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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-09-15 · 18 (15.9.1929) · p. Seite 293

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
18 (15.9.1929)
Article
Mendelssohnfeier in Dessau
Date
1929-09-15
Page
Seite 293 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 18 Bayerische Israelitische Gemeindezektung 293 sich am Schlüsse nach dem Verklingen der Leonoren-Ouvertüre zu einer überwallenden Kundgebung für alle an der Feier Mitwirkenden weitete. Den hohen, geistigen und künstlerischen Genüssen folgte im herrlichen Konzertsaal des alten Theaters ein von der Stadt gegebenes, gemeinsames Mahl, bei dem der Oberbürgermeister die Familie Mendelssohn begrüßte, in deren Namen Franz von Mendelssohn dankte. Von den eingelaufenen Glückwunschtelegrammen wurde das von Adolf von Harnack gesandte verlesen und erwidert. Auf Einladung des Staatsministeriums vereinigte zuletzt eine Autofahrt nach dem herrlichen Park von Wörlitz nochmals die geladenen Gäste. In den geschmackvollen Räumen des Schlosses fanden sie gastliche Aufnahme und durch Staatsmmister Dr. Weber herzliche Begrüßung. Besonderen Reiz gewährte der Besuch der kleinen Synagoge, die Herzog Franz, der Schöpfer von Schloß und Park, in künstlerischer Weise dem Ganzen eingegliedert und der Wörlitzer Judenschaft zum Gebrauch überlassen halte. Neben allen diesen offiziellen Festlichkeiten öffneten die Führer der. jüdischen Gemeinde den anwesenden Ehrengästen auch ihre Häuser in gastfreundlicher Weise. Keiner der auswärtigen jüdischen Gäste mag wohl versäumt haben, voll Stolz und Freude das mit festlichen Kränzen geschmückte Denkmal Moses Mendelssohns und als Gegensatz hierzu voll Wehmut und Ergriffenheit sein armseliges Geburtshaus zu besuchen. Ein pietätvoller Kreis ließ es sich nicht nehmen die Gräber der Mendelssohnschen Ahnen aus dem jüdischen Friedhof aufzusuchen und wird diese Weihestunde im Rahmen all der tiefen und unvergeßlichen Erinnerungen nicht missen wollen. Staat, Stadt und Gemeinde Dessau haben mit ihren Gedenkfeierlichkeiten nicht bloß Moses Mendelssohn, sondern auch sich selber ein ewiges Ehrendenkmal gesetzt. Die außerordentliche konstituierende Versammlung der Jewish figency Die Konstituierung der Jewish Agency, die im Anschluß an den Zionistenkongreß in Zürich im Monat August erfolgte, ist ein Ereignis von außerordentlicher Bedeutung für die Judenheit der gesamten Welt. Die konstituierende Versammlung des Councils der Jewish Agency hat die Verfassung der Agency im Wortlaut des vom Zionistenkongresses beschlossenen Entwurfes angenommen. Zum Präsidenten der Jewish Agency wurde der Präsident der Zionistischen Organisation Dr. Chaim Weizmann, zu Vorsitzenden des Councils Louis Marshall und Lord' Melchett, zum Vorsitzenden des Administrativ-Komitees Felix M. Marburg gewählt. An Lord Balfour wurde eine Huldigungsadresse gerichtet, und Baron Edmond Rothschild wurde zum Ehrenpräsidenten der Jewish Agency ernannt. Die wichtigsten Beschlüsse der Versammlung lauten wie folgt: I. Der Council drückt seine Freude darüber aus, daß ganz Israel sich für den Wiederaufbau des jüdischen nationalen Heimes in Palästina! vereinigt hat, und ruft jeden Juden auf der ganzen Welt auf, sich dieser heiligen Sache anzuschließen. II. Der Council drückt Großbritannien seine Dankbarkeit für die Balsour-Deklaration aus und spricht die zuversichtliche Hoffnung aus, daß die Mandatarmacht mit dieser erweiterten Agency Zusammenarbeiten wird an der vollen Verwirklichung des großen Zieles, das durch die Deklaration und das Mandat gesetzt wurde. Mit diesem Ziel vor Augen fordert der Council, daß der anerkannte Status der Agency eine tatsächliche Verwirklichung finde und daß von der Mandatarmacht solche Maßnahmen ergriffen werden, die das Wachstum des jüdischen nationalen Heimes fördern, wobei die billigen Rechte aller Einwohner Palästinas gewahrt und ihre Wohlfahrt gefördert werden sollen. III. Der Council beauftragt das Administrative Committee und die Executive, die Mandatarmacht in entschiedener Weise davon in Kenntnis zu setzen, daß die Gefühle der Judenheit der ganzen Welt durch die Vorgänge, die sich am letzten Jom Kippur und späterhin an der Klagemauer ereigneten, verletzt sind und sie auszusordern, Maßnahmen zu ergreifen, die eine Wiederholung solcher Vorfälle vermeiden und zu einer endgültigen Lösung dieses Problems führen. (Dieser Beschluß ist durch die inzwischen eingetretenen traurigen Vorgänge in Palästina leider überholt.) IV. Die Jewish Agency hat den Keren Hajessod in Würdigung seiner lebenswichtigen Funktion zu ihrem hauptsächlichsten Finanzinstrument bestimmt. Die Joint Palestine Survey Commission hat festgestellt, daß die Zukunft und die stetige Entwicklung des nationalen Heims in erster Reihe von der Bereitstellung der erforderlichen Mittel abhängen, und daß eine wesentliche Stärkung der Einkünfte des Keren Hajessod die unentbehrliche Voraussetzung für die Erhaltung und Konsolidierung der gegenwärtigen Positionen, vor allem aber für den Beginn neuer Unternehmungen ist. Darum richtet der Council der Jewish Agency einen feierlichen Appell an alle Juden, die Beitragsleistung zum Keren Hajessod zu einer heiligen Pflicht zu machen, und erwartet von allen unter der Jewish Agency Vereinigten, daß sie ihre beste Kraft einsetzen für eine stete Stärkung und Vergrößerung ihres Grundfonds und damit für das Gelingen des großen Werkes in -Erez Israel. V. Der Council nimmt die vom 16. Zionistenkongreß angenommenen Resolutionen zur Kenntnis und übergibt sie dem Administrative Committee zur sorgfältigen Beratung und entsprechenden Behandlung. VI. Der Council erteilt dem Administrative Committee und der Executive den Auftrag, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um es allen Gruppen in der Judenheit, die noch nicht der Agency angeschlossen sind, möglich zu machen, der Jewish Agency beizutreten und an ihren Arbeiten teilzunehmen. 5inselm Seuerbacb und seine veziehungen zu Juden Am 12. September 1929 waren es 100 Jahre, daß der Maler Anselm Feuerbach das Licht der Welt erblickte. Ein Künstler, der in seiner dornenvollen Laufbahn die ganze Bitternis eines verkannten Genies bis zur Neige le-eren muhte, hat seinen Ruhm nicht mehr erlebt. Wenige Gönner und Freunde waren ihm im Leben beschieden. Unter den wenigen aber befanden sich einige Juden, die treu zu ihm hielten, seine Kunst erkannten und mit allen Kräften förderten und die seiner Mutter, der besten Lebenskameradin und Helferin des Künstlers, nach seinem frühen Tode treu zur Seite blieben. Einer dieser war Hermann Leoi, Sohn des Gießener Oberrabbiners, Generalmusikdirektor in München, berühmr als Wagnerdirigent und als Leiter der Parsifal-Aufführungen in Bayreuth. Als Freund Anselm Feuerbachs und Förderer seiner Kunst war er unermüdlich in seinem Bemühen, Gönner zu finden. Alle seine Beziehungen benutzte er, um Verbindungen anzuknüpfen, um Feuerbachs Lebenskampf zu erleichtern und seiner Kunst die Stellung zu erobern, die sie verdiente. Rührend blieb nach des Malers Tod seine Ergebenheit für die hochbetagte erblindete Mutter, die sich in allen Fragen vertrauensvoll an ihn wandte. Im Frühjahr 1892 noch, nicht lange vor ihrem Ende, besuchte er die Achtzigjährige in Ansbach, wo sie ihr letztes Asyl gefunden. 52 Briefe fanden sich unter dem Nachlaß, die Henriette Feuerbach an Hermann Levi gerichtet. In vielen bittet sie den treuen Freund um Rat und Vermittlung; andere strömen über von Dank für seine Mühe und Freundschaftsbeweise. In nahen und innigen Beziehungen standen Mutter und Sohn zu Heinrich und Clara Berolzheimer (Fürth), den edlen Stiftern, die in hochherziger Gesinnung den Städten Nürnberg und Fürth würdige Stätten der Volksbildung geschenkt haben. Justizrat Dr.Berolzheimer war Frau Feuerbachs juristischer Berater in den verwikkelten geschäftlichen Angelegenheiten des Nachlasses; mit ihm und ihrem Neffen Heinrich Heydenreich beriet sie ihr Testament. Darüber hinaus aber war er ihr Freund und feine Gattin Clara traute Freundin, der sie Sorgen und Kummer klagt, deren Leiden sie mitleidet. Nicht weniger als 66 Briefe von Henriette Feuerbach legen Zeugnis ab von den schönen gegenseitigen Beziehungen. Daß unter den wenigen, die dem einsamen, vom Leben zerrieriebenen Künstler und seiner unglücklichen, edlen Mutter nahe standen, einige Juden waren, die sein Genie erkannten und seine Kunst förderten, das soll anläßlich der hundertsten Wiederkehr seines Geburtstags mit Genugtuung festgestellt werden. H. H.

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