Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 22 (15.11.1929)
- Article
- Kampf um den Talmud
- Date
- 1929-11-15
- Page
- Seite 370 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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370 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 suchen nun, Bischofs als sachverständigen Zeurgen auftreten zu lassen. Auch diesen Antrag lehnte das Gericht ab. Die Verhandlung wurde an den beiden ersten Tagen von den nationalsozialistischen angeklagten Agitatoren beherrscht, die, gewohnt, in ihren Versammlungen keine entgegengesetzte Meinung zu zu dulden, den Staatsanwalt in unerhörter Weise angreisen und sich der Verhandlungsleitung des Vorsitzenden nur insoweit unterwerfen, als es ihnen paßt und unumgänglich nötig ist. Jede ihrer Darlegungen ist eine Rede anihre zahlreich im Verhandlungsraum anwesenden, meist weiblichen Anhänger und zum Fenster hinaus. Heute, am dritten Verhandlungstage, erstattet der letzte noch verbleibende Sachverständige, Professor Goettsberger sein Gutachten. Professor Goettsberger wies den Angeklagten eine Reihe von Unrichtigkeiten nach und erklärte, daß für die Behauptung, es gäbe einen jüdischen Ritualmord, im jüdischen Schrifttum kein Beleg anzutreffen sei. Am Nachmittag hielt der Staatsanwalt die mehr als einstündige Anklagerede, in der er das verderbliche Wirken der Angeklagten durch die brutalen „Stürmers-Bilder, die maßlosen Angriffe in den Artikeln, durch die Räubergeschichten, die in ihm erschienen, als eine Gefahr für die Heranwachsende Jugend geißelte und am Schluß aus tatsächliche und rechtlichen Gründen die Verurteilung des Angeklagten Streicher zu 8, .den Angeklagten Holz zu 10 Monaten Gefängnis beantragte. Der Verteidiger der Angeklagten forderte die Freisprechung seiner Mandanten. Nach einer durch den Feiertag gebotenen Unterbrechung am 1.. fand am 2. November die Schlußverhandlung statt. Die Schlußverhandlung brachte keine wesentlichen Ergebnisse, die Angeklagten machten ihren Plädoyers, die bei den Völkischen üblichen Ausführungen und griffen auch den Staatsanwalt heftig an. Die Verhandlung wurde dann ausgesetzt und am Montag, dem 4. nachmittags das Urteil verkündet. Holz erhielt 3 Monate 15 Tage Gefängnis, Streicher 2 Monate. In der Urteilsbegründung wurde festgestellt, daß der Vorwurf des Ritualmordes eine schwere Beschimpfung der jüdischen Religion darstelle. Es gebe in keinem jüdischen Gesetzbuch irgendeine Stelle, die dahin zu deuten wäre, daß den Juden ein Ritualmord erlaubt sei. Strafmildernd wurde den Angeklagten ihr Fanatismus zugute gehalten, straferschwerend ihre Vorstrafen und weiter, daß die Artikel geeignet sind, die Massen aufzuhetzen und insbesondere ihr Einfluß auf die Jugend ein ungünstiger ist. gez. Dr. Hirschberg. Alarkin Buber bei der Eröffnung des „Jüdischen Lehrhauses" in Köln. Dr. Martin Buber sprach im „Verein jüdisches Lehrhaus", der nach kürzlich vollzogener Gründung sein erstes Wintersemester eröffnete, über „Die Anfänge des jüdischen Messianismus". Buber hat die seltene Gabe des wirklich berufenen Redners. Hier wird nicht ein mehr oder weniger gut geschriebener Aufsatz verlesen, hier spricht ein Mensch, dessen umfassendes Wissen nicht mehr lokalisiert ist in einem präzise und klar denkenden Kops, sondern durchgedrungen ist bis zum Herzen. Von da aus strömt es, wenn er spricht, und unmittelbar dringt das Wort zu dem Herzen der Hörer einfach und eindringlich in größte Plastik durch Ausdruck und Geste. Das jüdische Volk, führte Buber aus, wollte ursprünglich keinen abstrakten Messias. Er sollte die Herrschaft als ihr König antreten in voller Realität. Kein irdischer Statthalter sollte durch Gewalt und Macht regieren, sondern Gott selbst durch die wirkliche Bereitschaft des einzelnen. Nicht anarchisch, sondern theokratisch. Es erweist sich aber, daß das Volk nicht reif dazu ist. und so wird einer von Gott auserwählt und zum König gesalbt. Da auch die gesalbten Könige versagen, stehen die Propheten auf, nehmen das schwere Schicksal auf sich, zu dem Gott sie berufen: Gott spricht durch sie. Sie lehnen sich aus gegen die herrschenden Könige für den von Gott gemeinten König und predigen dem Volke. Sie sagen immer wieder und meinen es nicht utopisch, sondern in größter Aktualität, daß das Reich Gottes jeden Augenblick errichtet werden kann , auf Erden, wenn der einzelne Umkehr hält, sich besinnt und Gott verwirklicht, indem er bis in die kleinste Handlung seines täglichen Lebens recht tut. Das ist der Gedanke des spezifisch jüdischen Messianismus — sagt Buber. Die Höhe der Verheißung sei Men Religionen gemeinsam — die Tiefe der Verantwortung das Besondere des Judentums. Aktuell im besten Sinne sind die Deutungen des Redners. Unausgesprochen, aber deutlich fühlbar steht die Forderung einst wie jetzt: in jedem Augenblick des eben gelebten Lebens kann die Erfüllung kommen, wenn der Mensch die Entscheidung vollzieht, das heißt eins wird mit sich und seinem Gott und bereit ist, „es (das Richtige) zu tun". ttus dem Verbände Dr. katten Rabbiner in Bamberg Bamberg, 7. November. (ITA.) Zum Nachfolger des nach Saarbrücken berufenen Rabbiners Dr. Rülf wurde Herr Rabbiner Dr. Katten zum Gemeinderabbiner nach Bamberg berufen. Herr Dr. Katten, ein Absolvent des Breslauer Seminars, war bisher Gemeinderabbiner in Görlitz. Nürnberg. Zu einer erhebenden, eindrucksvollen Feier gestaltete sich die Einweihung des neuen Heimes für die israelitische Jugend und für die Gemeindebibliothek, zu der die Kultusverwaltung einen Kreis von Gästen geladen hatte. Neben den Mitgliedern der Verwaltung waren Vertreter der Logen, der verschiedenen jüdischen Organisationen, der Lehrerschaft und vor allem der Jugend selbst erschienen, so daß der Lehrsaal bis zum letzten Platz gefüllt war. Nach Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten hat die Kultusverwaltung unter erheblichen Opfern im Zentrum der Stadt schöne, ansprechende Räume gemietet und sie stimmungsvoll ausgestaltet, um sowohl die an Zahl der Bücher wie an Bedeutung für das 'geistige Leben der jüdischen Gemeinde immer mehr anwachsende Gemeindebibliothek würdig und praktisch unterzubringen als auch der jüdischen Jugend eine eigene Stätte zum ernsten Streben wie zum geselligen Zusammensein zu bieten. In seiner mit großem Beifall aufgenommenen Begrüßungsansprache gab Herr Kommerzienrat Rosenzweig, der Vorstand der Gemeinde, seiner Freude Ausdruck, daß es ihm vergönnt sei, gerade die Einweihung dieses Heimes als erste Amtshandlung im neuen Jahre vornehmen zu können. Das viel gebrauchte und viel mißbrauchte Wort, daß das Schicksal einer Gemeinschaft von ihrer Jugend abhänge, enthalte so viel Wahres, daß in diesen für die Wirtschaft, für die Politik wie für die jüdische Gemeinschaft so trüben Zeiten der Umstand, daß unsere Jugend sich wieder zu uns findet, einen besonders erfreulichen Lichtblick biete. Wenn auch die erzwungene Vereinsamung, durch die Stacheldrähte, die eine feindselige nichtjüdische Umwelt um unsere Jugend gezogen hat, mit ihren Anteil an dem Zusammenschluß derselben hat, so ist sie doch nicht die einzige Ursache. Vielmehr sei anzuerkennen, daß unsere jungen Freunde sich auf sich selbst besonnen hätten, auf unsere stolze Vergangenheit, auf die Schätze unserer Religion, und es darum als Feigheit und Schande empfänden, einer Gemeinschaft mit solchen Schätzen den Rücken zu kehren. Freilich dürfte dieser Zusammenschluß nicht die Aufrichtung eines' neuen, freiwilligen Ghettos bedeuten, aber er bringe doch anderseits zum Ausdruck, daß sich Unsere Jugend nich^t um jeden Preis aufdrängen und anbiedern wolle, sondern sich ihres Eigenwertes bewußt geworden sei. Bei der Auswahl und Ausstattung der Räume habe man deren doppelten Zweck im Auge gehabt, die Ermöglichung eines intensiven geistigen und geselligen Lebens. Er, Redner, bekenne freimütig, daß er im Gegensatz zu gewissen destruktiven Tendenzen der Ansicht sei, daß die Familie in erster Linie das Heim für die Heranwachsenden jungen Menschen bleiben müsse, aber das Ju- Hotel Kaiserhof München SchülzenslraDe 12 Gebr. Greif Beliebtes Caf6 - Restaurant f KUnstler-Kapc Ile