Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 1 (1.1.1930)
- Article
- Zum Gedenken
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 3 Ignaz Döllinger Vor 40 Jahren, am 10. Januar 1890, ftarb der große unerschrockene Münchener Katholik Ignaz Döllinger', als Theologe und Historiker gleichmäßig führend und anerkannt. Unvergessen bleibt die klassische Rede Döllingers in der Festsitzung der Münchener Akademie der Wissenschaften am 25. Juli 1881 über die Juden in Europa. Solche Sätze einfühlender Gerechtigkeit gegenüber den Juden hat seit Menschengedenken kein deutscher Gelehrter gesprochen. Die berühmte Rede ist abgedruckt im ersten Band der Akademischen Vorträge Döllingers und schließt mit den Worten: „Viel zu lange hat die falsche, abscheuliche Lehre, daß die Menschen berufen seien, Sünden und Verirrungen der Vorfahren an den schuldlosen Nachkommen fort und fort zu rächen, die Welt beherrscht und die Länder Europas mit Gräueln und Schandthaten befleckt, von denen wir schaudernd uns abwenden. Wehe uns und unfern Enkeln, wenn jenes Rachegesetz gegen die Nachkommen der Deutschen, Franzosen, Spanier und Engländer des Mittelalters jemals zur Anwendung kommen sollte! Eins aber ist, was die heutige, antisemitisch sich nennende Agitation nicht vergessen sollte: Haß und Verachtung sind Gefühle, traurig und unerquicklich für den, der sie hegt, peinigend und erbitternd für den davon Betroffenen. Schlimm, wenn, um biblisch zu reden, ein Abgrund den anderen anruft! Unser Wahlspruch sei und bleibe das Wort der Sophokleifchen Antigone: „N icht mitzuhassen, mitzulieben bin ich d a!" L. F. §ranz Uosenzweig Von Rabbiner Dr. Ernst Jacob (Augsburg) Der Talmud sagt vom Baal tschuwoh, von dem, der zu Gott heimgefunden hat, er stehe dort, wo nicht einmal die vollkommen Gerechten, die nie strauchelten, stehen können. Deses Gefühl ergriff jeden, dev Franz Rosenzweig in seinen Schriften oder gar im persönlichen Gespräch kennenlernen durfte. Dieser Mann war, wie sein Lieblingspsalm, der 73., es ausspricht, eingegangen in Gottes Heiligtum. Er hatte in ringender Erkenntnis und schmerzvollem Leiden SEINE Rechte erfaßt. Sein Fleisch schwand dahin und Gott war sein Teil geworden. Acht lange Jahre hat er in Frankfurt am Main abgestorbenen Leibes und wachen Geistes den geheimen Mittelpunkt aller lebenswilligen Kräfte des Judentums der Zeit gebildet. Wenn man auf schmaler Wendeltreppe in seine Mansardenwohnung hinaufgestiegen war, bot sich ein rührender Anblick. Das Zimmer, dessen Wände mit Büchern hoch umstellt waren, bildete ein „unbekanntes Heiligtum". Dort saß im Lehnstuhl ein Körper, an dem nichts mehr Leben verriet als die Augen, der kein Glied mehr zu bewegen vermochte außer dem letztem des kleinen Fingers; viele Jahre hindurch konnte dieser Körper wenigstens noch Laute von sich geben, die das liebevolle Einfühlungsvermögen seiner Allernächsten zu deuten wußte und in menschliche Sprache umsetzte. Aber längst war nun auch schon dazu die Kraft geschwunden. Dieser Mann, den sein feuriger Geist zu den Fragen der Zeit und Ewigkeit zu sprechen drängte, konnte sich nur verständlich machen, indem er mit dem kleinen Finger eine besonders konstruierte Schreibmaschine in Bewegung setzte und so seine schmerzvolle abgerungenen Äußerungen in verkürzten Worten niederschrieb. In diesem Zustand hat Franz Rosenzweig immer weiter studiert und sein umfassendes Wissen noch gemehrt und vertieft, hat er eine Fülle von Schriften und Büchern verfaßt, hat er sich an das noch unvollendete Riesenunternehmen einer neuen Bibelübersetzung gemacht, einer Übersetzung in ein neues, lebensnahes Deutsch, das dieseÜbersetzung selbst erst geschaffen hat. In diesem Zustand hat er einenumfangreichenBriefwechselgeführt, hat er mit unendlich vielen Menschen, die ihn aufsuchten, innige Zwiesprache gehalten. Franz Rosenzweig bedeutete ein Wunder. Ein Wunder für die medizinische Missenschaftj die ihn längst aufgegeben hatte, und nicht erklären konnte, daß er noch weiterlebte. Ein Wunder für den blinden Aberglauben unserer Zeit, der nur die Kräfte der Materie gelten lassen will. Hier hatte Geist das Körperliche überwunden, der Geist Gottes, der aus totem Felsen einen Quell lebendigen Wassers hervorbrechen lassen kann. Ein Wunder der Schmerzverklärung in einer Zeit der Leidensunwilligkeit. In Stunden tiefster Weihe versammelten sich allwöchentlich Freunde am Krankenlager und hielten vor seinem Angesichte den Sabbatgotteödienst. Bei den Woren des Gebetes und der Thoravorlesung erstrahlte der Glanz göttlicher Gegenwart mit überirdischem Feuer. Wenn nach dem Sabbatmorgengebet oftmals an langer Tafel, an deren Spitze sein Stuhl stand, der Kiddusch gesprochen und das Brot gebrochen, das Schir hamaalos gesungen und der Tischdank gesagt wurde, wav eS ein Mahl heiliger Einigung in Freude und Frieden. Franz Rosenzweig war ein Heimgekehrter. Er war in einer Umgebung aufgewachsen, die sich des Zusammenhangs mit dem Judentum nicht mehr lebendig bewußt war, in der die Religion keine reale Lebensmacht mehr darstellte. Er stammte aus reichem Hause, das dem Jüngling Wege zu allem Guten und Schönen öffnete, aber ihn nicht in den Tiefen des Glaubens und einer gotterfüllten Lebensführung verankern konnte. In vielen der besten jüdischen Häuser ist reichbegabte Jugend in glücklichen äußeren Verhältnissen seit hundert Jahren so aufgewachsen. Die Kindheit Mendelssohn-Bartholdis, Walter Rathenaus und vieler anderer war so. Daß Franz Rosenzweig sich nicht verlor, daß er zum alten Volk zurückfand, das war eine glückliche Fügung, die ihn Hermann Cohen, Anton Nobel, Martin Buber begegnen ließ, die ihn zum Genius der hebräischen Sprache und zu den ewigen Worten der Bibel führte. Immer mehr kehrte er zurück: „Durch Lernen zur Tat", zu neuem Lernen und zu neuem Tun, bis sich in ihm selbst ein Born der Lehre öffnete. Überftrömend hat er Ungezählte getränkt, die bis dahin gleich ihm ausgedörrt und verschmachtend dagelegen hatten und dem Iudenum verloren gewesen waren. Welch herrliche Kraft des Geistes und Herzens stellte sich hier aus eigenem, mühsam sich selbst abgerungenem Entschlüsse in den Dienst des Judentums! Franz Rosenzweigs Geist war klar und scharf; er übte unerbittliche Kritik und war doch voll Güte und Humor. Er gehörte zu den durchaus rational gerichteten Sprechern des Judentums und hatte doch tiefes Verstehen für feine mystischen Unterftröme, war empfänglich für alle Äußerung der Religion, die Herz und