Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 7 (1.4.1929)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 101 (sequence 1)
- Language
- German
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Äachrichtenblatt öer Israelitischen KultuSgemeinüen in München unö Augsburg unö öes VerbanöeS Hagerischer Israelitischer Gemeinöen Da^erische Israelitische Gemeindezeitung erscheint am 7. unö 75. jeöen Monats. — Verlag: V. heller, München, plinganserstraße 65, Kernruf 75<5<§4 unö 75665, Postscheck München Zpö/. Schrlstlettung: Vr. Lugen vchmlöt, Rechtsanwalt ln München, Karlstraste 6. Bezugspreis für nicht elngewiesene Bezieher: Reichsmark 4-So für öaS Zsahr. Anzeigenpreis: Oie 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 ReichSpfennlg Kamillenanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 75 ReichSpfennlg 192.9 München, J. April Ut.7 Inhalt: K'le Kodesch und Parochoth in bayerischem Synagogenbesitz — Stefan Zweig, ein jüdischer Dichter — Aus dem Reiche — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde München — Vorträge —1 Aus der Gemeinde Augsburg — Vereine — Geschästsnachrichten — Personal!«. k'le kodescb und parochoth in bayerischem Synagogendesitz Von Theo Harburger (München) Die Iudenschaft des heutigen Freistaats Bayern hat, wie wir auch im übrigen süddeutschen Gebiet beobachten können, erst in den letzten Jahrhunderten Ruhe und Sicherheit des Lebens genießen können. Im Mittelalter konnten sich die Juden den fortwährenden Verfolgungen und Bedrohungen gegenüber nur mit den größten Schwierigkeiten behaupten. Mit dem Erstarken des Bürgertums wurden sie als wirtschaftliche Konkurrenten bedrängt und mußten vorwiegend in den Reichsstädten, wo die Zünfte als Milregierende den ausschlaggebenden Einfluß besaßen, den Ausweisungen weichen. Einer solchen Maßnahme, die zudem aufs strengste durchgeführt wurde, gegenüber befanden sie sich im Stammesherzogtum bzw. Kurfürstentum Bayern, wo mit dem Siege der Gegenreformation die Nichtkatholiken unduldsam verfolgt wurden. In den heute zu Bayern gehörigen Teilen des ehemaligen Schwaben und Franken gestaltete sich allerdings ihre Lage infolge des Fehlens einer starken Zentralgewalt günstiger, zumal die vielen kleinen und kleinsten Herrschaften und geistlichen Besitztümer aus dem den Juden gewährten Aufenthaltörecht und aus der Anwesenheit der Juden überhaupt bedeutende wirtschaftliche Vorteile zogen. Insbesondere als nach dem Dreißigjährigen Kriege der Wiederaufbau des Zerstörten einsetzte, waren die kleinen Händler, die bis in die entlegensten Siedlungen der Warenvermittlung dienten, ein wirtschaftlich notwendiger Faktor geworden. Diese Erleichterung ihrer materiellen Lage hat in erster Linie dazu beigetragen, in den Juden ein gewisses Sicherheitsgefühl zu erwecken, obwohl die staatsrechtlichen Unterlagen ihrer Existenz keineövegs fest waren. Abgesehen von dem rein im Pekuniären gegründeten Verhältnis zur „Schutz" ausübenden Macht spielten selbstverständlich stets noch unkontrollierbare Faktoren des mehr oder minder guten Willens der Herrschenden herein, so daß tatsächlich die Verlängerung der Iudenschutzverträge jeweils Angelegenheiten waren, die die Iudenschaften in ihrem Bestand bedrohten oder zum mindesten erschütterten. Das Gefühl der größeren Stetigkeit, der stärkeren Seßhaftigkeit erlaubte den Juden nach dem großen Kriege des siebzehnten Jahrhunderts, sich ihr Leben immerhin mit mancher Behaglichkeit einzurichten. Dazu gehörte nicht zuletzt, daß sie an die Stelle der früheren Schmucklosigkeit des Kultischen eine gewisse Formenfreude treten ließen. Hatte vordem ein kahles Zimmer genügt, um der häufig gerade die vorgeschriebene Zehnzahl erreichenden Gemeinde als Versammlungsraum zu dienen, so beginnt in dieser Zeitepoche wieder ein Streben nach dem Bau, bzw. nach der Ausschmückung von würdigen Synagogen. Hand in Hand damit ging die Freude an der zierenden Gestaltung des Kultgeräts, wobei auch das für die häuslichen Feiern Bestimmte kunstsinnig gestaltet und so die Luft am Schönen in die einzelne Familie hineingetragen wurde. Thoraschmuck Schon in den kleinen Privatsynagogen, die den religiösen Bedürfnissen der Gemeinschaft dienten, wurde der Ehrfurcht vor dem heiligen Symbol, der Thorarolle, durch äußeren Schmuck Ausdruck verliehen. Wie des Betraums Bedeutung durch die vielfach verwendete Inschrift „Wisse, vor Wem du stehst!" äußerlich betont wird, so soll der einfache Augenschein die Heiligkeit des Geräts schon durch die Verwendung und Gestaltung wertvollen Materials erfassen. Das „Gerät des Heiligtums" ist aber nicht nur ein Zeugnis dafür, daß die Juden das Kunftgewerbe zu ihrem religiösen Dienst heranzogen, sobald ihre äußeren Lebensumstände es ihnen gestatteten, sondern wir können in diesen Überresten Hilfsmittel zu unserer geschichtlichen Kenntnis von vergangenen Zeiten und von Familienzusammenhängen sehen. Aus der großen Zahl der im Gemeindebesitz, manchmal auch im Besitz von Nachkommen der frommen Stifter vorhandenen Stücke seien im folgenden einige hervorgehoben, die den Einfluß der europäischen Stilentwicklung auf diese Zweckformen deutlich erkennen lassen. Als wesentliches Merkmal der Thoraschilde erkennen wir ein