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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-09-01 · 17 (1.9.1929) · p. Seite 277

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
17 (1.9.1929)
Article
Die Töchter Moses Mendelssohns
Date
1929-09-01
Page
Seite 277 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 17 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 277 den von ihr überwundenen Zeiten „des alten Judentums", das sie „verabscheut", und zu der von ihr gehaßten Aufklärung parteiisch und impulsiv Stellung nehmen. Der beste Kenner dieser abstoßend-anziehenden Gestalt, in der wir so viel von ihrem Mischen Erbgut, in allen Lebensstadien, wiedererkennen, Josef Körner, urteilt über sie: „Daß Dorothea in so fragwürdiger Lage sich durchzusetzen, überall wo sie mit dem Freunde hinkam, gesellschaftliche Anerkennung, ja Sympathie zu erwerben wußte, ist wohl das beste Zeugnis für den Zauber ihrer Persönlichkeit. Nicht siegte sie mit den üblichen Waffen ihres Geschlechts, denn weibliche Reize gingen ihr ab. Eine etwas derbe Gestalt mittlerer Größe, ausgesprochen jüdischer Gesichtstyp mit unweiblich harten Zügen, ein starkes Kinn hätten sie geradezu häßlich erscheinen lassen, wenn nicht wunderbare schwarze Feueraugen die unschönen Züge belebt und durchgeistigt, eine lieblich-sanfte Stimme den allzu männlichen Eindruck ihres Äußeren gemildert hätten." Später war sie eine fromme Katholikin geworden, mit dem inbrünstigen Eifer der romantischen Konvertitin; aber durch und durch jüdisch klingen aus ihren Tagebuchnotizen die Erwägungen dazu: „Ob ich glaube? — Das wage ich noch nicht zu behaupten: aber ich weiß, daß ich wahrhaftig an den Glauben glaube." Dann allerdings ging sie vorbehaltlos, „mit restloser Aufopferung ihres doch so scharfen Intellekts" zum Katholizismus über, in besinnungsloser Hingabe, die man, wohl mit Recht, als eine Art Überkompensation eines nie versiegenden inneren Widerstandes und Widerspruchs gedeutet hat, der auf diese Weise übertäubt und vergewaltigt werden sollte. Dorotheas Schwester Henriette, der dritten Tochter Mendelssohns, die Rahel in ihren Briefen „das Feinste und Tiefste nennt, was sie gekannt habe," eignete nach Schilderungen der Zeitgenossen „ein stillerer Zauber, ein gehaltenerer Ernst; sie war weniger expansiv und bedachtvoller auf Äußerlichkeiten, indes es innerlich vielleicht nichts Glühenderes und Reichhaltigeres noch Zarteres gab, als sie." Als der Vater starb, war die 1775 geborene jüngste Tochter erst elf Jahre alt. Vermögen war kaum vorhanden. Henriette war übrigens wie der Vater klein und etwas verwachsen. So blieb sie unverheiratet, eignete sich eine hohe Bildung an, wurde zunächst Erzieherin in reichen jüdischen Häusern in Wien und Paris. Dort unterhielt sie später eine Pension für Kinder. Henriette blieb immer gehalten und bedächtig. Ihre bescheidene Pariser Wohnung wurde der Sammelplatz für Dichter, Künstler und Gelehrte: Frau von Stael, Benjamin Constant, die Brüder Humboldt, Spontini, August Wilhelm Schlegel, Chamisso und viele andere Persönlichkeiten von geistigem Rang verkehrten in ihrem Haus. Gleich ihrer Schwester Dorothea machte sie ein sehr unvorteilhaftes Äußeres durch höchste Weltbildung und durch besondere Anlagen des Herzens wett. Auch Henriette ist später zum katholischen Glauben übergetreten; die Häuser, in denen sie als Erzieherin diente, „spielten schon allesamt vom alten zum neuen Testament hinüber." Als sie 1851 in Berlin, im innigen Verband mit der Familie ihres Bruders Abraham, des Vaters von Felix Mendelssohn-Bartholdy, starb, schrieb Zelter (26. November 1831) über sie an Goethe: „Es gehört doch zu den Besonderheiten, wenn ein Berlinisches Iudenmädchen, ohne Persönlichkeit, zur Dame eines der ersten Pariser Standeshäuser geworden, gar keinen Abstand in Sprache, Sitte und ökonomischem Benehmen bemerken läßt. Seit den zehn Jahren, da sie nun wieder in Berlin von mir so oft und gern gesehen worden, habe ich kaum ein ftanzösischeS, englisches oder italienisches Wort aus ihrem Munde gehört, vielmehr sprach sie das klarste, fließendste Deutsch, mit einer Heiterkeit, in der ich deine ,Schöne Seele^ (Frauengestalt aus Wilhelm Meisters Lehrjahren) zu erkennen glaubte." Moses Mendelssohns zweite Tochter, Recha (Reikel), ist die glanzloseste unter den drei Schwestern. Sie wurde früh an den Mecklenburgischen Hofagenten Mendel Meyer verheiratet. Die Ehe war keine glückliche und wurde frühzeitig aufgelöst. Recha gründet dann eine Pensionsanstalt für junge Mädchen in Altona und lebte später in Berlin ebenfalls in der Familie ihres Bruders Abraham. Als Jüdin ist sie 1831 gestorben. Man darf das Geschick von Mendelssohns Töchtern und das der Generationen seiner Kinder und Enkel nicht ohne weiteres als die Folge seines eigenen Lebenswerkes ansehen. Das Kapitel der Konversionen und Iudentaufen bald nach Moses Mendelssohns Tod ist noch nicht geschrieben; mit den einfachen Kategorien der „Assimilation", des „Nationalismus" und der „Gesetzestreue" kommt man hier nicht aus. Die lautere Gestalt Moses Mendelssohns wird durch die Schicksale, Talente und Taten seiner Nachkommen weder verdunkelt noch bestrahlt. Aber auch der Abschnitt von Mendelssohns Töchtern ist ein Blatt Geschichte und Gegenwart der Juden in Europa und in Deutschland. Mendelssohn in einer Vorlesung Kants Eine ungeheuere Zuhörerschaft saß in gedrängten Reihen, um Kants erster Vorlesung der Anthropologie beizuwohnen und so wie während des Lesens die größte Aufmerksamkeit und Sülle im weiten Saal herrschte, um kein Wort des VorttageS zu verlieren, so ward bis zum Erscheinen des Lehrers ein solch tumultuarischer Unfug gettieben, wie er heutzutage, wenngleich nur selten noch, bei vollgepfropften Schauspielhäusern von der Galerie herab zu ertönen pflegt. Eine jede noch so vorübergehende und zufällige Erscheinung konnte lautes Lachen und Verspottung erregen. Lauter jedoch wurde der Lärm, glaubten die Studenten sich durch die Anwesenheit eines nicht ins Kollegium Hingehörigen an ihrer Ehre gekränkt. Schnalzen, Pfeifen und Stampfen wuchsen bis zum gräßlichsten Tumulte an, dazwischen tönten Baßstimmen ihr: „Hinaus!" und dies währte so lange, bis der Gegenstand der allgemeinen Erbitterung sich ihren Blicken entzogen hatte. Ein ähnlicher Fall hatte sich eben zugetragen, als ein kleiner verwachsener Jude mit schwarzem Spitzbarte und starkem Hökker, ohne viel sich um die Anwesenden zu bekümmern, doch mit ängstlich leisen Schritten in den Hörsaal trat und unfern der Eingangstür stehen blieb. Wie gewöhnlich begannen Hohn und Spott, die zuletzt in jene lauten Äußerungen übergingen; aber zum allgemeinen Erstaunen blieb der Fremde auf seinem Platz wie feftgebannt, mit einer eisigen Ruhe, und hatte sich sogar, um seinen Willen, den Professor zu erwarten, deutlich an den Tag zu legen, eines leer stehenden Stuhles bedient uUd darauf Platz genommen. Man näherte sich ihm, man fragte, er antwortete kurz und artig: er wolle dableiben, um Kants Bekannt-

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