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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-01-15 · 2 (15.1.1930) · p. Seite 19

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
2 (15.1.1930)
Article
Das Ende des Joseph Süß Oppenheimer (Jud Süß) nach den historischen Quellen
Date
1930-01-15
Page
Seite 19 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezettung 19 k> HAUS DER Q U A L I 7 Ä7SST0FFE fl L. MÜNCHEN KARLSPLATZ 5 N. STARK & Ge. NÜRNBERG 3 LUITPOLDSTRASSE 11 J Pest preisen oder über die gerechte Bestrafung des großen Bluthundes jubeln, immer blieb das menschliche Interesse an dieser merkwürdigen Erscheinung wach und lebendig... Von dem Sturm, den seine Gefangenschaft im Lande auslöste, ahnte Süß nichts. Er wußte auch nichts von der großen Umwälzung die sich inzwischen vollzogen hatte. Allen fiel eö auf, wie furchtbar sich das Außere des Gefangenen in der kurzen Zeit geändert hatte. Aus dem schönen, eleganten Finanzier^ dessen Helle, mädchenhafte Haut einst das Entzücken der Frauen bildete, dessen braune Augen voller Feuer, Beweglichkeit und Ausdruck blickten, dessen voller roter Mund Sinnlichkeit und Lebensfreude verkündete, war ein unscheinbarer, gebückter, weißhaariger alter Mann geworden, der seine Kleidung auffallend vernachlässigte. Süß sei, so berichtet auch die Untersuchungskommiffion an den Administrator, ganz schmächtig, dürr und elend geworden, so daß auch die engsten Fesseln an seinen Händen nicht mehr schließen würden. Es sei zu befürchten, daß er, zumal er aus capriee und chagrin fast nichts oder doch unordentlich zu essen pflege, bei längerer Haft vor der Zeit sich fein Leben verkürze. War er bis jetzt Jude gewesen aus Stolz, aus Abwehr, aus einem Gefühl der Würde und der Gemeinschaft heraus, so wird er jetzt Jude in der tiefen Erkenntnis seines Wesens, seiner Art, seines Blutes. Hatte er noch vor kurzem erklärt, ein Volontär aller Religionen zu sein, so überkommt ihn nun das Erlebnis des einen, einzigen jüdischen Gottes. Hatte er darnach gestrebt, in Sitten, in Sprache und Kleidung der Erscheinung eines Aristokraten zu gleichen, so gleicht er nun dem Bild eines demütigen und heiligen jüdischen Gelehrten. So elementar bricht dieses urjüdifche Element in ihm durch, daß feine Lippen hebräische Laute sprechen, die sie beinahe schon verlernt, daß er hebräische Gebete betet, die er längst vergessen hatte. Hatte er sich einst gerühmt, die Speisegesetze zu übertreten, so weigert er sich nun andere als rituelle Nahrung zu genießen. Hatte er sich einst als die freie, den eigenen Gesetzen gehorchende Individualität gefühlt, so überkommt ihn nun das mächtige jüdische Familien- und Sippenbewußtsein. Der Gedanke, daß sein eigenes Leben erlöscht, erschreckt ihn weniger als die Vorstellung, daß sein Tod den berühmten und geehrten Namen seiner Familie schände. Hatte er sich einst aus der modernen Philosophie und Literatur eine Weltanschauung gezimmert, so tröstet er sich nun an den Lehren der Heiligen Schrift und an den Gestalten seiner eigenen Geschichte. Er denkt an Hiob, der litt, an die jüdischen Märtyrer, die ihren Gott noch im Tode bezeugten. Hatte er sich bis jetzt bemüht, durch alle Mittel feine Freiheit zu erlangen, so beglückt ihn nun die mystische Vorstellung, durch seinen unschuldigen Tod Gott selber zu verkünden. Er habe viel Theologie im Leibe, sagte er zu dem Vikar Hoffmann, der einen vergeblichen Dekehrungsversuch unternahm. „Er habe schon längst viele evangelische und katholische Bücher wider die Juden gelesen und sein alt Testament dagegen gehalten, er wisse jetzt wohl, was er zu glauben habe. Man sollte ihn bei seinem Glauben ungestört lassen, er wolle als ein Märtyrer für seine Religion sterben. Er wolle leben und sterben auf den Glauben Abrahams, Isaaks und Jakobs, welches auch seiner Väter Glauben gewesen und von ihm nun über vierzig Jahre beibehalten worden sey." — „Der Zulaufs des Volckes am Tage der Hinrichtung am 4. Februar 1738 war unbeschreiblich groß, indem nicht nur die Stadt- und Landleute aus allen benachbarten Derfern, sondern auch viele Fremde aus entlegenen Städten als Zuschauer zugegen waren", heißt es in einem zeitgenössischen Brief. In dem Kreise stand der eiserne Galgen, der 1596 einem betrügerischen Alchemisten zu „Lieb und Leid" aufgebaut worden war. Süß stieg laut betend die Stufen der Leiter hinauf. Man hatte über dem Galgen, ihm zu Hohn und Spott, einen rot gestrichenen Käfig angebracht, an dem die ganze Schlosserzunft gearbeitet haben soll. In diesem Käfig endete das Leben des Iud Süß. Er starb, auf den Lippen das „Höre Israel", daß Gott unser Gott ist und daß er einzig ist. Die Treue, die der Sterbende seinem Glauben wahrte, hatte ihm seine Glaubensgenossen wiedergewonnen. Den zum Galgen Geführten begleiteten nicht mehr Neid und Furcht. Sie sahen nur noch den verlassenen Menschen, der mit dem Bekenntnis auf den Lippen starb. Und so endete ihnen dieses unheilige Leben in dem geheiligten Tode eines Mannes, der nicht für, aber wegen seines Blutes und Glaubens hatte sterben müssen, und um der letzten Stunden willen ehrten sie sein Andenken als das eines Märtyrers. Es erging ein Manifest an die Gemeinden, seinem Gedächtnis ein Jahr lang das ewige Licht anzuzünden. Ein Srundwerk der jüdischen Wissenschaft Die eben (im Verlag Mareus in Breslau) erschienene Festschrift zum 75jährigen Bestehen des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau enthält in zwei Bänden auf fast 1000 Seiten eine seltene Fülle gereifter Arbeiten aus allen Gebieten der Wissenschaft vom Judentum. Die vier Beiträge des ersten Bandes über Philons griechische und jüdische Bildung von Isaak Heinemann, über das Judentum und die geistigen Strömungen der Neuzeit von Albert Lewkowitz, die Studien zur vormosaischen Gottesvorftellung von Israel Rabin und besonders der hebräisch geschriebene große Aufsatz von Michael Guttmann über

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