Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 23 (1.12.1929)
- Article
- Habimah
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
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386 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 Finsternissen des Vorurteils und des Aberglaubens überhaupt, von der jüdischen Frechheit des Ingenieurs Beni-Ben, die, keine gewöhnliche Frechheit, einen metaphysischen Hintergrund hat. Ist nicht so „Der Schatz" ein gut jüdisches Stück? Unvergeßlich die tolle Ausgelassenheit des Hochzeitszuges, diese überwältigende Gelöstheit, der Sieg einer lebendigen Vernunft über die Disharmonien gedrückter Seelen und ihrer Gefühle, der das Auditorium zu stürmischem Beifall bei offener Szene hinriß. Diese wenigen Bilder für viele. Man wird nicht vom Theater sprechen können, ohne auch der Habimah zu gedenken. S. Generalversammlung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Die Generalversammlung des Centralvereins, die am 14. November 1929 unter dem Vorsitz von Rechtsanwalt Dr. Alfred Werner statstand, war durch die Anwesenheit von Direktor Dr. Ludwig Holländer, Berlin, ein Ereignis von nicht alltäglicher Bedeutung.' Man freut sich immer wieder, Ludwig Holländer zu hören, und stellt mit einem gewissen Neid fest, wie er inmitten des aufreibenden Kleinkampfes der Abwehr immer wieder auch den großen Problemen sich stellt, sie anpackt, und sie, wenn auch nicht bewältigt — wer vermöchte dies? — immer wieder ein Stück vorwärts bringt. Im Anfänge seiner Ausführungen, unter dem Titel „Erster Rechenschaftsbericht", erklärte Holländer, die äußere Entwicklung der Verhältnisse habe zuweilen auch in aen leitenden Personen Zweifel darüber erweckt, ob die Arbeit des Centraloereins überhaupt noch einen Zweck habe. Doch gebe es nur eine Möglichkeit: weiter zu arbeiten! Wir entnehmen dem interessanten Bericht folgendes: Der Nationalsozialismus hat seine Erfolge nicht allein einer Demagogie zu verdanken. Es sind vielmehr grundlegende Umbildungen der Anschauungen in der letzten Zeit zu bemerken, wovon eine der wichtigsten ist, der Niedergang des Liberalismus in fast allen europäischen und außereuropäischen Ländern, eines Liberalismus, der die Menschen nicht nach ihrer Religion, sondern nach ihrem Werte beurteilte. Wenn wir die Emanzipationsgeschichte durchsehen, so finden wir, daß sie immer vor sich ging auf der Grundlage des Liberalismus. Diese Grundlage ist heute in weiten Kreisen wankend geworden. Der Grundsatz: Gleiches Recht für alle! wird heute nicht mehr wie ehedem von allen Geistigen gemeinsam anerkannt. Ottmar Spann, der völkische Soziologe der Wiener Universität, will den Wert des einzelnen abstellen aus den Wert der Gruppe, zu der er gehört. Es kommt weiter hinzu die allgemeine Unzufriedenheit mit dem Parlamentarismus. Das Wesen der parlamentarischen Regierung ist es, zu verhandeln und nicht zu befehlen. Der Parlamentarismus beruht letzten Endes auf dem Glauben an die Harmonie der Interessen. Dieser Glaube ist aber heute vielfach nicht mehr vorhanden, damit beginnt naturgemäß die Gelüng des Parlamentarismus zu wanken. Nicht zu übersehen ist endlich der Umstand, daß heute wirtschaftliche Interessen mit politischen Interessen verknüpft sind und vielfach sogar an deren Stelle treten. Die außerordentlichen Schwierigkeiten und die Unübersichtlichkeit der wirtschaftlichen Verhältnisse ermöglichen den unsinnigsten Theorien in weitem Umfange Anhänger zu finden. Unter dem Einflüsse der wirtschaftlichen Not hat der Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (trotz der verschwindend geringen Anzahl von Juden daselbst!) und in Ostpreußen eine starke Zunahme zu verzeichnen. Die völkischen Begriffe haben sich auch in nichtvölkischen Gehirnen weithin eingenistet. Heute glaubt man nicht mehr an die Erbsünde, sondern an die Erbmasse. Der Nationalsozialismus ist nicht eine reine Propagandaangelegenheit, sondern der Kamps einer antiliberalen Weltanschauung, die sich das Judentum wohl hauptsächlich deswegen zum Gegner gesetzt hat, weil in seiner Religion die Grundsätze des Liberalismus verankert sind. Darum ist diesen Leuten immer der antisemitische Zug eigen. Dem Kamps der alten Mach! gegen eine Welt, die sich endgültig mit modernen Ideen erfüllen will, entspringt der Nationalsozialismus, der in vielen seinen Forderungen eine Rückkehr zu mittelalterlichen Verhältnisse darstellt. Die wirtschaftliche Situation der Juden ist heute schwierig, da die Tradition des jüdischen Hauses darauf beruht, durch eigene Tüchtigkeit vorwärts zu kommen. Hier ist der Tarifvertrag ein großes Hindernis, da er der Entwicklung der individuellen Tüchtigkeit starke Schranken setzt. Wir werden uns wohl heute damit abfinden müssen, ohne die Nachteile zu verkennen. Die Entwicklung der großen Konzerne beeinträchtigt den jüdischen Mittelstand wie nicht leicht eine andere Schicht. In einer größeren Reihe von Betrieben ist man jüdischen Angestellten grundsätzlich abgeneigt. Wir sehen, daß das Judentum auch heute in seiner wirtschaftlichen Lage auf das schwerste bedroht ist. Nachdem der Redner so die jetzige geistige, politische und wirtschaftliche Situation gekennzeichnet hatte, ging er dazu über, die Tätigkeit des Centralvereins im Kampf um eine Besserung der Zustände zu schildern. Er gab eine Schilderung des Talmudprozesses in Nürnberg, über welche wir an anderer Stelle (Nr. 22) bereits berichteten. Er bezeichnete diesen Prozeß als einen Markstein in der Geschichte, da ein deutsches Gericht nach gründlichen Erhebungen die Ritualmordlegenden abgelehnt hat. Zu dem forensischen Kampfe tritt hinzu der unermüdliche Kampf gegen die nationalsozialistischen Lügen. Wenn man sieht, wie diese Lügen bis in die weitesten Kreise, auch in die gebildeten Schichten, gedrungen ist, so wird man die Notwendigkeit einer intensiven Aufklärungsarbeit nicht verkennen können. Die größte und wichtigste Frage ist aber wohl die, wie es gelingen kann, die starke judenfeindliche Stimmung in großen Teilen der Bevölkerung zu ändern und umzuwandeln. Es ist immerhin schon etwas, wenn die Monatsausgabe der C.-V.-Zeitung heute bereits in 80 000 Exemplaren versandt wird. Ohne Zweifel hat der „Morgen", die vom Centralveerin ins Leben gerufene hochstehende Zeitschrift, es verstanden, sich in außerjüdischen Kreisen Ansehung und Geltung zu verschaffen. Wir haben heute Demokratie. Die Demokratie aber bedingt, daß man sich ganz anders wie sonst um die Seele des einzelnen Mannes bemühen muß. Jnfoferne war es unter der Monarchie leichter und bequemer. Der Redner zeigte an verschiedenen Beispielen, wie es doch immer wieder gelingen kann, den Kampf erfolgreich zu führen. Dem Vortragenden dankte reicher Beifall. S. Die Synagoge, ihre Geschichte und ihre Gestalt Sonntag, den 17. November 1929, sprach Rabbiner Dr. Baerwald in der Hauptsynagoge über das Thema: „Die Synagoge, ihre Geschichte und ihre Gestalt", das er in fesselnder Weise vor einer aufmerksamen Zuhörerschar entwickelte. Den Vortrag rahmten gut einstudierte Chöre des jüdischen Gesangvereins ein. Im einzelnen führte der Vortragende aus: Die religiöse Entwicklung der Menschheit hat eine ganze Zeitlang gebraucht, bis Gottesdienst und Gotteshaus zu einer Einheit verschmolzen. In den Zeiten der Naturreligion betete der Mensch die Gottheit da an, wo er sie zu finden glaubte, in Wald und Feld. Auch in der Geschichte Israels war es nicht anders. Erst im Stiftszelt finden wir hier die Anfänge eines Gotteshauses. Der Tempel Salomons wurde bekanntlich zerstört und auch der zweite Tempel fiel 70 n. Ehr. diesem Schicksal zum Opfer. Im ersten Tempel bildete das Opfer den Mittelpunkt des Gottesdienstes, dahinter traten die Gesänge als Umrahmung zurück. Im zweiten Tempel war das Opfer schon nicht mehr das ausschließliche Merkmal des Gottesdienstes, wenngleich es der Hauptbestandteil war, jedoch hatten die das Opfer begleitenden Gebete bereits eine größere Ausdehnung erfahren. Außerdem waren neben dem Tempel damals schon bereits Synagogen entstanden, sowohl im heiligen Lande, wie in der Diaspora. Welches waren die Ursachen dieser Änderung? Im Exil, als die Juden von Nebuchadnezar nach Babylon weggeführt worden waren, erwuchs aus dem Unglück, das sie betroffen hatte, neue Gläubigkeit und Religiosität. Die Verbannten sammelten sich im Gebet, man vereinigte sich zunächst wohl hauptsächlich an den Sabbathen und Festtagen und las gemeinsam die heiligen Schriften, um aus ihnen Trost zu schöpfen. Auch nach der Rückkehr aus dem Exil blieben diese Zusammenkünfte weiter bestehen, ja wurden sogar noch ausgebaut, so daß sie in ihrer letzten Vollendung zum Gottesdienst der Synagoge wurden. Eine weitere Institution kam noch hinzu, welche zum Ausbau des Gottesdienstes wesentlich mit beitrug. Es traten Abordnungen des Volkes zu den Priestern hinzu, um bei dem Gottesdienst das Volk zu vertreten. Man hatte das ganze Land in oierundzwanzig Bezirke eingeteilt, jede Woche kam die Abordnung eines Bezirkes zu dem Gottesdienste. Zur Aufrechterhaltung des Zusammenhanges wurden dann auch in der Heimat der Abgeordneten Gottesdienste abgehalten, so daß in jedem Bezirke zunächst