Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 19 (1.10.1929)
- Article
- Aus der Chronik einer ländlichen Religionsschule
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 312 (sequence 2)
- Language
- German
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312 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 19 des Distriktsrabbiners Samson Wolf Rosenfeld (1826—1862 in Bamberg) wurde das auf Veranlassung der israelitischen Oberkirchenbehörde von Württemberg herausgegebene „Lehrbuch der israelitischen Religion" als Leitfaden des Unterrichts eingeführt. Aus den gewissenhaften Eintragungen des Lehrers Marschütz sei schließlich noch hervorgehoben, daß die Gemeinde Demmelsdorf im Frühjahr 1842 zwei große mit dem Königsgebet in deutscher und hebräischer Sprache beschriebene Tafeln durch den Sohn des Religionslehrers Simon Prager in Pretzfeld „zu Ehren seiner Majestät des allergnädigsten Königs Ludwig" anfertigen und zu beiden Seiten der Bundeslade in der 1841 neuhergerichteten Synagoge anbringen ließ. Sie haben als Zeugnisse vaterländischer Gesinnung sich bis in unsere Tage erhalten. Lehrer Jakob Marschütz scheint trotz beruflicher Erfolge in seinem Wirkungskreise keine volle Befriedigung gefunden zu haben, denn am 5. Juni 1844 wanderte er „mit hoher Erlaubnis der Kreisregierung" nach dem Dollarlands (Cincinnatti) aus, wo er hoffentlich ein höheres Einkommen als in Demmelsdorf erzielt hat? Als Nachfolger dieses ersten neuzeitlich gebildeten Religionslehrers von Demmelsdorf kam an dessen Stelle 1844 Hermann Frank aus Aidhaufen, bis dahin Schulverweser in Reckendorf. Derselbe amtierte in Demmelsdorf etwa 10 Jahre und kam sodann als Elementarschullehrer nach Gunzenhausen. Als dessen Nachfolger unterrichtete nach einjähriger Vakanz seit 19. Juni 1855 Lehrer Genius G o l d s ch m i d t. Ob der unerhörte Vorname dieses Lehrers für seinen Träger eine ominöse Bedeutung hatte, ist nicht bekannt. Die Chronik berichtet nur, daß unter seiner Amtswaltung alljährlich bei den Schulprüfungen 6 Preise an die Schüler ver- 2 Gleichzeitig amtierte als Lehrer in der Nachbargemeinde Zekkendorf sein Prüder Joses Marschütz. teilt wurden, ferner daß die Prüfungsergebnisse immer die höchste Note erzielten und daß der Lehrer mehrmals eine Belobigung der Kreisregierung erhielt. Nach dem Ableben desselben am 9. Juni 1873 folgte im Dezember dieses Jahres Lehrer Aron Roßmann, der nach einer Amtsdauer von kaum 3 Jahren seine Stellung verließ. Am 7. November 1876 folgte Jsak Weglein, dessen Einträge im Notizenbuch 1907 enden. Die handschriftliche Chronik der Religionsschule enthält in einer zweiten Abteilung eine lückenlose Zusammenstellung der Schülerzahl im Laufe von 78 Jahrgängen (1829—1907), getrennt nach Geschlechtern sowie nach Werktags- und Feiertagsschülern, eine bemerkenswerte Statistik, weil sie ein Bild numerischer Rückwärtsentwicklung einer Kleingemeinde bietet: Im Jahre 1828/29 hatte die Schule eine Gesamtzahl von 58 Kindern, die schon 1830 aus 48 gesunken sind. Die Zahl sinkt im folgenden Jahrzehnt aus 40, bis 1843 auf 29, bis 1850 auf 12. Dann steigt die Zahl — anscheinend in Jahren wirtschaftlichen Aufschwunges — bis 1862 wieder auf 30 und sinkt dann in den Jahren beginnender Freizügigkeit bis 1876 auf 10. Seit 1878 ergibt sich wieder ein allmähliger Aufstieg bis zur Höchstzahl von 24 Schulkindern im Jahre 1886/87; bis zum Ende des Jahrhunderts bleibt die Schülerzahl 20 auf ziemlich gleicher Höhe und sinkt infolge Mangels an Nachwuchs bis 190-6/07 auf die Mindestzahl von nur 7 Schulkindern. Das ist im Laufe von etwa 8 Jahrzehnten eine Minderung von 51 Schulkindern bis auf fast ein Achtel der Zahl vom Jahre 1828. Diese Statistik einer Religionsschule erzählt in trockenen Ziffern, wie in fast allen Land- und Mittelgemeinden, eine Geschichte des Niederganges der bayerischen Judenheit. Sie erinnert unerfreulich an das bedeutungsvolle Wort der Talmudweisen: „Jerusalem ist zugrunde gegangen, weil es daselbst an Schulkindern fehlte." Protokoll der Verhandlungen der siebenten Tagung des Verbandes vaverischer Israelitischer Semeinden in ttschakkenburg am 30. Juni und 1. Juli 1929 (Fortsetzung aus Nr. 18 der Zeitung) Justizrat Dr. Straus: Diese Frage ist im Rat noch nicht behandelt worden. Ich halte es nicht für richtig, daß der Rat hierzu noch keine Stellung genommen hat und möchte beantragen, die Beschlußfassung auszusetzen, bis der Rat Gelegenheit gehabt hat, hierzu Stellung zu nehmen. Meine Ansicht in dieser Sache ist folgende: Selbst auf die Gefahr hin, daß mir Kommerzienrat Rosenzweig wieder sagt, daß ich das Gefühl vor dem Verstand sprechen lasse und daß Rechtsanwalt Jung mir vorhält, ich mache mit fremden Mitteln Geschenke, möchte ich sagen, man soll nicht zu ängstlich sein in dieser Angelegenheit. Wir müssen alle Dinge schaffen mit einem Zutrauen, daß die Zukunft etwas leisten kann. Es ist richtig, die Sache wird uns RM. 20 000.—> mehr im Jahre kosten. Aber dafür schaffen wir eine schöne Anstalt, die nicht nur dem Bedürfnis eines Siechenheims, reichlich Rechnung trägt, sondern auch dem eines Altersheims. Unsere Umfrage hat ergeben, daß für ein solches Altersheim ein Bedürfnis besteht. Auch für ein Beamtenerholungsheim besteht ein Bedürfnis. Wir sollten doch das Zutrauen zu uns haben, zu unserer Leistungsfähigkeit in der Zukunft. Es ist hier das Wort gefallen, wir können in Würzburg nur ein Provisorium schaffen. Das ist nicht richtig. Wenn die Herren in Würzburg uns die Anstalt zur Verfügung stellen und sie wollen RM. 40 000.— als Darlehen und RM. 20 000.— als Zuschuß, dann müssen sie doch eine langjährige Zusicherung von uns haben, daß wir in dem Haus bleiben. Die Anstalt hat ja sonst keine Verwendung für dieses Gebäude. Die Verpflegskosten, die in Würzburg verlangt werden, sind zwar sehr hoch, aber die Pfleglinge haben es dort sehr gut. Die Frage ist nur, ist es so recht, oder wollen wir etwas besseres schaffen. Mit der Vergrößerung in Würzburg kommen wir im Augenblick aus, für die Zukunft wissen wir aber nicht, ob dort Platz genug ist. Ich war mir selber im Zweifel, ob ich für Würzburg oder Kissingen stimmen sollte. Aber nach, der Besichtigung haben alle vier Herren der Kommission einstimmig erklärt, daß Kissingen WürOurg vorzuziehen ist. Die Ausgaben werden einmal kommen, aber wir können sie auf viele Jahre verteilen. Zunächst ist das Projekt Würzburg durchaus brauchbar. Ich bitte aso die eigentliche Beschlußfassung zu diesem Punkt zurückzustellen, bis der Rat hierzu Stellung genommen hat. Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer: Im Rat ist die Angelegenheit noch nicht erörtert worden. Wir möchten also bitten, daß uns Gelegenheit gegeben wird, im Rat ganz kurz darüber und auch über die Lehrerbildungsanstalt zu sprechen. Ich würde vorschlagen, daß wir in einem passenden Augenblick die Verhandlungen unterbrechen und die Beschlußfassung zu diesem Punkt bis dahin zurückstellen. Justizrat Dr. Hommel beantragt zur Geschäftsordnung, die Unterbrechung jetzt eintreten zu lassen. Rechtsanwalt Jung: Zur Geschäftsordnung: Ich bin der Meinung, daß in der Tagung über die Frage des Siechenheims genügend und gründlich debattiert worden ist. Ich sehe keinen Grund ein, warum wir von der üblichen Handhabung abweichen sollen, diese Sache nunmehr zur Abstimmung zu bringen. Wenn die Tagung ihren Beschluß gefaßt hat, kann der Rat gefragt werden, ob er damit einverstanden ist. Warum wollen wir das ändern? In anderen Fällen ist das auch so üblich gewesen, daß der Rat nur gefragt worden ist, ob er sich der Abstimmung der Tagung anschließt oder nicht. Ob der Rat die Angelegenheit vorher besprochen hat oder nicht, das ist eine Sache, die die Tagung nichts Hotel Kaiserhol •'" ' Schölzenslrafle 12 Gebr. Greif Beliebtes Caf6 - Restaurant § Künstler-Kapelle 8^47