Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 2 (15.1.1930)
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- Inhalt
- Date
- 1930-01-15
- Page
- Seite 17 (sequence 1)
- Language
- German
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Kachrichtenblatt öer Israelitischen Kultusgemeinöen in München unö Augsburg unö öeS Verbandes Hagerischer Israelitischer Gemeinden Dageri>che Israelitische Gememüezettung erscheint am 1. unö if. jeden Monats. — Verlag: V. Heller, München, pllnganserstraße «54, ßernruf 75 6 6+ unö 7366$, Postscheck München 5987. Schristleitung: Or. Luüwig ßeuchtwanger, München, Grillparzerstraße 58 Bezugspreis für nicht eingewlesene Bezieher: Reichsmark 4.S0 für Sa« Jahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Jette 40 Retchspfemüg ßamillenanzelgen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 13 Rrlchspfenni» VI. Jahrgang München, if. Januar 1550 Kr. L Inhalt: Katholizismus und Judentum — Das Ende des Joseph Süß Oppenheimer (Jud Süß) nach den historischen Quellen — Ein Grundwert der jüdischen Wissenschaft—Eduard Bernstein — Goethe wird analysiert — Was will die „Ort"-Gesellschaft? — Aus der Gemeinde München —-t Mitteilungen des Lehrervereins — Amtlicher Anzeiger — Bekanntmachung des Verbandes Israelitischer Gemeinden — Bekanntmachung über Ersatzwahl — Bekanntmachung der Israelitischen Kultusgemeinde München — Bekanntmachung über das Ergebnis der Ergänzungswahlen zum Gemeindeoorstand für die Wahlperiode 1930/32; hier Berichtigung — Bücherschau — Personalia. Katholizismus und Judentum I. Bericht. Am 11. Dezember 1929 sprach in dem überfüllten Herkulessaal der Münchener Residenz der berühmte Archäologe, Forschungsreisende und Professor der katholischen Theologie aus Frankfurt a. M., Professor Dr. Carl Maria Kaufmann über „Katholizismus und Judentum". Kaufmann ist vor allem als Verfasser des Handbuchs der altchristlichen Epigraphik bekannt geworden und ein Gelehrter von internationalem Ruf, besonders als Spezialist für allchristliche Altertumskunde. In dem genannten Hauptwerk Kaufmanns sind auch die jüdischen Inschriften der römischen Kaiserzeit, vor allem die jüdische Katakombe vom Monte Verde, sehr instruktiv behandelt. Der Redner untersuchte die beiden Fragen: Wie stellt sich die katholische Kirche grundsätzlich nach ihren Lehren zum Judentum? Und: Welche Stellung nimmt sie praktisch dazu ein? Dogmatisch steht der Katholizismus anders als das Judentum zu der Frage der Erbsünde. Aus der Leugnung dieses Dogmas durch die Juden mit allen dogmatischen Konsequenzen dieser Ablehnung erklärt der Redner das Selbftbewußtsein der Juden, ihre Tatkraft und Weltlichkeit, aber auch ihren sozialen Sinn und ihre Freude an Weltverbefferungsplänen aller Art. Wer die Erbsünde leugnet und sich im vollen Besitz der Kraft, die Welt zu verändern, fühlt, muß zu den Dingen der Welt und des Lebens eine optimistischere, schaffensfreudigere Stellung eiunehmen als der Christ mit seiner Lehre über die mangelhafte und unzureichende menschliche Natur. Andere dogmatische Gegensätze führte Kaufmann nicht an. Der Redner schilderte weiter die tiefe historische Verwurzelung des Christentums im Judentum: Christus war als Mensch Jude und hielt an der jüdischen Lehre fest. Seine Apostel waren Juden, auch Paulus betonte sein Judentum. Die katholische Kirche hat viele Einrichtungen aus dem Judentum übernommen. Dem Katholiken imponierte von jeher am Juden seine religiöse Haltung, sein Corpsgeist. Auf seinen archäologischen Forschungsreisen hat Professor Kaufmann erlebt, wie religiöse Juden große Entbehrungen durch Haltung der Speisegesetze und der Fasten auf sich genommen haben, was ihm Respekt abzwang. Eine weitere Verknüpfung von Judentum und Katholizimus ergibt sich aus der gemeinsamen bedrängten Lage beider Konfessionen; der gemeinsame Feind ist die völkische Bewegung. Diese richtet sich nicht nur gegen das Judentum, sondern auch gegen das Christentum. Von den Blasphemien der Völkischen gegen die christliche Religion gibt Kaufmann ein eindringendes BÄd. Der deutsche Katholik muß den Juden als Menschen, als Kind Gottes achten und lieben, genau wie jeden anderen Nebenmenschen. Wenn es nach den Völkischen ginge, so hätten wir heute wieder einen Kulturkampf, der schlimmer wäre als vor fünfzig Jahren. Der Redner erinnert an Ignaz von Döllinger, der in seiner Akademierede in München im Jahre 1881 das Schicksal der Juden das erschütterndste Drama der Weltgeschichte genannt und ihre großen Kulturleiftungen anerkannt hat. Auch nach dem Köieg, nach der furchtbaren Niederlage unseres Vaterlandes mußte wieder der Jude als der Prügelknabe des deutschen Volkes herhalten, als ob die Juden an dieser Niederlage und an den Ereignissen, die nachher kamen, im entferntesten schuld gewesen wären. Auch den Katholiken hat man im Jahre 1870 vorgeworfen, daß sie den Untergang Deutschlands wollten. Damals wurde verbreitet, die Kaiserin Eugenie sei von jesuitischer Seite zur Niederschlagung Deutschlands angeftiftet; die Katholiken wurden als Fremdkörper Deutschlands bezeichnet. Die Folge einer solchen wahnsinnigen Einstellung war der Kulturkampf dev siebziger und achtziger Jahre. Professor Kaufmann wandte sich dann ausführlich zu dem praktischen Verhalten der katholischen Kirche gegenüber den Juden. Für eine weltumspannende Kirche kommen die Juden als Rassen- und Blutsgemeinschaft nicht in Frage. Die Juden sind den Katholiken so lieb oder so unlieb wie die übrigen Ungläubr-