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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-06-28 · 13 (28.6.1929) · p. Seite 208

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
13 (28.6.1929)
Article
Eine mittelalterliche Kirche als Synagoge
Date
1929-06-28
Page
Seite 208 (sequence 2)
Language
German
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208 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 Koburger Synagoge —rT£ 9***lVzw- /- ' /' rrgzsSl •fl*** Vf imlÜ!!!,MKn k.iiiUrjlllllllisrauiii iiuic;- - MWWMLß £*S§1S fein, daß eine städtische Kirche als Synagoge dient. Denn noch heute ist die Stadt Eigentümerin dieser Kapelle. In Koburg Hai aber auch einmal ein Ernst II. auf dem Throne gesessen. Einer der prächtigsten deutschen Fürsten. Damals bewertete man in Koburg noch nicht die Bürger nach ihrer konfessionellen Zugehörigkeit. Aus dem Zeitalter dieser geistigen und kulturellen Blüte des Koburger Landes stammen die Überlassung der Kirche zu St. Nikolaus an die Israelitische Kultusgemeinde sowie die Einrichtung eines nur durch Buschwerk abgegrenzten gemeinsamen Begräbnisplatzes und die gemeinsame Friedhofshalle. Über die Kirche zu St. Nikolaus weiß die Koburger Geschichte manches Interessante zu berichten. Wir verdanken diese Nachrichten den heimatgeschichtlichen Forschungen der Herren Dr. Lehseld und Professor Dr. Verbig. Die Kirche zu St. Nikolaus war mit dem neben ihr befindlichen, langgestreckten Gebäude, dem alten Siechenhaus, verbunden. Die Kapelle selbst soll um das Jahr 1473 erbaut worden sein. Der Bischof Rudolf von Würzburg hat sie geweiht. Im Jahre 1529 wurde in ihr zum ersten Male das Evangelium gepredigt. Als sich in Koburg, anfangs des 19. Jahrhunderts wieder die ersten Katholiken ansiedelten, überließ die Stadtverwaltung der kleinen katholischen Gemeinde diese Kirche zur Abhaltung ihrer Gottesdienste. Das war von 1806—1860. Die katholische Gemeinde war inzwischen wieder gewachsen und konnte sich ein eigenes Gotteshaus bauen. Die kleine Kirche zu St. Nikolaus stand wieder einige Jahre leer. In den siebziger Jahren ließen sich — nach einer Unterbrechung von über 300 Jahren — die ersten Juden wieder in Koburg nieder. In die St. Nikolauskapelle zog jetzt die kleine jüdische Gemeinde ein und seit dieser Zeit ist die Kirche die Synagoge der Koburger Juden. Der Bau ist schlicht und einfach. Im Jahve 1649 ist die Kapelle, welche im Dreißigjährigen Krieg gelitten hatte, restauriert worden. Diese Jahreszahl sehen wir an der Decke in einem sächsischen Wappenschild, das die Anfangsbuchstaben des Herzogs Friedrich Wilhelm zu Sachsen, Jülich, Kleve und Berg trägt. In der Ostwand befand sich immer schon der Altar, der alsdann auch den Oraun hakaudesch aufnahm. Unter der Holzverkleidung des Al memor ist heute noch der große quadratische Altarstein. Außerdem erinnert noch ein kleiner Mauervorsprung, der ehedem ein Heiligenbild trug, im Jnnenraum an den kirchlichen Ursprung der Synagoge. — Der Raum hat nach kleinen Umänderungen inzwischen eine erweiterte Frauenempore erhalten, bewahrte aber im allgemeinen die alte Form und Stimmung. In der Kirche zu St. Nikolaus haben drei Glaubensgemeinschaften das .gemeinsame Wort ihrer Bekenntnisse gepredigt: „Haben wir nicht alle einen Baker, hat nicht ein Gott uns alle geschaffen?" Ein schönes Sinnbild! ßeroen öes Ehrgeizes von Manfred S t u r m a n n Um gleich ihre Namen zu nennen: Disraeli und Lassalle. Zwei Namen, die, in einem Atemzug genannt, gewiß befremdlich wirken. Bei oberflächlicher Beurteilung könnte man sagen, daß sie die unversöhnlichsten Gegensätze repräsentieren: die. Welt des Konservativismus der eine, die des radikalsten Liberalismus der andere. Und doch scheinen uns Anlage, Typus und Schicksal beider Männer wie dieeines Mannes, und es ist, als ob zwei Silhouetten, von verschiedenen Brennpunkten -aus projiziert und auf die gleiche Leinwand geworfen, sich decken, so daß sie, Umriß auf Umriß, zu einer Einheit werden. Wenn man die Geschichte Benjamin Disraelis und die Ferdinand Lassalles nachliest, die eine als ein Stück englische, die andere als ein Stück deutsche Geistesgeschichte — man wäre versucht, diesen Parallelismus als absurd abzulehnen. Wenn man aber -den Rahmen der Betrachtung verengert, den Blick vom Historischen zum Psychologischen wendet und die Bahn beider Schicksale, die jüdische Schicksale sind, nachzuerleben versucht, so werden wir obige Annahme gerechtfertigt finden. Das soll der Zweck dieser Studie sein. Das Antlitz des Menschen ist das Spiegelbild seines Werdens. Der Zeichenstift Schicksal gräbt lesbare Runen darein — es gibt Weise, die in Gesichtern wie in Büchern zu lesen vermögen. Darum ist es gut, neben den Monographien, Tagebüchern und Briefen großer Menschen auch ihre Porträts zu studieren. Man kann ihnen zuweilen Geheimnisvolles entlocken, das zwischen den Zeilen des Ausgeschriebenen verborgen ruht. Gehen wir auch in unserer Betrachtung diesen Weg. Die Jugendbildnisse Disraelis und Lasialles: Hier wie dort sieht uns ein Jüngling an, -dessen hohe Stirn den kühnen Flug der Gedanken verrät, Augen, die in zurückgedämmter Leidenschaft zu lodern scheinen, ein schöner Mund, -der zusammengepreßt ist, als stemmten sich Myriaden flammender Worte dagegen, junge selbstbewußte Reden, die dazu bestimmt sind, die Barrikaden der Zweifler und Mißtrauischen niederzureißen und an die zu ruhige Umwelt Feuer zu legen. Hier wie dort triumphiert das geistgekrönte Haupt über einen schmalen, zu Krankheit neigenden Körper, hier wie dort verrät sich ein leiser Zug von Gedrücktheit und Ängstlichkeit, so, als spräche die Lippe: Wißt ihr auch wirklich um mich? Glaubt ihr auch meiner Kraft? Ihr sollt die Enge, aus der ich kam, vergessen, ich sehe zwar noch ein wenig nach einem Ghettoknaben aus, aber ich werde euch beweisen —- ich schwöre es euch! — daß ich kein Ghettoknabe mehr bin, nicht sein will. Ihr werdet noch von mir hören! Das sagt uns das aus dem wilden Gewell der Locken sich zart abhebende Gesicht. — Und schließlich noch etwas Äußerliches, das aber in diesem Zusammenhänge von Bedeutung ist: es sind die Porträts zweier Dandys. Sorgfältig gesteift sind die gezackten Ecken der „Vatermörder", kühn geschwungen und schwere Seide verratend die Krawatten, modisch gewählt die vom feierlichen Schwarz der Tuchröcke abstechenden hellen Westen. Man erblicke in dieser Bettachtungsweise keine gewagte Spekulation. Es ist wirklich so, daß -die beiden ersten Jahrzehnte Disraelis und Lasialles völlig ähnlich verlaufen. Beide wachsen auf unter der geradezu übertriebenen Obhut eines in den überbegabten

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