Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 15 (1.8.1929)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1929-08-01
- Page
- Seite 237 (sequence 1)
- Language
- German
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Kachcichtenblatt öer Israelitischen KultuSgemeinüen in München uns Augsburg unö öes Äerbanöes Hagerischer Israelitischer Gemeinöen Dagerlsche Israelitische Gemeinöezeitung Erscheint am 1. ünö if. feöen Monats. — Verlag: V. fjcflcc, München, plinganferstraße 64/ Kernruf 73664 unö 73663/ Postscheck München 3967. Ächrlstleitung: Vr. Lugen Vchmtöt, Rechtsanwalt ln München, Karlstraße 6. SezugSprekS für nicht elngewlefene Bezieher: Reichsmark 4Ss für öaS Jahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Jeile 40 ReichSpfennig Kamilievanzelgen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote <5 ReichSpfennig 192,9 München, 1. August Är.15 Inhalt: Kunst und Religion — Schafft jüdische Jugend- und Gemeindeheime! — Protokoll der Verhandlungen der siebenten Tagung des Verbarrdes Bayerischer Israelitischer Gemeinden in Aschaffenburg am 30. Juni und 1. Juli 1929: Fortsetzung der Verhandlungen am Sonntag, 30. Juni, nachmittags 5 Uhr — Jüdische Frontsoldaten — Aus der Gemeinde Augsburg — Personalia Kunst und Religion Von Uriel Birnbaum, Wien Der Wiener Malerdichter und Träger des Bauernfeldpreises der Stadt Wien spricht hier zu einem bedeutsamen Thema. Auch für denjenigen, der die Schlußfolgerungen Birnbaums ablehnen zu müssen glaubt, wird die Auseinandersetzung mit dem sachlich rigorosen und sogar nicht opportunistischen Standpunkte Birnbaums unerläßlich und fruchtbar fein. Wohl keine andere Frage gibt es, die dem sinnlich eingestellten, dem hellenischen, dem heidnischen Menschen - auch dem neuheidnischen der Gegenwart — so überflüffig, ja lächerlich erschiene, wie die nach der Berechtigung der Künste. Hat sich doch der moderne Mensch gewöhnt, Kunst als etwas Apriorisches und Absolutes zu betrachten, wie er ja auch gewohnt ist, Freiheit, Fortschritt, Wissenschaft und dergleichen als absolute, als Ewigkeitsbegriffe aufzufassen. Hier aber soll als von einer unantastbaren Erkenntnis davon ausgegangen werden, daß diese sinnfällige und scheinbare, diese xelative Welt um uns, sicherlich nichts in sich Absolutes enthalten oder hervorbringen — daß es vielmehr ein wahrhaft Absolutes nur außerhalb dieser Sinnenwelt geben könne. Darum erscheint es auch nötig, vorerst diesen absoluten Mittelpunkt des Weltganzen kennen zu lernen, damit ein sicherer Standpunkt gegeben sei, aus dessen Perspektive man die Dinge der Welt einheitlich beurteilen kann. Dieser Mittelpunkt des Weltganzen ist Gott — ist es nicht im Sinne des Eingeschlossenseins, sondern im Sinne der Kraftquelle, von der die Welt auSftrahlte — oder, um gleich einen Künstler zu zitieren, nach Leonardo da Vincis Ausspruch: ist es als „primo motore“ — als der „erste Urheber der Bewegung". Daß von allen Begriffen der Menschen nur der monotheistische Gottesbegriff ein schlechthin Absolutes darftellt, ist klar. Und es ist dies nicht nur für den gläubigen Menschen klar, sondern auch für den ungläubigen, soferne er nur logisch denken kann und will. Denn ob man an ihn glaube oder nicht, ist Gott doch jedenfalls schon einfach seiner Begriffsbestimmung nach (als der Allmächtige, Allgegenwärtige, Ewige usw.) ein Absolutes und UneinschränkbareS. Während alle anderen menschlichen Ideen lediglich Ausschnitte der Welt umfassen, ist die Idee des allmächtigen Gottes überhaupt nur allumfassend möglich. Nebensächlich ist demgegenüber die private Überzeugung, daß Gott auch wirklich existiert: Denn ob er existiere oder nicht, ist und bleibt er doch schon rein seiner Idee nach ein Unvergleichliches, der einzige Halt, des Geistes einzige Stütze in der wirbelnden Welt. Ist aber einmal feftgeftellt, daß es nur dieses eine, einzige Absolute gibt, dann wird es klar, daß wir ein volles Recht haben, alle anderen Begriffe, mögen sie auch noch so selbstverständlich erscheinen, anzuzweifeln und auf ihre Berechtigung zu prüfen. Demgemäß auch die Kunst. Nichts gibt es also, was, wie das Schlagwort heißt, „seine Berechtigung in sich selbst trägt". Auch die Kunst nicht. Von außen her, von oben her muß jeder menschlichen Idee und Betätigung ihre Anerkennung kommen. Nicht aus sich heraus also kann auch die Kunst betrachtet werden, sondern nur mit einem von außen festgesetzten Maß kann ermessen werden, ob sie berechtigt ist und innerhalb welcher Grenzen — was sie darf und nicht darf, was sie soll und nicht soll. Wohl könnte hier eingewendet werden, daß nicht zur Existenz Berechtigtes., nicht existieren könne — daß eines Dinges Bestehen auch seine Berechtigung beweise, da doch sicherlich gegen den Willen des allmächtigen Gottes nichts zu werden noch zu bestehen vermöchte. So verlockend dieser Einwand klingt, so trügerisch ist er. Existiert doch auch das Böse in der Welt, ohne von dem allgütigen Gott gewollt zu werden. Denn der allmächtige und allgütige Gott hat eben in seiner Güte eines Teiles seiner Macht sich entäußert, indem er dem Menschen den freien Willen gab und das zuläßt, was der Mensch kraft dieses freien Willens tut. Und wie ein Mord stets nur Gottes Zulassung, nicht Gottes Wille bezeichnet, ganz ebenso muß das