Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-09-01 · 17 (1.9.1929) · p. Seite 276

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
17 (1.9.1929)
Article
Dorothea v. Schlegel, geb. Mendelssohn [Illustration]
Date
1929-09-01
Page
Seite 276 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
illustration document
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2727810-2727875-2727892-2736191--05061-2736238
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

276 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 17 vie löchler Moses Mendelssohns Von Dr. Ludwig Wer in die gewölbeartigen unteren Räume des Staedelschen Kunsrinsrituts in Frankfurt eintritt, wird auf den ersten Blick von einem dreiteiligen Riesenwandgemälde gebannt, das die Einführung der Künste in Deutschland durch das Christentum darstellt. In der poetisch verklärten Art der romantischen Nazarener thront im Mittelbild die allegorische Figur der Religion, rechts flankiert von dem predigenden Bonifaziuö neben der umgehauenen Eiche, an deren Stelle ein frischer Lebensquell herausspringt. Die Überwindung des Heidentums durch die Mission der christlichen Kirche soll so symbolisiert werden. Links die Gestalten von Rittertum, Poesie und Musik, dann der drei Schwefterkünfte Architektur, Plastik und Malerei, vor allem aber die beiden Seitenflügel, die allegorischen Gestalten der Italia und der Germania 1 Das galt vor hundert Jahren als der künstlerische Ausdruck edler frommer deutscher Gesinnung, zur Abwehr der antichriftlichen Mächte des Umsturzes und der Aufklärung. Der berühmte Maler dieser repräsentativsten Verherrlichung christlich - germanischen Geistes war PhilippVeit, der vierte Sohn und das jüngste Kind von Moses Mendelssohns ältester Tochter Brendel, aus ihrer ersten Ehe mit dem strenggläubigen, von Moses Mendelssohn selbst ausgesuchten Berliner jüdischen Bankier Simon Veit. Erst lange nach der Geburt Philipps lernte Brendel, die später berühmte Romantikerin Dorothea Schlegel, ihren späteren Mann, Friedrich Schlegel, kennen. Der gleiche Philipp Veit — zeitlich und körperlich dem Ghetto des 18. Jahrhunderts noch in Atemnähe — folgt in den deutschen Befreiungskriegen Körner nach Breslau, geht zusammen mit Eichendorff zu den Lützower Jägern, wechselt das Dorothea v. Schlegel, geb. Mendelssohn Feuchtwanger Regiment und tritt bei den reitenden Jägern des brandenburgischen Kürassierregiments im V. Kleistifchen Armeekorps ein, mit seinem Leutnant, dem Dichter de la Motte Fouquö, aufs innigste verbunden. Der Enkel Moses Mendelssohns macht die Schlachten bei Dresden, Kulm und Leipzig mit, zeichnet sich im Krieg besonders aus, wird zum Leutnant ernannt, erhält das Eiserne Kreuz und wird der weithin anerkannte, mit Aufträgen überhäufte Maler christlich-germanischer Prägung, mit Cornelius und Overbeck zusammen Führer einer großen künstlerischen Richtung, deren Vertreter er an gläubiger Innigkeit, Einfühlung in Kirche und Mittelalter übertrifft. Seinem großartigen Bild in Rom, die Krönung der auf den Wolken schwebenden Maria, wird ein unerreichter Stimmungsgehall nachgerühmt mit der Eindrucksgewalt, „daß man vor einem Werke alter beglückter Zeiten zu stehen meint." Diese Zusammenhänge, deren Deutung hier unterbleiben soll, werden wieder wach, wenn man MoseS Mendelssohns geistige Gestalt, seine Welt, sein Werk und seine Wirkung, von heute aus, mit neuen Perspektiven, überschaut und sich Gedanken macht darüber, was alles nach und auch durch Mendelssohn hinterher kam, wie sich namentlich die deutschen Juden im 19. Jahrhundert bis auf unsere Zeit entwickelt haben. Die Mutter Philipp Veits, Dorothea, war Moses Mendelssohns Liebling, deren Erziehung er besondere Sorgfalt gewidmet hat. Ihre neueste Biographin, Gertrud Bäumer, nennt sie die erste der modernen „jüdischen jungen Mädchen". Ohne Anmut und ohne Leichtigkeit, aber verwöhnt und prätentiös, demütig und stolz zugleich, voll blinder weiblicher Parteilichkeit, glaubt sich Dorothea über das grundehrliche, ja edle Wesen ihres Mischen einfachen Mannes, der sich als Charakter von ungewöhnlichem Ausmaß auch später mehr als der genialere Friedrich Schlegel bewährte, hoch erhaben. Ihr trübes Geschick und der Zauber ihrer Persönlichkeit, trotz ihrer Häßlichkeit, ihre großen geistigen Gaben, ihre leidenschaftliche Hingabesähigkeit sind oft geschildert worden. Wilhelm von Humboldt erklärt sie für die erste Frau der Zeit an Geist und Charakter. Und der Philosoph Fichte - der Nährvater und roetter de bronzebeö deutschen Antisemitismus — schrieb über sie an seine Frau (am 2O. August 1799): „Das Lob einer Jüdin mag aus meinem Munde besonders klingen. Aber diese Frau hat mir den Glauben, daß aus dieser Nation nichts Gutes kommen könne, benommen. Sie hat ungemein viel Geist und Kenntnisse, bei wenig oder eigentlich keinem äußeren Glanze, vöMger Prätensionölosigkeit und viel Gutherzigkeit. Man gewinnt sie allmählich lieb, aber dann von Herzen." Den Wahrheits- und sittlichen ReinlichkeitsfanatismuS, der Dorothea so oft mit anderen romantischen Damen in Konflikt brachte, hatte sie von ihrem großen Vater. Aber ganz anders wie der bedächtige, nach rückwärts und vorwärts schauende, feinfühlige Vater, warf sie sich mit lodernder Leidenschaftlichkeit an eine Idee, die einmal Besitz von ihr ergriffen hat, ohne Rücksicht auf das, was daraus entstehen konnte. Ihr Übertritt zum Protestantismus und später zum Katholizismus ist keiner Zweckmäßigkeitserwägung entsprungen. Über Dorothea Mendelssohn und die Romantik gibt es ein umfangreiches weitverästeltes Schrifttum. Unmittelbar zu uns spricht sie nur aus ihren zahlreichen und langen Briefen, die namentlich auch zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.