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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-12-15 · 24 (15.12.1929) · p. Seite 401

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
24 (15.12.1929)
Article
Rosalie Perles zu ihrem neunzigsten Geburtstag
Date
1929-12-15
Page
Seite 401 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 24 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 401 vielgestaltigen Pflichten des seelsorgerischen Berufes, feine Vornehmheit in Gesinnung und Tat führten 1871 zur ehrenvollen Berufung auf den Rabbinatssitz der Gemeinde München. In diesem Wirkungskeise fand Rosalie Perles an der Seite ihres Gatten reiche, überreiche Gelegenheit zur Entfaltung ihrer zielbewußten, segenverbreitenden Wirksamkeit. War sie im Hause die Esches chajil, das Biederweib, das aufging in der Betreuung des Gatten, in der Erziehung zweier hochbegabter, hoffnungsvoller Söhne, so fand sie immer noch Zeit und Muße, Armen und Unglücklichen durch teilnehmenden Zuspruch, durch energische Tat nach Möglichkeit zu helfen, fand sie Zeit und Muße, weiten Kreisen der Gemeinde in Familienangelegenheiten tröstend und beratend zur Seite zu stehen. Was Wunder, wenn die tatkräftige Rosalie Perles vom Frauenverein zunächst als zweite Vorsitzende und nach dem Tode von Jeanette Marx 1888 als erste Vorsitzende gewählt wurde. 1885 gründete sie den Bekleidungsverein für arme, schulpflichtige Kinder, der, stetig wachsend und sein Arbeitsgebiet erweiternd, zur Zeit den Bedürftigen, vom Säuglings- bis zum Greisenalter, ausgiebige Hilfe zu gewähren in der Lage ist. Durch ihre vielseitige Betätigung erwarb sich unsere Jubilarin nicht nur Verehrung und Liebe bei allen denen, die ihre Persönlichkeit kannten und zu würdigen verstanden, sie fand in ihr auch beseligende Befriedigung, den Zweck ihres Daseins, ihr höchstes Glück. Aber des Glückes Mittagshöhe sollte nur allzubald weichen einem Kampfe gegen das unerbittliche Schicksal, in dem Rosalie Perles ihre heroische Aufopferungsfähigkeit, ihre Seelenstärke am ergreifendsten offenbarte. Am 4. April 1894 betrauerte ihre Familie den Heimgang des liebevollsten Gatten und Vaters, betrauerte unsere Gemeinde ihren treuesten geistigen Führer und Seelsorger, Rabbiner Dr. Joseph Perles, dessen Andenken allezeit in unserer Mitte ein gesegnetes bleiben wird. Am 20. Oktober des gleichen Jahres sank ihr ältester Sohn Max, Preisträger der medizinischen Fakultät der Münchener Universität, als Opfer dieser Wissenschaft ins allzufrühe Grab. Ihr Trost, ihre Hoffnung in diesem namenlosen Leide blieb ihr nunmehr einziger Sohn Felix, der in Königsberg i. Pr. als Rabbiner wirkt, in der dortigen Universität eine Professur als Orientalist bekleidet und der durch seine wissenschaftlichen Arbeiten in der Alten und Neuen Welt den Ruf eines angesehenen, gelehrten und erfolgreichen Forschers sich erworben hat. In seiner Familie verbringt unsere ehrwürdige Jubilarin seit 1899 ihren Lebensabend, umgeben von zärtlicher Liebe treubesorgter Kinder und heranblühender Enkel, unvergessen in München von einem treuen Freundes- und Anhängerkreis. Aber auch in der Ferne nimmt sie bis zum heutigen Tage noch regen Anteil an der Entwicklung unserer Gemeinde, empfindet sie lebhafte Freude über jede Nachricht aus ihrem alten Freundeskreise. Staunenswertes Zeugnis von ihrer Rüstigkeit und geistigen Spannkraft geben außer den bereits genannten kulturhistorischen Skizzen, außer der in München 1896 veröffentlichten Predigtsammlung ihres Gatten, zu der sie die Einleitung schrieb, noch folgende Übersetzungen aus dem Englischen: Das pharisäische Judentum in seinen Wegen und Zielen von Travres H. Herford 1913; Das moderne Hep-Hep von Georg Eliot im „Morgen" 1920; Was verdankt die Welt den Pharisäern: von Herford, Leipzig 1920; Der Wilnaer Gaon R. Elia von L. Ginzberg, „Ost und West", 1921; Das Judentum in christlicher Darstellung von George Moore, „Ost und West", 1922/23; Jüdische Gedanken und Gedanken über Judentum von I. H. Hertz, Leipzig 1925. Wahrlich, ein Ehrfurcht gebietendes Leben gilt es zu feiern, ein Leben, an dem sich in wundersamer Weise des Psalmisten Wort aus dem 90. Psalm bereits erfüllt hat, das Wort: „Erfreue uns gleich den Tagen, da du uns gebeugt, den Jahren, da wir Unglück geschaut." Möge der Allmächtige nun auch Erfüllung gewähren unserem Flehen, das in die Bitte ausmünde: Rosalie Perles bleibe ihrer Familie und uns erhalten, körperlich gesund und geistig rüstig, ad meoh weeßrim schonoh. Omen! Emanuel Kirschner Protokoll der Verhandlungen der siebenten lagung des Verbandes vaverischer Israelitischer öemeinden in ttschattendurg am 30. Juni und 1. lull 1929 (Fortsetzung aus Nr. 21 der Zeitung, zugleich Schluß des Protokolls) OberlandesgerichtsratDr. Neumeyer, fortfahrend: Wir kommen nun zu Punkt V der Tagesordnung, Zusammensetzung der Schiedsgerichte. Es hat sich eine Lücke in der Praxis ergeben. Ich möchte auf den Fall nicht näher eingehen, der ja der Mehrzahl der Anwesenden ohnedies bekannt fein dürfte. Es wird folgende Änderung des Paragraphen 3, Abf. 2, der Schiedsgerichtsordnung vorgeschlagen: „Entscheiden die Schiedsgerichte über Angelegenheiten von Rabbinern oder Beamten, so müssen zwei Beisitzer des Gerichts Rabbiner oder Beamte sein, von denen einer von dem beteiligten Rabbiner oder Beamten zu wählen ist. Bestimmt der Rabbiner oder Beamte keinen Berufsgenossen, so genügt es, wenn einer der übrigen Beisitzer Rabbiner oder Beamter ist." Diese Änderung hat auch die Zustimmung der Berufsorganisationen, Rabbinerkonferenz und Lehrerverein, erfahren. Es ist damit den berechtigten Ansprüchen unserer Beamtenschaft in vollem Maße Rechnung getragen. Ich möchte die Zustimmung von Rat und Tagung zu dieser Abänderung erbitten. Geheimer Justizrat Professor Dr. Frankenburger: Ich habe gegen die Abänderung an sich natürlich nichts zu erinnern, möchte aber vorschlagen, ob nicht statt des Wortes „oder" das Wort „beziehungsweise" gesetzt werden soll. Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer: Ich persönlich habe eine Abneigung gegen das Wort „beziehungsweise". Der Sinn ist der, den Herr Geheimrat Dr. Frankenburger darin erblickt. Ich darf die Zustimmung der beiden Körperschaften zu meinem Antrag feststellen. Wir kommen nun zu Punkt IV der Tagesordnung, Versetzung in den Ruhestand bei Erreichung der Altersgrenze.

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