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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-12-15 · 24 (15.12.1929) · p. Seite 397

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
24 (15.12.1929)
Article
Inhalt
Date
1929-12-15
Page
Seite 397 (sequence 1)
Language
German
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Kachnchtenblatt üerIsraeÜtischen KultuSgemelnüen in Münchm unö Augsburg unü ües Verbanöes Hagerischec IsraeMscher Gememüen erscheint am 1. unö 15. seöen Monats. — Verlag: S. Heller, München, Sezugsprets für nicht elngewiesene Bezieher: Reichsmark 4.S0 für öas pllnganserstraße 64, Kernruf 7)664 unü 7)66), Postscheck München )-S7. Jahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Zelle 40 Reichspfenul» Schrlstleltung: Dr. Lugen vchmlüt, Rechtsanwalt ln München, Karlstraße 6. Kamillenanzeigen, Stellengesuche unö Shallche Angebote ff Reichspfennlg 1929 München, 75. Dezember 4 Inhalt: Das Geschwisterproblem im ersten Buch Moses — Rosalie teilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern — Aus dem Perles zu ihrem neunzigsten Geburtstag — Protokoll der Berhand- Verbände —Aus der Gemeinde München— Bücherschau — Vereine lungen der siebenten Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Personals« Gemeinden in Aschaffenburg am 30. Juni und 1. Juli 1929 — Mit- Das Öefcbwijterproblem Im ersten Such (Dofes Von Dr. Ernst Simon (Jerusalem) Es ist eine uralte menschliche Überzeugung, daß der zeitliche Vorrang auch einen Vorrang an Macht, Adel und innerem Wert bedeute. Der Erstgeborene hat höheren Erbanspruch, das erstgeborene Tier und die Erftlingsfrucht dienen Gott zu geweihtem Opfer; „alte" Familien und „alte" Völker leiten einen besonderen historischen Anspruch einfach aus der Tatsache, daß sie schon immer da waren, solange Menschen denken können. Dieser Empfindung aber steht eine zweite, kaum minder verbreitete gegenüber: die Auserwählüng des Jüngsten, insbesondere die Bevorzugung des jüngeren Sohnes, des „Nesthäkchens". Junge, traditionslose Familien besiegen jene alten, bereits der Degeneration verfallenen, in der Welt der Tatsachen und dann auch in der Achtung der Zuschauer. Und ebenso steht es oft im ewigen Widerstreit zwischen alten, von der Weltbühne abtretenden Völkern und ihren jugendkräftigen Rivalen. - Welche Parteinahme von diesen beiden, sich widersprechenden, ist die tiefere und weisere? Niemals werden wir diese Frage ganz lösen können, aber vielleicht der wichtigste Beitrag zu ihrer Beantwortung wird uns aus der Betrachtung des Problems erwachsen, wie es im ersten Buche der Bibel, dem Buche „Im Anfang", gestellt ist. Dieses Buch führt uns durch die Geschichte der Menschheit von den meffianischen Kategorien des Paradieses, der Ungeschiedenheit, bis zu den heutigen Kategorien der Geschiedenheit: in Adam, dem ersten Menschen, waren Mann und Weib noch eins, beinahe wie im platonischen Mythos, denn aus des Mannes Rippe ist das Weib geschaffen; in ihm waren auch noch alle Berufe vereint, die in den Söhnen Kain und Abel, dem Ackerbauer und dem Hirten, erstmalig auseinandertreten; bis zum Turmbau zu Babel waren die Sprachen noch zu einer Ur- und Weltsprache verbunden — nun werden sie zerstreut; ehe nicht Abraham seinen Knecht Elieser zu den fernen Verwandten schickt, damit Iizchak, sein Sohn, keine von den Töchtern des Landes nehme, sondern ein Mädchen aus der eigenen Blutsippe, ist das Problem der Rasse noch nicht aufgetaucht — nun wird es ganz ^schW gestellt; und der Aufenthalt der Kinder Israel in Ägypten bringt schließlich die Geschiedenheit der Völker, ganz am Ende des Buches, zu denen des Geschlechtes, -des Berufes, der Sprache und der-Raffe hinzu. Damit sind wir in unsere heutige Welt entlaffen, aus der uns erst wieder das zweite meffianische Zeitalter, das wiedergefundene Paradies, erlösen kann, das am Ende der Geschichte steht und als letzte Heimat der Menschheit ihrer einheitlichen Urheimat entspricht. Das Buch „Im Anfang" hat uns wahrhaft den Anfang allen Menschenseins vorgezeichnet: sehen wir deshalb zu, was es zur Lösung des Geschwisterproblems zu sagen hat. Gleich der erste Satz: „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde" birgt eine Frage, die von den Weisen des Talmuds immer wieder aufgeworfen worden ist. In den Sprüchen Salomenis nämlich wird die Reihenfolge der Schöpfung umgekehrt aufgeführt: „Am Tage, da ER, der Gott, Erde und Himmel machte." Welches von diesen beiden kosmischen Geschwistern ist nun eher geboren worden: der Himmel, wie Schammai und seine Schüler meinen, oder die Erde, wie das Haus Hillels lehrt? Und warum streiten sie und gerade sie über diese Frage des zeitlichen Vorranges? Wohl deshalb, weil die asketische, strenge Schule Schammais, die stets das Gesetz noch zu erschweren unternahm, im Vorrange des Himmels über die Erde, jener Welt über diese, die weltanschauliche Rechtfertigung und Grundlage ihres Tuns sehen durfte, während Hillels Milde umgekehrt sich von der „Diesseitsreligion" der bevorzugten Erde angezogen fühlte. Die Weisen aber vermitteln: „Dieser und jene, gleichzeitig sind sie geschaffen worden." Und ein Midrasch erläutert gleichsam dieses Kompromiß dahin: „Dies will heißen, daß sie beide gleich viel wert sind", Zwillinge sind, deren einer nicht ohne den anderen bestehen kann, womit ja in der Tat die jüdische Weltanschauung am sichersten ausgedrückt wird. Die gleiche Frage finden wir bei der Erschaffung der Sonne vor dem Mond, des Mannes vor der Frau, die gleichfalls von der aggaöischen Deutung reich ausgelegt werden. Das Motiv der Eifersucht, die nach einem Midrasch die beiden großen Leuchten miteinander um den Vorrang streiten läßt, wird hier schon als eines der psychologischer Urmotive des Bruderproblems gedeutet,

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