pädagogischen Akademien Zur Ergänzung unseres Berichtes über die große Kundgebung der bayerischen Lehrerschaft für die Neuordnung der Lehrerbildung in Bayern, den wir in der vorigen Nummer unserer Mitteilungen veröffentlichten und in dem wir auf Grund einer sächsischen Statistik feststellten, daß die meisten Lehrerstudenten der Mittel- und Arbeiterschicht entstammten, bringen wir heute eine ähnliche Statistik aus Preußen: „Der preußische Kultusminister hat dem Landtag eine Nachweisung über die soziale Herkunft der Studenten und Studentinnen der Pädagogischen Akademien vorgelegt. Daraus ergibt sich, daß 20,8 v. H. dieser Studenten und Studentinnen der Water Lehrer ohne akademische Bildung war. Bei 16,9 v. H. war der Vater mittlerer Beamter, bei 8,5 v. H. unterer Beamter, bei 15,6 v. H. selbständiger Handwerksmeister und Kleingewerbetreibender und bei 5.3 v. H. höherer Beamter. Den geringsten Zuwachs an Lehrern stellen das Militär, die Großlandwirte und die landirtschaftlichen Arbeiter." Dieser Nachweis besagt eigenllich nur das — für uns Lehrer ist diese Feststellung durchaus keine Überraschung —, daß auch die zukünftigen akademisch gebildeten Lehrer so ziemlich denselben sozialen Schichten erttstammen werden, wie die bisherigen, in einem Lehrerseminar ausgebildeten Lehrer. Und bei jüdschen Lehrern wird es wohl in Zukunft auch nicht anders sein! M. A. Der Ehower-Tilel am Grabe Anmerkung der Schristleitung: Steinhardt bringt in Nr. 52 der „Blätter für Erziehung und Unterricht" folgende Notiz. Auch in Bayern ist es wiederholt vorgekommen, daß Lehrer mit dem Chower-Titel am Grabe „geehrt" wurden. Man mag zu der Notwendigkeit solcher Titel stehen wie man will: Wenn sie eine Ehrung bedeuten sollen, dann gebühren sie den Lebenden. Derjenige, der ihn am Grabe erhält, muß ihn doch schließlich auch im Leben verdient haben. Eine Chowertitelverleihung am Grabe ist also nur das Eingeständnis dafür, daß man im Leben etwas versäumt hat — wirkt also nicht gerade ehrenvoll. Die Notiz lautet: „Man schreibt uns: Da lese ich dieser Tage in einem jüdischen Blatte, ein Rabbiner habe einem Religionslehrer am Grabe den Chower-Titel verliehen. Das mutet wie ein Scherz an. Ähnlich las ich einmal in der Inflationszeit: „Die Gemeinde veranstaltete ihrem Lehrer zu seinem 25jährigen Dienstjubläum einen Festball" (als Ersatz für anständige Behandlung und Besoldung). Der genannte Herr Rabbiner hat sicher seinen Morenutitel bei Seminarabgang erhalten. Aber bei dem Lehrer seines Bezirks fand er zu dessen Lebzeiten keine Gelegenheit, ihn durch den Chower zu ehren. Ich meine, wenn ein Rabbiner nicht die erste Gelegenheit ergreift (spätestens zum 25. Dienstjubiläum des Lehrers), um einen solchen Titel huldvollst zu gewähren, dann wirkt eine spätere Ehrung nicht sehr ehrenvoll. Und wenn das Versäumte gar am Grabe noch rasch nachgeholt wird, so wirkt das lächerlich. Man ftagt sich dann: Was soll solches Getue?" Einzahlungen im Dezember 1929 Wormser, Nürnberg 15; Buüenwieser, Hamburg 20; Sonn, Fulda 20; Wähler, Neustadt 16; Adler, Schweinsurt 15; Adler, Marktbreit 15; Bein, Nürnberg 15; Eschwege, Frankfurt 15; Kissinger I., Frankenweinheim 15; Kissinger M., Frankenweinheim 15; Löbenstern, Würzburg 15; Martin, Haßloch 15; Sulzbacher, Großbiberau 10; Wiedmann, Landau 15; Grünfeld, Heidingsfeld 10; Keßler, Dr., München 30; Lachmann, München 10; Eisemann, Würzburg 15; Ehrmann, Friedberg 10; Frau Rau, Hirschaid 10; Manes, Nürnberg 15; Berlinger, München 5; Michel, Pirmasens 15; Haymann, Rodalben 33; Oppenheimer, Fürth 15; Schapiro, Bamberg 30 RM. Durch: Wähler, Neustadt a. d. S. 10; Rosenfeld, München 40 RM. Würzburg, 1. Januar 1930. M. Hellmann. Postscheckkonto: Nürnberg 6479. vücherschau Armand Lunel. Nicolo-Peccavi oder Weltgeschichte in Earpenkras. Ein tragikomischer Roman. Welt-Verlag, Berlin 1929. Die Dreyfuß-Affaire, die vor einem Menschenalter die gesamte Kulturwelt in atemloser Spannung hielt, findet hier ihren dichterischen Ausklang. Es ist ein feiner künstlerischer Zug, daß der weltgeschichtliche Vorgang in die kleinbürgerliche Welt eines südfranzösischen Provinzstädtchens hineinprojiziert wird; so bleiben die großen Vorkämpfer für die Gerechtigkeit wie ein Labori, Zola, Clemenceau vollständig außerhalb unseres geistigen Blickfeldes, selbst Drehfuß bewegt sich nur schattenhaft im Hintergrund des enttollten Bildes. Um so mehr bietet sich dem Dichter Gelegenheit, die komischen Momente herauszuarbeiten, die vor allem in dex Figur des Titelhelden ihren grotesken Ausdruck finden. Nicht minder originell sind die jüdischen Gestalten, die uns zum Teil fremdartig, da sie in ihrer räumlichen und geisttgen Isolierung den Gleichschritt mit dem übrigen Judentum verloren haben, anmuten und doch auch wiederum so viel Anheimelndes wie aus Großvätertagen bieten. Das Buch, das auch recht bemerkenswerte kulturhistorische und folkloristische Ausblicke gestattet, ist allen Freunden einer guten Lektüre wärmstens zu empfehlen-. R. Für den Inhalt der „Mitteilungen" verantwortlich: Max Adler, München.