Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 10 (15.5.1929)
- Article
- Etatberatung der Münchener Gemeindevertretung
- Date
- 1929-05-15
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
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158 Bayerische Israelitische Gemeindezeitrmg Nr. 10 tion aus, daß es sich nunmehr zeige, daß die Vertagung der letzten Sitzung von Vorteil gewesen sei. Inzwischen sei eine Beruhigung der Gemüter eingetreten. Auch seine Freunde hätten die Frage, die sie in so außerordentlichem Maße beschäftigt habe, aufs neue zum Gegenstand eingehender Prüfung gemacht. Die eben abgegebene Erklärung des Vereins Ohel Jakob müsse jeder von seinen Freunden mit Dank hinnehmen, da sie eine Entspannung der Situation gebracht hätte. Wenn auch von der Gegenseite zugestanden würde, daß in der Bewilligung des Zuschusses eine Zustimmung zur Konfessionsschule nicht erblickt werde, so sei gleichwohl nicht zu übersehen, daß in der Annahme der Etatposition eine solche Stellungnahme eben doch gesunden werden könne. Er müsse daher den ablehnenden Standpunkt der Mehrzahl seiner Freunde in aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen. Für die liberale Fraktion feien zwei Gesichtspunkte von ganz besonderer Bedeutung. Da von den Antragstellern vielfach der jüdische Religionsunterricht an den nichtjüdischen Schulen als ungenügend bezeichnet worden sei, würde dadurch der israelitische Religionsunterricht an diesen Schulen auf das schwerste geschädigt. Es müsse auf das Entschiedenste bekämpft werden, daß diesem Religionsunterricht immer mehr Kinder entfremdet würden. Der Gesichtspunkt des Minoritätsrechtes fei ebenfalls Gegenstand vielfacher Überlegung gewesen. Ein Minoritätsrecht liege aber hier nicht vor. Ein solches könne allenfalls für die Frage des israelitischen Religionsunterrichts, nicht aber für den allgemeinen Elementarunterricht der Volksschulen zugestanden werden. Wünschen in bezug auf den Religionsunterricht fei selbstverständlich Rechnung zu tragen. Darüber hinaus könne jedoch ein Minoritätsrecht nicht anerkannt werden. Die liberale Fraktion stehe nach wie vor auf dem Standpunkt, daß es eine Errungenschaft der Emanzipation gewesen sei, daß die jüdischen Kinder aus der Konfessionsschule heraus in die allgemeinen Schulen hineingekommen feien. Diese Fortschritte dürften nicht wieder rückgängig gemacht werden. Dr. Alfred Werner pflichtete den Vorrednern dahin bei, daß es nicht möglich fei, in der heutigen Sitzung davon abzusehen, worum es sich trotz der Worte der Herren Justizrat Dr. Feuchtwanger und Lichtenauer wirklich handle, nämlich um die jüdische Volksschule. Die liberale Fraktion habe in ihrer überwiegenden Mehrheit den Standpunkt eingenommen, an der in der vorausgehenden Sitzung bekundeten Überzeugung festhalten zu müssen. Seine engeren Freunde seien jedoch zu der Ansicht gekommen, daß es der orthodoxen Minorität ein religiöses Bedürfnis sei, ihre Kinder in einer jüdischen Volksschule zu erziehen und sie hätten daher Gewissensbedenken gehabt, gegen den Antrag zu stimmen. Die liberale Fraktion habe diesem Bedenken durch Aufhebung des Fraktionszwanges Rechnung getragen. Dr. Gutmann beantragt die namentliche Abstimmung über den Antrag des Vereins Ohel Jakob. Es ergaben sich bei der namentlichen Abstimmung 14 Stimmen für und 8 Stimmen gegen den Antrag. Der Beschluß der Gemeindevertretung billigt somit dem Verein einen Zuschuß von 12 020 RM., ferner ein Darlehen von 2000 Reichsmark zu. Der Vorstand behielt sich seine Stellung zu dem Beschluß der Gemeindevertretung für eine gesonderte Sitzung vor. Lichtenauer stellte den Antrag zur Ermöglichung von Früh- Ehen, insbesondere zur Beschaffung der Aussteuer den Betrag von 3000 RM. zur Verfügung zu stellen. Justizrat Feuchtwanger unterstützte den Antrag aus seinen Erfahrungen als Vorsitzender des Aussteuervereins auf das wärmste. Es liege ein starkes Bedürfnis vor. Der Antrag wurde mit 11 gegen 10 Stimmen angenommen. Der Vorstand behielt sich seine Stellung zu diesem Beschlüsse gleichfalls vor. Justizrat Dr. Straus führte aus, daß sich die Betriebsreserve infolge der weiteren Bewilligungen nur mehr auf 7500 RM. belaufe. Die Minderung der Betriebsreserven in dieser Höhe wurde genehmigt. Zu dem Punkte Umlagen berichtete Justizrat Straus, daß in diesem Jahre 7 Prozent Umlagen vorgeschlagen seien, dazu 3 Prozent Umlagen für den Landesverband, also insgesamt 10 Prozent. Dies sei der gleiche Satz, wie ihn auch die christlichen Konfessionen erheben, wobei allerdings zu berücksichtigen sei, daß die Besoldung der christlichen Geistlichen vom Staate geleistet werde. Der Antrag von Justizrat Straus, die gemeindlichen Umlagen auf 7 Prozent festzusetzen und davon 3 Prozent als Bauumlagen zu erklären, wurde einstimmig angenommen. Hierauf wurde der Etat in der Gesamtabstimmung gegen die Stimme von Justizrat Dr. Heilbronner angenommen. Dr. Wil-, mersdoerfer dankte den Herren, die sich um das Zustandekommen des Etats bemüht haben, insbesondere Justizrat Dr. Elias Straus, welcher den Dank seinerseits an den Syndikus und die Hilfskräfte der Gemeinde weitergab. Besonderes Interesse verdient eine anschließend gebrachte Mitteilung von Justizrat Dr. Straus, daß leistungsstarke Persönlichkeiten an die Gemeinde herangetreten seien mit der Drohung, sie würden austreten, wenn man ihre Steuerbeträge nicht ermäßige. Dr. Straus brachte zum Ausdruck, daß auf solche Drohungen in keiner Weise reagiert werden könne. Die Israelitische Kultusgemeinde München stelle die einzige Zusammenfassung sämtlicher Münchener Juden dar. Diese Vereinigung habe nicht nur religiöse, sondern auch soziale Aufgaben. Das Interesse im Judentum könne keinesfalls auf einen bestimmten Geldbetrag limitiert werden. Ein solches Vorgehen verlange in unserem Kreise eine ganz entschiedene Ablehnung. Dr. Wilmersdoerfer erklärte, sich den Ausführungen von Dr. Straus rückhaltlos anzuschließen. Das Interesse am Judentum dürfe nicht am Geldbeutel Halt machen. In einem Schlußwort gab Dr. N e u m e y e r der Hoffnung Ausdruck, daß der jüdische Idealismus auch diese Anfechtung einer trüben Zeit überdauern werde und zugleich dem Wunsche, daß die Arbeit der kommenden Monate dem Wohle der jüdischen Allgemeinheit und dem Ansehen des jüdischen Namens dienlich sein möge. Mrs. Irma Lindheim (Neuyork) in München Die Präsidentin der größten jüdischen Frauenorganisation Amerikas, der „Hadassah", weilt zur Zeit in München. 1912 von Henriette Szold gegründet, zählt die Hadassah heute etwa 50 000 Mitglieder, die in vorbildlicher Organisation mit ihrem Werk verbunden sind. Dieses Werk ist nichts weniger als das gesamte jüdische Sanitätswesen in Palästina. Die erste Nachfolgerin von Miß Szold wurde die hochbegabte Mrs. Irma Lindheim. 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