Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 21 (1.11.1929)
- Article
- Protokoll der Verhandlungen der siebenten Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden in Aschaffenburg am 30. Juni und 1. Juli 1929
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2727810-2727875-2727896-2736578--05292-2736623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
350 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 Bei dem Punkte „Bayerische Studentenhilfe und Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser Hamburg" möchte ich die Erhöhung von 2 000 RM. aus 4 000 RM. beantragen. In den Großstädten gibt es Lehrlinge und jüngere Angestellte, denen die rituelle Beköstigung bei dem kargen Verdienst schwer fällt. Der Mehrbetrag von 2 000 RM. soll zur Verbilligung des Mittagtisches dienen, denn was den jungen Akademikern billig, ist auch für die Angehörigen der Kaufmannschaft und des sonstigen Mittelstandes recht. Ich komme dabei auf den Antrag des Herrn Rechtsanwalt Feilchenfeld zu sprechen, 10 000 RM. als Darlehenssumme für den Mittelstand in den Etat einzustellen. Darüber sind wir uns wohl alle einig, daß es dem Mittelstände, insbesondere bei uns Juden, sehr schlecht geht, daß der „einstige Stolz und die festeste Grundlage der bayerischen Judenheit" ins Wanken und in schwere Bedrängnis gekommen ist. Wenn auch in viel geringerem Maße, wie gegenüber dem Beamtentum, sollte der Verband auch seine Pflicht gegenüber dem Mittelstände erfüllen; als erste kleine Maßnahme bitte ich nochmals um Zustimmung zu dem Darlehensfonds von 10 000 RM. Auf den in Aussicht gestellten Entschluß der liberalen Fraktion, der israelitischen Realschule in Fürth vom nächsten Jahre ab den Zuschuß zu kürzen, will ich nach den erschöpfenden Ausführungen des Herrn Rabbiner Dr. Stein nicht näher eingehen, ich hoffe bis zur nächsten Tagung eine günstigere Stimmung bei Ihnen zu Meine Damen und Herren, was mich besonders bewegt und heute zu Ihnen sprechen läßt, ist die schwere Lage, in welche die bayerische Judenheit zu geraten auf dem Wege ist. Die Schreckensnachricht vom vergangenen schwarzen Donnerstag bringt, wenn nicht alles täuscht, über uns Juden schweres Unheil. Was der Landtag beschlossen hat, ist der Anfang zum Schächtverbot und unser Herz steht still, wenn wir an die furchtbaren Folgen denken. Eines unserer heiligsten Gebote soll als Tierquälerei degradiert werden, wir, die wir von je dem Tiere Me Schonung zuteil werden ließen. Aber wo blinder Haß die Vernunft überflügelt, können wir als kleine Minderheit nur unserem tiefsten Schmerze Ausdruck verleihen. Ach es ist ja gar nicht so etwas ganz Neues. „Bechol daur wodaur omdu olenu lechalosenu" von Geschlecht zu Geschlecht ist man aufgestanden uns zu verderben. Im grauen Altertum, im Mit- Ls^eriscke^M Vereinsbank Kredit- und Hypothekenbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns rechts des Rheins vpaabitdi Günstige Verzinsung von Guthaben, auch aui Bank-Sparbuch telalter und jetzt im berühmten kultivierten 20. Jahrhundert. Aber Gott hat uns immer wieder errettet aus großer Gefahr. Was mir wehe tut, das sind unsere Kinder. Sind wir nicht auch Väter, die unsere Kinder betreuen wollen, wie den eigenen Augapfel, daß sie ja erzogen werden auf dem Wege von Emunoh und Jiroh, auf dem Wege des Rechtes und der Gottesfurcht. Und wenn dieses Gesetz — was Gott verhüten möge — zur Tatsache wird, werden unsere Kinder in der Zeit der kommenden Not fest zu uns halten und das schwere Joch aus sich nehmen? Al ken homu meei welibi nomas, deswegen ist mein Inneres tief betrübt und mein Herz verzagt. Wenn etwas mich aufrichten kann, so war es das, daß ich gestern Zeuge einer vertraulichen Sitzung des Rates war, wo unser Präsident und der Vorsitzende des bayerischen Rabbinerverbandes in einer seltenen Einmütigkeit die Schechitoh für uns Juden als verbindlich erklärten. Das war eine Tat, meine Damen und Herren, aus diesem beredten Munde Worte zu hören, wie sie vorbildlicher nicht sein können, wie diese Männer erklärten, für die Schechitoh einzutreten, bechol lewowcho, bechol nafschecho, bechol meodecho, mit vollem Herzen, unter Einsetzung der ganzen Persönlichkeit, mit allen Miteln des Verbandes. In dem Willkommensgruß des Aschaffenburger Rabbiners ist folgendes behauptet worden: Hat man es gründlich bedacht, daß der Kampf für die Heiligkeit der Schechitoh seine sittliche Stoßkraft verliert, wenn man es ablehnt, die Schechit<ch als eine das Wesen der jüdischen Religionsgemeinschaft konstituierende Einrichtung zu begreifen? Sind die bisherigen Arbeiten, sind die gestrigen Erklärungen unserer führenden Männer etwas anderes gewesen, als die Schechitah zu einer das Wesen der jüdischen Religionsgemeinschaft konstituierenden Einrichtung zu erklären! Wenn man ein Religionsgebot, eine solche Meleches Hakaudesch, für die Spitze des Verbandes als verbindich erklärt, dann hat man damit das Primat der Tauroh anerkannt. Im Mittelaller waren es Schtadlonim, einzelne Privatpersonen, die vermöge ihrer Klugheit, ihres Ansehens, ihres Vermögens die Mittler machten zwischen uns und Fürsten und Regierungen, heute kann der Einzelne nicht mehr viel ausrichten, heute gilt nur noch die große Verbindung, Zusammenschluß gibt Macht, Ansehen und, wenn Gott will, auch den Erfolg. Herr Präsident! Wenn man das ganze Jahr mit reinem Herzen und in voller Hingabe zur Sache arbeitet, dann tut solche ungerechte Kritik, wie ich sie eben erwähnte, oft bitter weh. Und nun, meine Damen und Herren, lassen Sie mich Ihnen ein Bekenntnis machen: Wenn der Verband in seiner Konstruktion auch nicht alle meine Wünsche erfüllt, so hoffe ich doch zu Gott, daß wir uns im Laufe der Zeiten alle wieder zurückfinden zur einzig wahren Lehre und ihren Verpflichtungen vom Sinai. Ich schätze den Verband und verfolge seine Arbeiten mit lebhaftem Interesse und vollem Vertrauen. Dieses Vertrauen wollen wir unserem Herrn Präsidenten heute alle nochmals unterstreichen. Sie haben sich gestern zu Ehren unserer teueren Abgeschiedenen von den Plätzen erhoben, heute bitte ich Sie, dies zu Ehren unseres verehrten Präsidenten zu tun. Möge Gott seiner Hände Arbeit stützen, möge seine Arbeit in der Schechitahfrage einer glücklichen Lösung entgegengebracht werden. Auch auf Ihnen, meine sehr verehrten Herren Rabbiner, liegt ein schweres Stück Verantwortung, mögen Sie das, was wir täglich in unserem Gebete erflehen, Deio, Bino Wehaskel, in reichlichem Maße und zur rechten Zeit finden. Wenn je ein „Aschaffenburger Judenlandtag" für göttliches Gebot eingetreten ist, so ist es bestimmt der heutige und mit vollem Rechte dürfen wir am Ende unserer Beratungen die Worte laut und vernehmlich ausrufen, die uns im Willkommengruß des Aschaffenburger Rabbinats bezeichnet werden: Wir bekennen uns zu Gott, der da im Lichte thront. Ihm ist unser Lebensdienst geweiht; einen neuen Willen hat Er in uns geweckt, die Säule des Thoragesetzes in die ihr gebührende Stellung einzusetzen. Justizrat Dr. Haas verliest die eingelaufenen Anträge: „Die Fraktion des Blocks beantragt, die Mehreinnahmen von RM. 10 000.— für Mittelstandshilfe bereitzustellen. I. A gez. Feilchenfeld." „Justizrat Dr. Straus beantragt für Fürsorgeerziehung RM. 2500.— einzusetzen." „Antrag der Fraktion des Blocks: In Ziffer III des Haushaltplans für 1929 ist einzusetzen: 1. Einzelaufstellung Big Fürsorgeverein für israelitische Nerven- und Geisteskranke in Lohr statt