Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 20 (15.10.1929)
- Article
- Erlangen
- Date
- 1929-10-15
- Page
- Seite 336 (sequence 2)
- Language
- German
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336 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 Er hat seine jüdischen Glaubensbrüder den Weg in die Welt geführt, aus Nacht zum Licht, aus der Dunkelheit des Schicksals in eine lichtere Zukunft geleitet. Durch feine Bibelübersetzung hat eine ganze Generation die deutsche Sprache erlernt, wodurch die Möglichkeit geschaffen war, daß die jüdische Welt in die Kulturwelt des Abendlandes eindringen konnte. Zusammenfassend wies Herr Dr. Behrens nochmals auf die machtvolle Einwirkung hin, die von der großen Persönlichkeit Mendelssohns weiter ausströmt und auf seine in ihm verkörperte Zusammenfügung von Judentum und Deutschtum. Mendelssohns Andenken werde in jüdischen Kreisen und in der deutschen Kulturwelt gefeiert als das eines Menschen, von dem man sagen kann, daß in ihm die höchste Forderung zur Wirklichkeit geworden ist: Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit. Die eindrucksvolle Gedenkrede wurde weihevoll umrahmt von musikalischen und gesanglichen Darbietungen, wobei, wie schon erwähnt, mitwirkten das Rotenstein-Quartett und Herr Oberkantor Adler (Fürth). Aus der Gemeinde München Mendelssohn-Gedenkfeier Sonntag, 29. September 1929, fand in der Tonhalle die Mendelssohn-Gedenkfeier der Israelitischen Kultusgemeinde München statt, die mit einem Orgelvortrag von Heinrich Schalit eingeleitet wurde. Es folgte ein Vortrag von Rabbiner Dr. Baerwald über „Mendelssohns Persönlichkeit". Dr. Baerwald führte aus: Es handelt sich bei den Mendelssohnseiern, die in den letzten Wochen im Reiche stattgefunden haben, nicht um einen Heroenkultus. Es gibt Menschen, deren Werk über ihre Person hinausgewachsen ist und über sie hinaus fortlebt. Dies hindert nicht anzuerkennen, daß Mendelssohn ein Kind seiner Zeit gewesen ist. Mendelssohn lebte in dem Zeitalter der Aufklärung. Von Franz Munker wird er als der edelste Vertreter der deutschen Aufklärungs- Philosophie bezeichnet. Moses Mendelssohn hatte sich durch einen außergewöhnlichen Fleiß ausgezeichnet, mit welchem es ihm gelang, sich ohne die üblichen Hilfsmittel eine Bildung anzueignen, die ihn an die Spitze seines Zeitalters stellte. Seine Zeitgenossen nannten ihn den Sokrates seines Zeitalters. In der Tat hat diese Bezeichnung manches für sich. Seine Haltung wie die des Sokrates war die Haltung eines Menschen, der keine Überzeugungen aufdrängen will, sondern überzeugt ist von dem Wahren und Guten im Menschen selbst und darum keine andere Aufgabe sieht als das Wahre und Gute im anderen ftei werden zu lassen. Die Religiosität Mendelssohns war nicht nur Pietät, sondern selbst gewonnene, immer mehr vertiefte Überzeugung von der Existenz eines höchsten Wesens, der beste Beweis dafür, daß Aufklärung nicht mit einem falschen und öden Rationalismus verwechselt werden darf. Seine Religiosität erweitert sich bei ihm zu unerschütterlichem Lebensoptimismus, zu der Auffassung, daß das Gute in der Welt über das Böse triumphiere. Eine besondere Eigenart Mendelssohns ist die Anmut und Leichtigkeit der Form, in der die Wesensart Mendelssohns sich manifestiert. Gerade hier zeigt sich der Einfluß des 19. Jahrhunderts. Kant äußerte sich, daß Mendelssohns Schreibweise ihm für die Philosophie die zuträglichste zu sein scheine. Auch Herder äußerte sich begeistert über den Mendelssohn-Stil. Wir sehen in Mendelssohn einen Menschen, der die Idee der schönen Seele in sich verwirklichte. Jedem, dem das deutsche Geistesleben innerer Besitz ist. steht die Gestalt Mendelssohns deutlich in Lessings Nathan vor Augen. Die Menschen seiner Zeit haben sich in seltener Einmütigkeit um Mendelssohn geschart, nicht nur seine Freunde und Schüler, sondern auch Menschen, die von seiner Lebenslinie weit abwichen. Mendelssohn war einer von den wenigen Menschen, die ihr Leben gelebt haben, die nicht nur gedacht und geschrieben, sondern ihre Ideen verwirklicht haben. Mendelssohn ist wie ein Bote aus einer besseren Welt, weil er uns den Frieden kündet, den Frieden, der in einem Menschen wie Mendelssohn wohnt. Anschließend sang Frau Sonja Ziegler die Arie aus Händels „Messias": „Wie lieblich ist der Boten Schrift" in wirkungsvoller Weise. Den Mittelpunkt der Feier bildete der Vortrag des bekannten Mendelssohnforschers Dr. Fritz Bamberger (Berlin) über „Mendelssohns Leben und Wirken". Der Vortragende knüpft an das Erscheinen von Lessings Schauspiel „Juden" an, das von der Kritik abgelehnt wurde mit der Erklärung, es sei unmöglich, daß ein Jude so edel handeln könne wie der Held dieses Schauspiels. Lessing erwiderte daraus nichts anderes, als daß er auf den jungen Moses Mendelssohn hinwies. Mendelssohn ist kraft seiner Persönlichkeit derjenige, der den Beweis erbringen soll. Es ist interessant, wie Mendelssohns Werke zu seinen Lebzeiten gewirkt haben. Überall wird die Würdigung seiner Werke zu einer Würdigung seiner Person. Seine Persönlichkeit war das'enige, was den Zeitgenossen in die Augen fiel. Wir sind nicht nur durch Mendelssohns gedankliche Leistung und Mendelssohns Persönlichkeit gefesselt, sondern vor allem auch durch Mendelssohns Leben. Mendelssohns Leben ist etwas gewesen, was man nicht erwartet hatte: den Aufftieg aus der Enge des Dessauer Judenghettos in die Höhen deutscher Literatur. Das Bild des schachernden kleinen Juden wurde über den Haufen gerannt durch eine Erscheinung, die so neuartig war, wie die Mendelssohns. Dieses Leben wollte so gar nicht mit den üblichen Formeln begriffen werden. 1755 erscheinen Mendelssohns philosophische Gespräche. Lessing soll sie ohne Wissen seines Freundes veröffentlicht haben. Der unbekannte kleine Jude wagt es hier, die Größen der Berliner Akademie anzugreifen. Er greift sie nicht nur an, er verspottet sie. Auf Lavaters Bekehrungsversuche wird Mendelssohn nicht apologetisch, sondern stellt den jüdischen Glauben als etwas dar, was mit dem jüdischen Menschen verbunden ist. Die Zeitgenossen sind überrascht, daß die selbstverständliche Betonung des jüdischen Daseins genügen soll, eine solche Aufforderung wie die Lavaters zu entkräften. :; : Das Wunder von Mendelssohns Persönlichkeit und Mendelssohns Leben ist das Wunder, das mehr gewirkt hat, als alle Schriften Mendelssohns. Mendelssohns literarische Leistung ist historisch, nicht historisch ist aber Mendelssohns jüdische Leistung. Bon welchem Standpunkt aus auch man Mendelssohn betrachtet, immer wird man seit Mendelssohn eine neue Epoche jüdischer Geschichte zählen. Mendelssohns Leistung besteht in der Vereinigung von Judentum und modernem Geiste. Mendelssohn war der erste deutsche Jude. Das Geschlecht nach Mendelssohn hat den Kampf um die Emanzipation des Juden geführt. Diese Nachfolger Mendelssohns haben kraft Mendelssohns Persönlichkeit und Leben dem Kampfe um die Emanzipation ein ganz neues Gesicht gegeben. Es liegt hier der außergewöhnliche. Fall vor, daß die außergewöhnliche Persönlichkeit eines Mannes genügte, alle theoretischen Behauptungen und Beweise für die Gleichberechtigung der Juden überflüssig zu machen. Was sagt uns nun Mendelssohn heute, was sagt uns heute seine Leistung? Das Problem Mendelssohns, das Problem des deutschen Juden ist auch unser Problem. Die Antwort des 19. Jahrhunderts war Fürstenstr. 2, nächst Odeon Fernsprecher Nr. 27313 Julius Hellmann (Park - Hotel Bad Tölz) Die Sonderklasse MiinchenerGaststätten Dicker-Burian singt und spielt Äparte Gesellschaftsräume für Familienfestlichkeiten Rh 15. September Bridge Cercle