Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 10 (15.5.1929)
- Article
- Die "Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland"
- Date
- 1929-05-15
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
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154 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 jüdischen Darstellungen gewonnenen Bildern zu einem Gesamtbild zu vereinigen. Fast durchgehend findet man auf der einen Seite ein stark idealisiertes, auf der anderen ein stark materialisiertes Bild, und beide von so fühlbarer Lebensunwirklichkeit, daß es kein Wunder ist, wenn der Leser diese herausfühlt und schnell ermüdet. Nun ist natürlich diese unselige Zweiteilung kein Zufall. Den jüdischen Gelehrten haben an Studienmaterial — -Quellen — meist nur jüdische Berichte zur Verfügung gestanden, oder sie haben sich dieser doch mit besonderer Vorliebe bedient, einesteils weil sie durch Vorbildung — meist rabbinisch - darauf hingewiesen waren, andererseits weil die nichtjüdischen Historiker sie doch nicht lesen können. Diese hebräischen Quellen handeln sehr wenig von außerreligiösen Angelegenheiten und fast gar nicht von der bürgerlichen Tätigkeit der Juden. Dagegen sind fast alle jüdischen Quellen, die von der letzteren handeln (Registraturen der jüdischen Gemeinden, jüdische Geschäftsbücher) bis zum 17. Jahrhundert infolge der Verfolgungen verloren gegangen. Daher sind wir über die bürgerliche Tätigkeit der Juden fast nur aus christlichen Quellen unterrichtet, und das sind zum großen Teil Quellen polemischen, also nicht objektiven, Charakters. Das ist vielen christlichen Autoren auch zum Bewußtsein gekommen, aber sie haben von dieser Erkenntnis zu wenig Gebrauch gemacht. Zwischen dem Bild von dem frommen, zu Unrecht von einer sündhaften Mitwelt verfolgten, und dem wucherischen, in ungerechter, aber begreiflicher Empörung bestraften Juden klafft eine Lücke, die wir vorerst nicht ausfüllen können. Erft wenn wir sie ausgefüllt haben werden, werden wir ein befriedigendes und überzeugendes Bild von der jüdischen Vergangenheit besitzen. Dafür gibt es nun aber eine unerläßliche Voraussetzung: man kann die jüdische Geschichte weder allein aus sich selbst erfassen — wie die meisten jüdischen Autoren es tun —, noch allein aus den wirtschaftlichen Zusammenhängen der „Wirtsvölker", wie es von den christlichen Gelehrten zumeist geschieht. Der Tunnel durch den Berg muß von beiden Seiten gegraben werden. Das ist ein großes Stück Arbeit, aber wenn sie erfüllt ist, wird eine segensreiche Wirkung von ihr aus- ' gehen. Beträchtlich gefördert wird solche Arbeit durch eine Zeitschrift wie die vorliegende, die zur Aussprache dient, und für größere und kleinere Arbeiten die Publikationsmöglichkeit und die wirtschaftliche Voraussetzungen schafft. Die „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" ist nicht eine Sache von ein paar Gelehrten. Nicht bloß der Wissenschaft zuliebe wenden alle Kulturftaaten große Summen für gelehrte Zwecke auf. Die Juden haben nicht etwa weniger, sondern sehr viel mehr Anlaß dazu, es — gemäß ihren Kräften — auch zu tun. Dem Selbftbewußtsein und dem Ansehen bei den anderen wird die Erfüllung dienen, die Unterlassung schaden. Es soll — innerhalb der Möglichkeit — dafür gesorgt werden, daß auch der gebildete Laie etwas für ihn Genießbares vorfindet. Es soll möglichst jedes Heft einen größeren Aufsatz allgemeinen oder zusammenfassenden Charakters bringen. R.St. Die Juden von mips Von Leopold Godlewsky, Amberg I. Zu den schon längst von Juden verlassenen Ortschaften Bayerns zählt auch der Martflecken Küps (Oberfranken), an der Bahnlinie Probstzella—Lichtenfels. Bereits im 12. Jahrhundert waren dort Juden ansässig. Bei der großen Judenverfolgung (1298) gingen in Kronach etwa 100 Seelen, in Kundstadt etwa 5 zu Grunde. („Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstbistum Bamberg" von Dr. Eckstein, Seite 2.) Küps blieb verschont. Die vom Bischof von Bamberg im Jahre 1478 ernstlich durchgeführte Judenausweisung traf die „fremdherrischen" Juden nicht. Die von Küps waren damals Schutzjuden der Standesherren von Redwitz-Rodach. Und als im Jahre 1699 anläßlich einer Hungersnot, an der selbstverständlich die Juden mit schuld sein sollten, die ganze Judenschaft Oberfrankens durch Ausweisung und Plünderung schwer leiden muhte — so zog am 23. Mai 1699 eine wilde Rotte auch nach dem nahen Burgkundstadt, wo 14 Judenhäuser gestürmt und geplündert wurden — fand sie hier in Küps Schutz an ihren ritterschaftlichen Territorialherren, die sogar für die Juden des „Cantons Gebürg" einen gemeinsamen Friedhof eingeräumt hatten (etwa 1580) und nach einer desfallsigen Urkunde dieses Privilegium 1680 erneuerten. (Siehe Eckstein.) Selbstredend blieben die lästigen Leistungen wie Schutzgelder, Gansgeld, Neujahrsgeld, Leib- und Totenzoll noch Jahrhunderte lang bestehen. Eine interessante, von den Standesherren von Redwitz Unterzeichnete Urkunde aus dem Jahre 1700 gibt uns Aufschluß über den Totenzoll, der in den Sammelfriedhof Küps verbrachten auswärtigen jüdischen Leichen. (Siehe Eckstein.) Bei der hohen Seelenzahl der Juden in Küps hat sich schon im Jahre 1671 deshalb Pfarrer Kümmelmann bei seinem Standesherrn wegen der Juden angenommen, beschwert und erhalten, daß ihnen auferlegt worden, bei ihrer Beschneidung und Hochzeit die sonst bei Christen gewöhnlichen Accidentia (Gebühren) zu leisten, wie denn am 11. Januar 1672 bei einer Beschneidung die erste Gabe gelesstet wurde. (Pfarrlehnbuch Küps.) Noch heute besteht am Ostende des Ortes, wo sich früher weiter keine Häuser mehr befanden, der Judenfriedhof (siehe Abbildung 1), der nach den gemachten Untersuchungen, auf seinen bildhauerisch zum Teil recht interessanten Denkmälern auch Inschriften vom Jahre 1625 aufweist bis 1822 bzw. 1835, und Tote auch aus Mitwitz, Merzbach (Unterfranken), Friesen, ja aus dem ganzen „Kanton Gebürg" in sich vereinigte. Seit Auflassung dieses „Judenfreythofes" 1835 dient der Sammelfriedhof in Burgkundstadt zur gemeinsamen Begräbnisstätte der Juden der Umgegend. Unmittelbar an den Friedhof schlossen sich die Judenhäuser an rm sogenannten „Winkel", der eben von der Herrschaft gleichsam als „Ghetto" eingeräumt war und auch eine „Judengasse" aufwies. Wenn in Bamberg noch im Jahre 1687 die Anzahl der Judenhäuser aus 12 festgesetzt wurde und 1693 durch dringe liches Bitten der Gemeinde auf 24, so waren die Herren von Redwitz viel toleranter. Denn in diesem kleinen Orte war eine nicht unbedeutende Anzahl Judenfamilien ansässig mit etwa 18 Judenhäusern — deren Hausnummern heute noch sämtlich nachgewiesen sind — und einer Synagoge mit Lehrerwohnung (siehe Abbildung 2). Ebenso siedelten sich in dem nur eine Viertelstunde entfernten ritterschaftlichen bis 1627 v. Redwitzfchen, sodann von Künsbergschen Orte Oberlangenstadt mindestens ebenso viele Judenfamilien an mit eigener Synagoge — ein Vorhang weist die Jahreszahl 1760 auf —, die im Jahre 1871 zur Feier des Friedensfestes von Freiherrn v. Künsberg rennoviert wurde und bis vor kurzem noch gottesdienstlichen Zwecken diente. Interessant ist die Bewegungsziffer der jüdischen Einwohner in Küps. Bis zum Jahre 1806 befand sich die jüdische Seelenzahl daselbst in aufsteigender Tendenz. Nach dem statistischen Büro München wohnten im Jahre 1809/10 in Küps 161 jüdische Bürger. Im Jahre 1811/12 bereits nur noch 104. Es ging nun rapid abwärts. Im Jahre 1867 waren es 30; 1871 zählte man noch 25; 1880 ebenfalls 25; 1890 nur noch 6. Im Jahre 1900 war in Küps keine jüdische Seele, mehr zu verzeichnen.