Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 22 (15.11.1929)
- Article
- Nürnberg / Blum
- Date
- 1929-11-15
- Page
- Seite 371 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 371 Reisebüro Erledigung aller Reiseangelegenheiten. Eisenbahnfahrkarten, Schifiskarten, Flugkarten usw. nach allen Weltteilen Versicherungsbüro Versicherungen jeder Art zu vorteilhaften Prämien und Bedingungen bei ersten Gesellschaften des In- und Auslandes Fernsprecher 101 und 1201 UlllCällf & GrilVIlfly AUCJSbUfCJ C 9/10 Drahtanschrift: Nordlloyd gendheim solle das zweite Heim der Jugend werden und jenen die Familie ersetzen, die fern dem Elternhause in der Großstadt heimatlos wären. So sollten denn die neuen Räume dazu beitragen, aufrecht jüdische junge Menschen zu erziehen, bejahende Kräfte des Judentums als Bollwerk gegen den äußeren Feind, den Antisemitismus, aber nicht minder auch gegen den inneren Feind, gegen Indolenz, Lauheit, gegen Liebedienerei gegenüber dem Nichtjüdischen, verbunden mit Gleichgültigkeit gegenüber allem Jüdischen. — Nach herzlichen Worten des Dankes für alle, die zu der behaglichen und zweckmäßigen Ausgestaltung des Heimes unermüdlich beigetragen haben, insbesondere für die Damen, Frau Dr. Bamberger, Frau Geheimrat Dormitzer, Frau Paula Erlanger, sowie für Herrn Fechenheimer und für Fräulein Hopf, übergab Herr Kommerzienrat Rosenzweig das neue Heim der Jugend mit der Aufforderung, nun den rechten Geist in die neuen Räume hineinzutragen. Dem Heim gab die Weihe Herr Rabbiner Dr. Freudenthal. In seiner fesselnden, tiefsten Eindruck hinterlassenden Ansprache führte er etwa folgende Gedanken aus: Jüdischer Lehre und jüdischem Leben sollen die neugeschaffenen Räume dienen. Der jüdischen Lehre wollen sie dienen als Aufnahmestätte für die reichen Bestände der Gemeindebibliothek, von der aus sich ein Strom von Belehrung über die Gemeinde ergießen möge. Jüdische Lehre bedeutete im Mittelalter nur den engen Begriff des Bibel- und Talmudwiffens; seitdem aber Mendelssohn und sein Kreis die freiwillige Abschließung von den geistigen Bestrebungen der Umwelt aufgegeben haben, entsprechend den gleichgerichteten jüdischen Strömungen früherer Zeiten, bedeute jüdische Lehre im weitesten Sinne die Verbindung jüdischen Geistes mit allen geistigen und kulturellen Bestrebungen unserer Umwelt. In diesem Sinne wolle die Gemeindebibliothek ihren Aufgabenkreis auffassen. Mit der Übersiedlung in ihr neues Heim stehe sie an einem Wendepunkt ihrer Geschichte. Vor 40 Jahren als privater Verein gegründet, zähle sie zwar noch heute einen Stamm von Mitgliedern mit festen Jahresbeiträgen, doch habe sie seit Jahren nur dank der Unterstützung der Verwaltung ihre Aufgaben erfüllen können. Diese beständen in der Ausschmückung des Gemeindezimmers mit den Bildern hervorragender jüdischer Männer, in der Veranstaltung von öffentlichen Vorträgen in der Synagoe, sowie in der Anschaffung von Werken zur Bereicherung des jüdischen Geisteslebens von der einfachen Zeitschrift bis zu den kostbaren Bücherschätzen. Dank gebühre der Verwaltung, die durch die Schaffung dieser Räume inmitten der Stadt die Benützungsmöglichkeit gesteigert habe. Aber nicht nur der Lehre sondern auch dem Leben ist das neue Heim geschaffen worden. Die Jugend interessiert sich heute lebhaft für alle Probleme des Lebens. Diese sind aber vielgestaltig und so ringt und kämpft die Jugend mit den Problemen, die von allen Seiten sie umdrängen, mit den Problemen körperlicher, geistiger und religiöser Art. Der Jugend von einst blieben diese Kämpfe erspart. Sie hat die Schule, den Cheder, eigentlich nicht früher verlassen, bis sie in dem einzigen Problem, das sie kannte, dem religiösen, eindeutig sich entschieden hatte. Dagegen besteht die Gefahr, daß unsere Jugend von heute mit dem religiösen Problem sich genügend auseinanderzusetzen vergißt oder es negiert. Dennoch sei zum Pessimismus kein Anlaß gegeben. Die Worte des Propheten Jeremia, die wir in der Haftara des zweiten Tages Rosch-Haschanah in unseren Gotteshäusern verlesen haben, seien auch uns aus der Seele gesprochen. Rachel weint um ihre Kinder und fürchtet um deren Zukunft. Aber eine Stimme , aus Himmelshöhen verkündet ihr: „Es gibt noch Hoffnung, Lohn für dein Tun; deine Kinder werden wieder zurückkehren aus Feindesland!" So sind auch wir optimistisch: auch wir werden Lohn ernten für unsere Mühe: Unsere Jugend wird uns nicht verlassen! Als Vertreter des neutralen jüdischen Jugendvereins Nürnberg und der Kameraden sprach Gymnasiast Josephstal der Verwal-ung Dank aus für das Geschaffene. Die bündisch organisierte jüdische Jugend habe nun ihr Ideal, ein Eigenheim erreicht. Damit sei für Nürnberg die in so vielen Städten der Jugend erwachsene Schwierigkeit überwunden, daß dem Zuge: Heraus aus dem Wirtshaus! die ungelöste gegenübersteht, ob sie Ersatz dafür finde. Der feierlichen Eröffnung des Heimes folgte noch eine eingehende Besichtigung der nun zweckmäßig aufgestellten Bücherschätze, wobei der unermüdlichen Bibliothekarin, Fräulein Hopf, nun auch von den Gästen das gebührende Lob gespendet wurde. Blum. Altenstädt i. Schw. Wenige Tage vor Rosch-Haschanah haben wir einem lieben Glaubensgenossen, Herrn Naftali Weiß aus Memmingen, seine dauernde Ruhestätte auf dem hiesigen Bes dom bereitet. Er hat es in reichem Maße verdient, daß seiner auch in diesem Blatte gedacht wird. Herr Weiß war hier 1859 als Sohn des damaligen israelitischen Schulverwesers Nathan Weiß geboren und hat die erste biblische Altersgrenze überschritten. Schon frühzeitig zeigte der Verstorbene sein großes Interesse für alle Anliegen der hiesigen Kultusgemeinde sowie auch der politischen Gemeinde. In verhältnismäßig jungen Jahren wurde er daher in die hiesige Kultusverwaltüng gewählt (1890) und 1899 zu ihrem Vorstande bestimmt, welches Amt er bis zu seinem 1906 erfolgten Wegzuge nach Memmingen bekleidete. Sein kluger Rat wurde immer hochgeschätzt So hatte er auf manches bedeutsame Werk maßgebenden Einfluß; es fei nur an die 1902 erfolgte Restaurierung unseres Gotteshauses und das damit verbundene 100jährige Jubiläum desselben erinnert. 22 Jahre lang war der Entschlafene Vorstand der hiesigen Chewrah kadischah und erfüllte stets frohbereit die schönste aller Pflichten. Auch die Memminger Kultusgemeinde wußte bald die schätzenswerten Eigenschaften des seligen Herrn Weiß zu würdigen und übertrug ihm auf längere Jahre das Amt eines Verwaltungsmitgliedes, ebenso die Vorstandschaft der dortigen Chewra kadischa. Auch aus seinem Grabsteine wird, wenn auch unsichtbar, die Inschrift prangen: „Alle, die sich mit gemeindlichen Angelegenheiten beschäftigen, werden es um Gottes Willen tun!" Rose, Hauptlehrer. kihingen. Ein verbrecherischer Akt, geboren aus dem Sumpf von Roheit und Gemeinheit, wurde auf dem israelitischen Bezirksfriedhof Rödelsee bei Kitzingen verübt. In der Nacht vom dritten auf den vierten November wurden von Verbrecherhand 11 Grabsteine umgeworfen und acht von ihnen in vandalischer Weife zertrümmert. Fünf Steine standen auf Kindergräbern, sechs auf Gräbern von Erwachsenen. Unter den zertrümmerten Steinen befindet sich auch das Grabdenkmal des vor Jahrzehnten verstorbenen in Mainbernheim amtierenden Rabbiners Thalheimer. Es ist schon das zweitemal, daß verrohte Burschen diesen altehrwürdigen, vor Jahrhunderten angelegten Friedhof geschändet haben. Auch Einbrüche sind mehrfach verübt worden. Man fragt sich, wie es möglich ist, daß die Entartung und Verwilderung der Sitten einen solchen Grad erreicht hat. Das sind die Folgen der Verletzung und Auftieitschung aller niedrigen Triebe, die von völkischer Seite ausgehen. Unter der Einwirkung solcher Einflüsse in den Tätern das Gefühl der Pietät vor den Toten, das selbst den primitiven Völkern eigen ist, verloren gegangen. Man sollte nicht glauben, daß eine solche Kulturschande in einem Kulturstaate möglich ist. Wie lange noch will man die Verhetzung, die solche Früchte zeitigt und dadurch das Ansehen Deutschlands schändet, dulden? Auf die Ergreifung der Täter setzt die Friedhofoerwaltung eine Belohnung von RM. 500.— aus. Anzeige ist erstattet, und die Nachforschungen werden mit aller Energie unternommen, so daß zu hoffen ist, daß die Verbrecher gefaßt und der verdienten Strafe zugeführt wreden können. koburg. Mendelssohns Gedenkfeier wurde hier in Form eines Festgottesdienstes ausschließlich von der Schuljugend bestritten. Den liturgischen Teil des Gottesdienstes mit Chor und Orgel führte der 15jährige Schüler Heinz Traugott aus Niedermarsberg mit gutem Gelingen durch, während die Festrede von dem Oberprimaner