Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 15 (1.8.1929)
- Article
- Schafft jüdische Jugend- und Gemeindeheime!
- Date
- 1929-08-01
- Page
- Seite 241 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 241 die sie erhalten werden sollen, kein Interesse an ihnen hat. Die Verwaltung eines Erbes hat nur dann einen Zweck, wenn ein Erbwil.liger vorhanden ist... Die jüdische. Gemeinde muß, soll sie die Zukunft der deutschen Judenheit garantieren, wieder in den Mittelpunkt des jüdischen Lebens gerückt werden. Die jüdische Gemeinde muß wieder mehr als eine Organisation für Kultus und soziale Hilfe sein, sie muß das Organ des jüdischen Lebens werden, das sich heute in den vielen Gruppen, Klubs, Vereinen usw. zu verflüchtigen droht." Selbstverständlich geht unsere Schrift nicht an dem ausschlaggebenden Problem der „Mittelbeschaffung" vorüber, das in überzeugender Weise von Fr. Ollend o r s s behandelt wird. Und wir pflichten ihm bei, wenn er meint, man müsse die Jugend selbst mobilisieren. Das ist die Hauptsache: die Jugend ist dankbar, wenn sie Mitwirken kann an einem Werke, das ihr zugute kommen soll, sie will Helsen, die „Bausteine" herbeizuschaffen, die einen ihrer sehnlichsten Wünsche zur greifbaren Wirklichkeit erstehen läßt. Man spreche nicht von Utopie. Ich erinnere an das treffende Wort Fr. Oppenheimers, das der verdienstvolle Vorsitzende des RIF. erst kürzlich zitierte: „Die Utopie von heute ist die Wirklichkeit von morgen." Das Judentum atmet den Optimismus, die Jugend hat das Recht, zukunftsfroh zu sein. W i e hoffnungssreudig ist dccher begreiflicherweise der junge Jude! Und wir dürfen es sein, da wir wissen, die führenden Männer der Münchener Kultusgemeinde, die so manches vorbildliche Werk in Gemeinde und Verband schufen, sind von der Wahrheit unserer Ideen durchdrungen. Pfingsten 1930 werden auf Einladung des Gemeindevorstandes sich die Delegierten des Reichsverbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands in München versammeln. Führer der Bewegung werden aus dem tiefen Born ihrer Wissenschaft uns wertvolle Winke für eine segenbringende Vereinsarbeit geben, aber alle, die von Nord und Süd, von Ost und West zusammenströmen, sie werden auch Bleibendes mit hinausnehmen aus München und Bayern, und ich habe die stille Erwartung und frohe Gewißheit: eine der wertvollsten und bleibendsten Erinnerungen wird sein: Die Besichtigung des vorbildlich geleiteten und mustergültig eingerichteten Iugendheimes der Kultusgemeinde München. Protokoll der Verhandlungen der siebenten lagung des Verbandes vaverischer Israelitischer Semeinden ln ttschaktendurg am 30. Juni und 1. Tuli 1929 (Fortsetzung aus Nr. 14 der Zeitung) Fortsetzung der Verhandlungen der Eröffnungssitzung am Sonntag, 30. Juni, vormittags halb 12 Uhr Die bayerischen Wohlfahrtsanstalten mit mehr als lokaler Bedeutung erhalten etwa 40 000 RM. Besonders drückend find für die Gemeinden die Ausgaben der Verpflegung von Hilfsbedürftigen, wenn öffentliche Stellen für die Tragung der Anstaltskosten nicht herangezogen werden können. Wir haben für diese Ausgaben zum ersten Male den Betrag von 10 000 RM. eingesetzt. Unter den Wohlfahrtsanstalten des Landes möchte ich mit besonderer Anerkennung die Waisenanstalt in Fürth nennen. Es geschieht dies mit Rücksicht auf die Tatsache, daß der Vorstand dieser Anstalt, Herr Direktor Dr. Deutsch, der seit Jahrzehnten das Institut in musterhafter Weise geleitet hat, nunmehr sein Amt niederlegt. Möge ihn unser Dank und der Dank jener zahlreichen Kinder, denen er das Elternhaus vertreten, in den Ruhestand begleiten! Wir beteiligen uns an den Wohlfahrtsausgaben im Reich, wie bei der Zentralwohlfahrtsstelle, der Hauptstelle für Wanderfürsorge, den Einrichtungen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, des Frauenbundes und anderer Organisationen. Von besonderer Wichtigkeit sind die Aufwendungen für unsere Lehrerbildungsanstalten in Würzburg und Höchberg. Sie erheischen an Betriebszuschüssen allein den Betrag von 58 000 RM. Daneben werden für Stipendien 9000 RM. aufgebracht, die in der Hauptsache diesen Anstalten zufließen. Die Frage der Lehrerbildung ist in Bayern noch nicht bereift. Sie wird vermutlich auch bei uns mit größeren Aufwendungen verbunden sein. Allein ganz abgesehen von den dadurch sich ergebenden Aufwendungen sind die räumlichen Verhältnisse in der Lehrerbildungsanstalt Würzburg infolge des erhöhten Zuganges von Zöglingen unhaltbar geworden. Ein Teil der Schüler wohnt bereits außerhalb der Anstalt. Wir haben uns durch Augenschein überzeugt, daß die Unterbringung der Schüler und der Lehrbetrieb ernstlich gefährdet sind, wenn nicht alsbald gründliche Abhilfe getroffen wird. Wir müssen Ihnen daher auch hier eine Vorlage unterbreiten, die mit erheblichen Aufwendungen verknüpft ist. Wir müssen aber auch mit allem Nachdruck verlangen, daß die Länder, die ihre Lehrer aus diesen altbewährten, vortrefflich geleiteten Anstalten beziehen, verhältnismäßig und in weit höherem Maße als bisher zur Bestreitung der Ausgaben beitragen. Von Bildungs- und Unterrichtsanstalten sind es im Reiche vor allem die drei Rabbinerseminare, die Beihilfen erhalten, die Gartenbauschule Ahlem, die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums und die Akademie. Wir schreiten vorwärts in der Inventarisation jüdischer Kunstdenkmäler und in den geschichtlichen Forschungen. Mit Genugtuung stellen wir fest, daß nunmehr die erste Nummer der Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland herausgekommen ist, die ihr Entstehen im wesentlichen der Anregung unseres Landesverbandes und seines stellvertretenden Präsidenten, des verehrten Herrn Rabbiners Dr. Freudenthal, verdankt. Sie pflegt neben der wissenschaftlichen Forschung auch die Heimatkunde und ich möchte ihren Bezug den Gemeinden wärmstens empfehlen. Wir pflegen die körperliche Ertüchtigung der Jugend. Die jüdischen Jugendvereine Deutschlands werden im nächsten Jahre ihre Hauptversammlung in Bayern und zwar in der Landeshauptstadt haben, und wir werden sie von unserem Landesverbände aus herzlichst willkommen heißen. Wir pflegen die jüdischen Siedlungen auf dem Lande. Wir haben mit als die ersten die Notwendigkeit einer Verufsumschichtung der deutschen Juden erkannt. Der bayerische Siedlungsausschuß, dem unser Verband angehört, hat eine Enquete der in der Landwirtschaft und im Handwerk tätigen Personen veranlaßt. (In Unterfranken befinden sich nahezu 1000 Hektar Grundbesitz in jüdischen Händen.) Auf Grund dieser Erhebungen soll dem Siedlungsausfchuß eine Berufsberatungsstelle und ein Stellennachweis angegliedert werden. Dem Siedlungsausschuß obliegt insbesondere die Erhaltung bestehender Güter und die Rückführung von Glaubensgenossen auf das Land zum Zwecke der Siedlung. Er soll durch Ausstattung mit Geldmitteln in die Lage versetzt werden, den bereits im Gange befindlichen Siedlungsarbeiten bayerische Teilnehmer zuzuführen. Er soll die Möglichkeit erhalten, an der bevorstehenden Kapitalserhöhung der jüdischen Landarbeit G. m. b. H. teilzunehmen, um den bayerischen Organisationen den ihnen zukommenden Einfluß bei der praktischen Durchführung der Siedlungsarbeit zu sichern. Ich höre Ihre ernstliche Frage: Wird der Verband diese Aufw-ndungen auf die Dauer alle tragen können? Ich kann die Bedenken verstehen, unsere wirtschaftlichen Verhältnisse haben sich ungünstig entwickelt und die Steuerkraft beginnt nachzulassen. Da wird es nötig sein, Sparsamkeit walten zu lassen. Und wir gehen mit dem verehrten Herrn Schatzmeister und dem Finanzausschuß durchaus einig, wenn wir jede Ausgabe genauestens prüfen. Wir haben dies auch bisher schon getan. Wir wollen aber sehr gerne die Arbeit mit dem Finanzausschuß und seinem Vorsitzenden teilen und werden zu diesem Zwecke unseren Körperschaften zwei Vorlagenzugehen lassen, welche dies Mitwirkungsrecht gewährleisten. Die erste Vorlage: Wenn eine Beamtenstelle in einer Zuschüßgemeinde sich erledigt, so soll, ehe die Genehmigung zur Ausschreibung der Stelle erteilt wird, das Präsidium des Rates im Einvernehmen mit dem Schatzmeister die Frage pniftch ob die Stelle als selbständige aufrechtzuerhalten ist oder ob die Dienstausgaben durch die Beamten einer benachbarten Gemeinde, durch den Zusammenschluß mehrerer Gemeinden, durch Bezirksbeamts oder auf andere Weise erfüllt werden können. Die zweite Vorlage: Der Finanzausschuß bestellt einen Unterausschuß oder einzelne Vertrauensleute mit der Aufgabe, die Zuschußgemeinden zu besuchen und ihre Leistungsfähigkeit festzustellen. Die