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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-01-15 · 2 (15.1.1930) · p. Seite 18

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
2 (15.1.1930)
Article
Katholizismus und Judentum
Date
1930-01-15
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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18 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 gen, wie etwa die Angelsachsen, die Protestanten, die Chinesen usw. Eine dogmatische Toleranz, also die Anerkennung der inneren Gleichwertigkeit der jüdischen Religion, erkennt der Katholizismus nicht an. Dagegen predigt er die bürgerliche und persönliche Toleranz. Die katholische Kirche verlangt von ihren Angehörigen nicht, daß der Andersgläubige toleriert wird, das wäre schon eine Herabsetzung, sondern daß er geliebt wird. Die Nächstenliebe ist das höchste Gebot Christi. Von der Verwüstung jüdischer Gräber in Deutschland hat man in Rom mit Entrüstung Kenntnis genommen. Nach katholischer Auffassung haben die Juden im Staat die gleichen Rechte und Pflichten wie jeder andere Staatsbürger. Der Katholizismus verwirft den Antisemitismus, er erblickt darin die Störung des inneren Friedens und die ungerechte Beleidigung von guten und wertvollen Staatsbürgern. Eine große Reihe von Päpsten ist für die Juden warm eingetreten. Pius IX. wurde der Beschützer der Juden genannt; Leo XIII. erhob wiederholt seine Stimme zu ihrem Schutz. Der jetzige Papst nennt sich selbst in seinem Rundschreiben vom 25. März 1929 den Freund der Juden und verurteilt aufs schärfste den Haß gegen das einst von Gott auöerwählte Volk. Auch der Münchener Kardinal Faulhaber sagte 1927 anläßlich eines Predigerkurses für katholische Geistliche: Der geistliche Redner habe alles zu vermeiden, was antisemitische Gefühle wecken könne. Maßgebende Faschiftenführer erAären, daß der italienische Faschismus durchaus nicht judenfeindlich sei. Das göttliche Gebot fordert vom Katholiken die Liebe und Gerechtigkeit gegenüber den Juden. Die katholische Kirche wird jederzeit mit den jüdischen und andersgläubigen Mitbürgern zum Wohle des gemeinsamen Vaterlandes Zusammenarbeiten. II. Grundsätzliche Bemerkungen. „Was werden wir nun sagen?" „Die Wahrheit." Zauberflöte. Das gute Zeugnis, das die Mächtigen der Welt von Zeit zu Zeit den Juden für Wohlverhalten, Loyalität und für genügende Kulturlerftungen ausgestellt haben, begleitet von jeher in einem merkwürdigen Rhythmus die ununterbrochenen judenfeindlichen Taten und Äußerungen aller Zeiten und Länder. Es ist, als ob man erst wieder nach jener Versicherung des Wohlwollens mit gutem Gewissen dem unwandelbaren Ablauf der judenfeindlichen Praxis zusehen könnte. Wir wissen, daß die führenden deutschen Katholiken aller Länder so denken und handeln wie Professor Kaufmann auögeführt hat. Dem Katholizismus, feiner Lehre und seinen Institutionen ist der geistig hochstehende Jude zu jeder Zeit mit Achtung und Verständnis, in den katholischen Ländern mit distanzierter Ehrfurcht gegenübergestanden. Der Vortrag von Kaufmann diente ausschließlich der Wisscnsübermittlung für die zahlreichen Hörer aus allen Kreisen und Konfessionen. An eine Propagandaabsicht war, wie Böswillige am gleichen Tage in ihren Zeitungen schrieben, von niemand, weder von den Veranstaltern noch vom Redner oder von den Zuhörern gedacht. Es ist die allergrößte Skepsis über die aufklärende Wirkung eines solchen Vortrags gegenüber unbelehrbaren Kreisen am Platz. Auch zu dem Inhalt des Vortriags darf man sich jüdifcherseiis ruhig und kritisch einftellen. Die dogmatischen, unüberbrückbaren Unterschiede sind in tiefgehenden wissenschaftlichen Untersuchungen von beiden Seiten längst niedergelegt. Die Lehre von der Erbsünde ist demgegenüber kein wesentliches, den wirklichen Gegensatz aufhellendes Unterscheidungsmerkmal. Die Leugnung der Erbsünde hat nicht die psychologischen Folgen auf den Geist des Judentums, weder auf den Geist des früheren noch des modernen Iudentypus ausgeübt, wie Kaufmann meint. Ein wissenschaftlich einwandfreies Urteil über den „Geist" des Juden ist bis heute nicht möglich. Gegenüber bisherigen Deutungen ist schlüssig nachgewiesen worden, daß das Gegenteil ebenso richtig ist. Das praktische Verhalten der katholischen Repräsentanten in der Geschichte bis zum heutigen Tage ist in zahlreichen Dokumenten und Geschichtswerken in allen Einzelheiten festgelegt. Die Auswahl, die Kaufmann gebracht hat, gab keinen richtigen Begriff, auch nicht den Schalten eines Begriffs von den Tatsachen der großen jahrhundertelangen Auseinandersetzung zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum. Dem Redner ist die ungewöhnlich große Zuhörerschar mit besonderer Anteilnahme und mit der größten Achtung vor der Gesinnung, die hier bekundet wurde, gefolgt. Denn Güte und Gerechtigkeitsgefühl haben in allen Zetten bei Juden Gefühle der Dankbarkeit und Gegenliebe auögelöft. Dr. Ludwig Feuchtwanger. Das Ende des Zofeph Süß Oppenheimer ()ud Süß) nach den historischen Quellen In den Veröffentlichungen der Akademie für die Wissenschaft des Judentums (Akademie-Verlag Berlin) erscheint soeben eine Biographie von Selma Stern über Jud Süß, die strenge Wissenschaftlichkeit mit künstlerischer eindrucksvoller Darstellungssorm in seltener Weise vereinigt. Das für die deutsche und jüdische Geschichte bedeutsame Werk, hält sich gleich weit von der jetzt so beliebten historischen Belletristik wie von unlesbarer Fachgelehrsamkeit . fern.. Vor einer ausführlichen Besprechung drucken wir aus dem letzten Kapitel im folgenden einen charakteristischen Auszug ab. Der letzte Akt im Drama des „Jud Süß", die Tage der Gefangenschaft auf dem Hohenneuffen und dem Hohenasperg, der lange Kriminalprozeß und schließlich die Hinrichtung iw eisernen Käfig wurde schon von den Zeitgenossen in Wort und Lied breit und anschaulich festgehalten. Das schmähliche Ende eines aus dunkeln Schichten zu höchsten Ehren gestiegenen Emporkömmlings, der innere Wandel des Weltkindeö, das die Leiden der Gefangenschaft und die Nähe des Todes zum reuigen Büßer machten, boten der moralischen wie der zynischen, der belehrenden wie der eifernden, der spöttischen wie der mitleidigen Betrachtung Anregung in Fülle. Mochte man am Beispiel des Süß über die Vergänglichkeit irdischer Herrlichkeit Nachdenken oder über den Sturz des „Lueifers" vom Himmel zur Hölle frohlocken, mochte man die Erlösung des Landes von der jüdischen

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