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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-01-01 · 1 (1.1.1930) · p. Seite 4

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
1 (1.1.1930)
Article
Franz Rosenzweig
Date
1930-01-01
Page
Seite 4 (sequence 2)
Language
German
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4 Bayerische Israelitische Gemeindezertung Nr. 1 Gemüt erfassen und hoch über den Bereich der Vernunft emportragen. So stand er jenseits aller jüdischen Parteiung der Gegenwart, trotzdem er zu jeder Frage eine scharf ausgeprägte, eigene Stellung nahm und nie um des Friedens willen Kompromisse schloß. Er hatte die göttliche Einheit gefunden, die alles in sich faßt, was sonst den Blicken der Sterblichen nur in seiner Vereinzelung und Einseitigkeit sichtbar wird. Er war aller Freund, und doch hätte keiner gewagt, ihn für seine Partei, für den Liberalismus, den Zionismus oder die Orthodoxie in Anspruch zu nehmen. Sein Lebenswerk war von seiner jüdischen ErftlingSschrift „Zeit ist's" 1917 an von ungebrochenem Drang zu wirken erfiillt. Es gipfelt im Stern der Erlösung, in „Iehuda Halevi, zweiundneunzig Hymnen und Gedichte deutsch" und in der „Schrift zu verdeutschen unternommen von Martin Buber gemeinsam, mit Franz Rosenzweig". Keine Zeile läßt den Außenstehenden ahnen, mit welch übermenschlicher Kraft sie dem toten Körper abgerungen war. Jedes Wort liest sich heute noch ebenso frisch wie im ersten Augenblicke. Seine Schriften fordern. Der „Stern der Erlösung" ist Durchbruch zu einem neuen Denken, noch für lange hin nur den wenigen erreichbar, die die Kraft aufbringen zu völliger Erneuerung des Denkens. Das Werk verlangt Verzicht darauf, Gott, Welt und Mensch auf etwas anderes zurückzuführen als auf sich selbst. Es ist sich des „Daseins" dieser Wesenheiten unmittelbar bewußt. Die „Schrift verdeutscht", fordert mit gleicher Unbedingtheit Verzicht auf den herkömmlichen Klang des Bibelwortes in deutschen Lauten und unternimmt e6 mit einzigartiger Sprachgewalt in fremder Zunge zum vollen Sinn der hebräischen Urworte hinzuleiten. Sie will gar nicht „Schrift", sondern wieder „Wort" Gottes sein und damit den Menschen unserer Tage jenes unendliche Zwiegespräch mit dem Göttlichen wieder aufnehmen lassen, das mit dem Worte „Im Anfang" angehoben hat. Franz Rosenzweig ist von uns gegangen. Ein solches Leben ist an jedem Punkte seiner Bahn gleich vollendet. Tod ist für sein Dasein ebenso unwahr wie es die Krankheit war. Der letzte Satz, den er niederschrieb, spricht aus, daß für Gott auch die Umwege Wege sind. Franz Rosenzweig ist dort, wo alles Menschliche immer ist. Er ist bei IHM, und verkündet im Tode wie im Leben SEINE Werke. „ein ende setzt er der Knsternis" Durch Nacht zum Licht — Zum Wochenabschnitt Miqez Von Rabbiner Dr. A. Eckstein (Bamberg) niöVsi Vsx px “ipF. am “pn*? dp yp „Ein Ende setzt er der Finsternis, bis in die äutzersten Tiefen erforscht er des Gesteines Dunkel und den Todesschatten." Hiob 28, 3 Der anziehendste Abschnitt der in allen Teilen und erst recht als Ganzes spannenden und belehrsamen Iosephsgeschichte ist Inhalt der dieswöchentlichen Thoravorlesung. Der anziehendste, weil er mit dramatischer Lebendigkeit die durch scheinbare Zufälligkeiten veranlaßte Schicksalswende im Leben des vielangefeindeten Patriarchensohnes berichtet. In einer Anmerkung zu dem Kennworte ypo erinnert ein Erklärer der alten Zeit an das in Hiob 28, 3 enthaltene Wort: "jpnp dp yp. „Ein Ende setzt er der Finsternis." Die Frage drängt sich von selbst auf: was soll dieser Hinweis auf die Gleichheit eines kurzen Wortes in zwei inhaltsverschiedenen Sätzen? Ein phantasiebegabter Deuter altväterlicher Überlieferungen weiß zu erzählen: Als der erste Mensch zum ersten Male der untergehenden Sonne nachblickte, da fiel er beängstigt von der ihn umfangenden Dunkelheit auf sein Angesicht und rief aus: „Die Welt bleibt nun verhüllt mit einem undurchdringlichen Schleier der Finsternis!" Als aber am nächsten Morgen eine neue Sonne den Lebensbaum in seinem Paradieseögarten wieder vergoldete, da stimmte er vorahnend das Sabbatlied an mit den Worten: „Gut ist es zu danken dem Ewigen und zu preisen Deinen Namen, Höchster; zu künden am Morgen Deine Gnade und Deine Treue in den Nächten." — Daraus soll die Lehre entnommen werden, daß auch in dunklen Schicksalsnächten auf unseren Lippen nicht verstummen soll das Preislied auf den Veränderet der Zeiten, der treu und gnädig durch Nacht zum Lichte uns geleitet. Wer hätte mehr als Joseph Schicksalslaunen und Menschentücke erfahren? Der wegen seiner äußeren und inneren Vorzüge dem Vaterherzen näher stehende Sohn seiner Alterszeit wurde durch die Lieblosigkeit seiner Brüder in die Fremde verschlagen, ein heimatloser Sklave, und als Opfer seiner standhaften Tugend sank er auf die unterste Stufe einer nach Kasten gestuften Gesellschaft. In den Kerker geworfen, hatte er keine Aussicht auf Freiwerdung, keinen Lichtblick in die Zukunft, war ihm nichts geblieben als das Bewußtsein seiner Unschuld. Da trat ein unerwarteter Zufall ein, der Traum eines Pharao führte die überraschende Wendung herbei im Leben des Träumers Joseph. So weift das unscheinbare Wörtchen ypD aus das yp hin: „Ern Ende setzt er der Finsternis." Mit anderen Worten: Durch Nacht zum Lichte! Niemals ist uns die Stärkung dieser frohen Botschaft notwendiger gewesen als in unserer Zeit und in unserer Lage. Dunkel und aussichtslos scheint uns die Gegenwart und Zukunft nach außen und nach innen. Dürfen aber die durch ihre geschichtliche Vergangenheit tausendmal belehrten Israeliten verzagen oder gar verzweifeln? In uns muß Licht sein, das Licht der Idee in unserer Seele, das durch von außen kommende Stürme nicht verlöscht werden kann. Zur Erhaltung und Verbreitung der Ideenwelt des Judentums möge die neue Schriftleitung dieser Zeitung, die wir mit unseren besten Wünschen begrüßen und begleiten, in ihrem Leserkreise beitragen unter der Losung: durch Nacht zum Lichte! MKUNST-GEWERBE-HAUS K5?*

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