Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 19 (1.10.1929)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 309 (sequence 1)
- Language
- German
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Kachrichtenblatt öer Israelitischen KulMögememöen ln München unö Augsburg unö öes Verbanöes Hagerischer Israelitischer Gemeinden Dagevsche Israelitische GemeinÜezeitung erscheint am 1. unö ff. seüen Monats. — Verlag: S. Heller, München/ Sezugsprels für nicht elngewlesene Bezieher: Reichsmark 4-öo für öas plinganserstraße 64, Kernruf 75664 unö 75665, Postscheck München 5-S7. Fahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 RelchSpfenni, Schrlfileltung: Or. Lugen vchmiüt, Rechtsanwalt ln München, Karlstraße 6. Kamillenanzelgen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote if RelchSpfennig München, 7. Oktober Ar. 19 Inhalt: Tage der Umkehr — Bereschith — Am Anfang — Aus Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusder Chronik einer ländlichen Religionsschule — Protokoll der Bergemeinde München: Bekanntmachung über Glückwunschablösung Handlungen der siebenten Tagung des Verbandes Bayerischer 1929 — Bekanntmachung über den Filialgottesdienst an den hohen Israelitischer Gemeinden in Aschafsenburg am 30. Juni und 1. Juli Feiertagen und die Vermietung von Synagogenbetstühlen — 1929 — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde München — Personalia Tage der Umkehr Eine Feftbetrachtung von Rabbiner Dr. Ernst Jacob, Augsburg Die heiligsten Tage des jüdischen Jahres versammeln ganz Israel in seinen Bethäusern. Selbst diejenigen unserer Brüder und Schwestern, die das Jahr hindurch kaum an ihr Judentum denken, ergreift die Gewalt der ehrfurchtgebietenden Tage des Gerichtes und der Versöhnung. Die Überlieferung nennt diese Zeit „Tage der Umkehr". Sie deutet die Töne des Schosar, die nun schon den ganzen Monat Ellul in unseren Synagogen erschallen, als die Stimme des Gewissens, die den Gottentfremdeten zuruft: „Kehrt um, ihr verirrten Kinder!" Umkehr! Hat dieser Ruf in unserer Zeit nicht schon viele Söhne unseres alten Stammes erreicht? Die jüdische Geschichte hat ihre Richtung geändert. Abkehr vom Judentum war die Losung der vorigen Generationen gewesen. Wir sind heute Zeugen einer Wiedergeburt des jüdischen Lebenswillens. Wie viele große Geister, Dichter und Denker, Forscher und Ersinder, Staatsmänner und soziale Refomatoren hatte die Iudenheit des letzten Jahrhunderts hervorgebracht und wie wenige von ihnen hat sie in ihren Reihen fefthalten können! Eine Massenflucht der Gebildeten aus dem Judentum war das Kennzeichen der Zeit. Das Mendelssohnjubiläum hat manche traurige Erinnerung hieran wieder geweckt. Es hätte mehr zum Nachdenken über diese Entwicklung anregen sollen. Heute sehen wir mit stolzer Freude Juden und Jüdinnen als Führer und Wegbereiter auf allen Gebieten des Lebens, die dem Judentum treu anhängen, sich bewußt zu ihm bekennen, ihre Kräfte in seinen Dienst stellen. Uns, dem jungen Gefchlechte, wird dieser Wandel der Zeiten nicht so bewußt wie denen, die den Umschwung selbst miterlebt haben und uns heute von der traurigen Verfassung des Judentums in ihrer Jugend erzählen können. Woher ist diese Umkehr gekommen? Sie ist das Ergebnis vieler zusammenwirkender Kräfte. Da ist die Ablehnung, die der abtrünnige Jude oft bei der Umwelt erfahren hat, von der er gehofft hatte, daß sie ihn mit offenen Armen empfangen nud rückhaltlos zu den ihren zählen würde. Er wurde weiter als Fremder betrachtet. Das Judentum, das Jahrtausende hindurch seine Vorfahren in ihrem seelischen und äußeren Typus geformt hatte, ließ sich nicht durch eine Willensentscheidung wegwischen und ablegen. Die allgemeine Zeitstimmung hat die Umkehr begünstigt. Die Menschen haben sich wieder auf die starken Bindungen besonnen, die Abstammung und Geschichte für jedes Individuum bedeuten. Ein Jahrhundert der naturwissenschaftlichen Entdeckungen hatte geglaubt, die verallgemeinernde Methode der Naturwissenschaft, die das Einmalige und Besondere übersehen muß, auch auf Erscheinungen des geschichtlichen Lebens anwenden zu können und dadurch diese langsam gewordenen und gewachsenen Bindungen vernachlässigt. Unsere Zeit sucht wieder nach metaphysischer Verwurzelung des Lebens, sie sehnt sich zum GotteSglauben, zur Religion zurück. Diese Strömung hat viele jüdische Männer und Frauen erfaßt und trägt sie wieder zum Judentum hin. Die stärkste Macht, der wir die Umkehr verdanken, ist aber die unverwüstliche Lebenskraft des Judentums selbst. Sie hat Jahrtausende überdauert und allen Druck und jeder Verfolgung widerstanden, sie erlahmt und erlischt auch heute nicht. Sie zieht die Entfremdeten immer wieder in ihren Bann; zur Überraschung aller Unheilspropheten wird sie stets neu durchbrechen und aufflammen. Doch wichtiger als die Frage nach dem Woher? dieser Umkehr ist die Frage nach dem Wohin? Die Umkehr bedeutet gewiß nicht Rückkehr zum alten Judentum. Sie gibt nur eine Richtung an, ohne uns auf die alten Wege zurückzuführen. Das Leben in seiner ewigen Schöpferkraft kann sich nicht wiederholen. Gott selbst schuf nach dem Bibelwort die Welt, „um mit ihr fortzuwirken", und er ist nach dem Ausdruck unserer Väter ein Gott, „der stets das Werk der Schöpfung erneuert". Auch eine Rückkehr zum Früheren wäre nie das Frühere selbst, denn sie ist hindurchgegangen durch die Abkehr und belastet mit der