Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 11 (1.6.1929)
- Article
- Warum Reichsbund für jüdische Siedlung?
- Date
- 1929-06-01
- Page
- Seite 172 (sequence 2)
- Language
- German
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172 Bayerische Israelitische Gemeindezettung Nr. 11 Generation die Notwendigkeit einer geistigen Umstellung einzuhämmern. Es ist bekannt und in der „Bayerischen Gemeindezeitung" schon verschiedentlich zum Ausdruck gekommen, Laß die zunehmende jüdische Großstadtbevölkerung in sich die größte Gefahr birgt. Die heutige Übersetzung des Handels und der freien Berufe hat ein ständig wachsendes jüdisches Proletariat geschaffen, deren Unterbringung uns schon heute die größten Schwierigkeiten bereitet. Andererseits zeigen die Erfahrungen in Übersee, in den östlichen Staaten und in Palästina, daß die Juden speziell für gärtnerische und bäuerliche Berufe sehr geeignet sind und darin wenigstens ihren Lebensunterhalt finden können. Es muß daher die Aufgabe des deutschen Judentums fein, sich im Reichsbund für jüdische Siedlung zusammenzuschließen, um das oft geforderte Werk der Berufsumschichtung durchzuführen. Der sehr niedere Jahresbeitrag von RM. 1.50 dient der Erfassung aller Glaubensgenossen, wobei erwartet werden muß, daß durch freiwillige höhere Beiträge die nötigen Summen ausgebracht werden. Wir können die notwendigen Vortragsreisen nicht von dem Kapital der „Jüdischen Landarbeit G. m. b. H." finanzieren und wir müssen solche von jeder ihre Arbeit nur erschwerenden Nebenbeschäftigung fteimachen. So tritt ihr der Reichsbund für jüdische Siedlung zur Seite, in den alle Glaubensgenossen, denen an der Erhaltung des deutschen Judentums etwas liegt, eintreten müssen. Wir Juden haben stets eine offene Hand bewiesen. Wir gaben, wenn es galt, fremdes und eigenes Leid zu lindern und kulturelle Bestrebungen in und außerhalb Deutschlands zu unterstützen. Wir haben die doppelte Pflicht, an dem Werk mitzuarbeiten, von dessen Gelingen.unsere und unserer Kinder Zukunft wahrscheinlich in viel weitgehenderem Maße, als wir noch heute anzunehmen geneigt sein werden, wird abhängen. Es gibt schon heute einige hundert jüdische junge Leute in Deutschland, die bereit sind, als Pioniere der Berufsumschichtung zurück aufs Land zu gehen. Und selbst diejenigen unter uns, bie. der Bewegung noch skeptisch gegenüberstehen, haben die Verpflichtung, beizutragen, daß der Versuch unternommen wird. Die Verantwortung, hier beiseite zu stehen, kann wohl niemand übernehmen und so muß gefordert werden, daß wir das Werk der Siedlung zum mindesten durch materielle Opfer ermöglichen. Darum hinein in den Reichsbund für jüdische Siedlung. Schicken Sie uns baldmöglichst Ihre Beitrittserklärung und überlegen Sie sich, welcher Beitrag für Sie angemessen erscheint. Sie helfen damit, Ihre Kinder aufs neue in Ihrer Heimat zu verwurzeln und Ihnen verloren gegangene Berufe wieder zu erschließen. Dr. Franz Gutmann Zur Beachtung! Die dieser Nummer beiliegenden Beitrittserklärungen zum Reichsbund für jüdische Siedlung (Ris) mögen nach Ausfüllung an Studienrat Schaalmann, Tengstraße 37, übersandt werden. Cs brennt! Von Josef Lammfromm, München Gerne geben wir nachfolgender Zuschrift Raum, die mit Recht auf den schweren Existenzkampf des jüdischen Angestellten verweist. Die allgemeine, wirtschaftliche Notlage ist groß. Die Not der Kleingewerbetreibenden, Angestellten oder sogenannten Mittelständlern ist katastrophal; die der älteren jüdischen, kaufmännischen Angestellten ist grenzenlos. Diese Not gleicht einem glühenden Brande, der den von ihm Betroffenen erbarmungslos zu verbrennen droht. Und doch kann da geholfen werden! Trotz der fürchterlichen Wirtschaftslage kann geholfen werden, rasch geholfen werden und ganz ohne Geld sogar, was die Hauptsache ist. Sobald ein kaufmännischer Angestellter das „hohe Alter" von dreißig oder gar vierzig Jahren erreicht hat, ist man heute dazu übergegangen, diese „Greise" abzubauen. (Wie sachlich dieses Wort klingt!) Nicht alle Betriebe natürlich „bauen" solche Kräfte ab; immerhin aber doch ein Teil; ein anderer Teil ist sogar zum „Abbauen" gezwungen. Findet nun schon der kaufmännische Angestellte von dreißig bis vierzig Jahren kaum mehr eine Anstellung, so ist es ihm, wenn er noch gar Jude ist, überhaupt nicht mehr möglich, unterzukommen. Große, zum Teil jüdische Aktien-Gesellschaften sind zu einer reinen Entjudung ihres Personals übergegangen. Nichtjüdische Betriebe stellen ohnedies kaum einen Juden ein. Was aber wirklich tragikomisch, traurig und geradezu beschämend ist: Rein jüdische Geschäfte, Betriebe und Kanzleien nehmen ebenfalls keine Juden! Vielleicht aus Gedankenlosigkeit, vielleicht aus Unkenntnis der schlimmen Lage. Aber diese Unkenntnis muß der ehrlichen Erkenntnis weichen, denn nur hier ist der Weg, der zur Rettung vieler jüdischer Existenzen führen kann. Helfen Sie mit, zu retten! Jüdische Unternehmer, geben Sie, die Sie mit Personal arbeiten müssen, Ihren Glaubensgenossen Arbeit! Im Laufe eines Jahres wird in größeren Betrieben immer und immer wieder der eine oder andere Posten frei. Neue Filialen entstehen; hie und da findet sogar ein noch mit Gütern Gesegneter den Mut, ein Unternehmen aufzumachen. Engagiert dann vor allem jüdisches Personal! Es gibt deutschnationale Handlungsgehilfen-Verbände, viele christliche Unternehmen holen von dort ihr Personal; Dutzende von Anzeigen lesen Sie täglich in den großen Blättern: „Bewerber, nur Christ, wolle Offerte einreichen..." Warum sollten wir Juden in Zeiten der größten Not nicht zusammenhelsen; warum sollten wir treulos sein einer zum andern? In letzter Zeit war wiederholt die Rede von Siedlung und Berufsumschichtung. Dank, von ganzem Herzen Dank all den Männern, die es unternommen haben, ein so schweres Werk in Angriff zu nehmen. Geld, viel Geld wird nötig sein, das Begonnene durch-' zuführen und in den eifften fünf Jahren werden vielleicht zweihundert, vielleicht allenfalls bis zu fünfhundert Glaubensgenossen Existenz finden können. Wenn aber die jüdischen Betriebe und Geschäfte zusammenstehen und vor allem ihre Glaubensgenossen aufnehmen, so könnten vielleicht alle die Existenzen gerettet werden, die heute vor dem Nichts stehen. Wir kaufmännischen Angestellten wollen kein Almosen; wir wollen keine Geldsammlung oder Unterstützung; wir wollen nur die gleiche Arbeit leisten dürfen, wie unsere christlichen Kollegen. Glauben Sie mir, der kaufmännische Jude, dem es an eigenem Betriebskapital fehlt, eignet sich nicht schlechter zum kaufmännischen Angestellten, als der nichtjüdische Arbeiter; er arbeitet auch nicht teurer und ich weiß mich eins mit all denen, für die ich schreibe, daß die meisten mit der gleichen Entlohnung zufrieden sind, die Sie nichtjüdischen Kräften, sogar nichtjüdischen weiblichen Kräften, gewähren. Wenn beispielsweise der Herr Bankier £. oder der Herr SS. seiner unverheirateten Buchhalterin RM. 220.—> Monatsgehalt bezahlt, so gibt es heute genug jüdische Familienväter, die mit einer solchen Existenz zufrieden wären. Es soll aber jüdische Betriebe geben, die ihrer Sekretärin oder Korrespondentin RM. 300.— und noch darüber per Monat auszahlen. Damit könnte gar oft einer jüdischen Familie über die schwerste Not hinweggeholfen werden. Wollte man eine Statistik aufftellen, wieviel Juden in rein jüdischen Geschäften und Betrieben beschäftigt werden, sie würde beschämend, erschreckend, direkt vernichtend aussallen. Darum heraus aus Eurer seelischen Trägheit! Es brennt wirklich! Helft retten, rasch und schnell. Schöne Redensarten oder Geldsammlungen tun es hier nicht; nur die wirkliche Tat kann zur Hilfe werden! Schüttelt doch endlich Eure Lauheit ab, erkennt endlich, daß die Not der kaufmännischen jüdischen Angestellten nicht übersehen werden darf! In Eurem moralischen Kassenbuch muß auf der Habenseite der Mahnruf stehen: Braucht Ihr treue, fleißige und dankbare Mitarbeiter, dann holt Euch jüdische Arbeitskräfte von den israelitischen Stellungsvermittlungsbüros!