Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1929
- Issue
- 3 (15.3.1929)
- Article
- David Lehmann
- Date
- 1929-03-15
- Page
- Seite 5 (sequence 1)
- Language
- German
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MeilunW Des IsraeMlchm Lchreronems für Wem Schriftleitung: Max Adler, München 1929 München, 15. März Nr. 3 David Lehmann „Am Morgen noch in kraftvoller Frische, am Abend schon gefällt, dem Leben entrückt!" Diese Worte des 90. Psalmes durchzuckten wohl jäh und schmerzvoll viele Herzen, als sich am Abend des 18. Februar in Würzburg die Trauerkunde, verbreitete, Lehrer Lehmann ist eingegangen in die ewige Heimat. Am Morgen noch war er, der 73jährige, trotz Unbilden der Witterung, im G'ttesdienste — nachmittags befiel ihn ein Unwohlsein und nach kurzen Stunden raffte ihn ein Herzschlag dahin. Mit ihm ist eine vorbildliche Lehrerpersönlichkeit aus dem Leben geschieden, eine Persönlichkeit von seltener Pflichttreue und Selbstlosigkeit, ein Mann voll wahrer Bescheidenheit und echter Frömmigkeit, eine Natur von abgeklärtester Ruhe, Sanftmut und Menschenfreundlichkeit. Geboren am 15. Februar 1856 in Rimpar, besuchte er die Präparandie Höchberg und das Israelitische Lehrerseminar Würzburg, das er 1874 absolvierte. Nach kürzerer Amtstätigkeit in Höchheim und Mellrichstadt wirkte er 43 Jahre als Religionslehrer, Vorbeter und Schachet in Brückenau, bis er 1922 in den wohlverdienten Ruhestand trat, den er in Würzburg im Hause seines Schwiegersohnes, des Seminardirektors Jakob Stoll, des Gatten seiner einzigen Tochter, mit seiner treuen Gattin, getragen von Liebe und Verehrung verlebte. Die Bestattung des Verlebten zeigte eine derart große Beteiligung, wie sie Würzburg selten gesehen. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Brückenau waren fast vollzählig erschienen, ebenso Vertreter der benachbarten Gemeinden im Rhönbezirk, dazu natürlich sehr viele Würzburger, denn fast jeder kannte und schätzte den ehrwürdigen Greis, der für jeden Begegnenden stets einen freundlichen Gruß, ein Lächeln, einen Händedruck, ein liebes Wort hatte, dem jeder zugetan sein mußte. Auch Nichtjuden waren erschienen:. Kreisschulrat Emrich, Oberlehrer Englert u. a. befanden sich im Trauergefolge. Die jüdische Lehrerschaft Würzburgs, das Lehrerseminar, die Präparandenschule usw. fehlten nicht. An der Bahre gab Vezirksrabbiner Dr. Hanover in ergreifenden Worten ein Lebensbild des Heimgegangenen. Im Anschluß an die Eingangsverse des Abschnittes msn in Auffassung der Tamlud- und Midraschlehrer verglich er Leben und Wirken Lehmanns mit dem Lichte im Heiligtum. In ihm war Licht und er verbreitete Licht, das Licht der Thora, der g'ttlichen Erleuchtung, als ein echter Lehrer in Israel. Die wahre, alte, jüdische G'ttesfurcht kennzeichnete sein ganzes Wesen und war bedingend für seine Persönlichkeit und sein Wirken in Pflichttreue und Bescheidenheit, in Liebe und Güte und wird ihn unvergeßlich bleiben lassen. Bezirksrabbiner Dr. Bamberger (Bad Kissingen), zu dessen Bezirk Brückenau gehört, war herbeigeeilt und zeichnete das Bild Lehmanns in Anlehnung an einen talmudischen Trauerredner im Symbol des Tamarbaumes, der nur „ein Herz" habe und in gleicher Weie vielfachsten Zwecken diene. So fei der Entschlafene eine geschlossene, einheitliche Charakterpersönlichkeit gewesen, dessen Wirken als Lehrer, Chason und Schachet in musterhafter Vorbildlichkeit sich auf Thora, Abodah und Gemilus Chafodim erftreckte, geeint durch echte, geradezu selbstverständliche Frömmigkeit als wahrer Zadik, den die Schrift dem Tamar vergleiche. Er betonte auch besonders das patriarchalisch innige Verhältnis, das zwischen dem Verblichenen und dem Rabbinate jederzeit bestanden habe. Hauptlehrer Gundersheimer, der Amtsnachfolger Lehmanns, sprach namens und im Aufträge der Kultusgemeinde Brückenau deren innigen Dank aus für alle Liebe und Treue und Aufopferung, die der Verblichene in 43jähriger Tätigkeit in bewunderswerter Selbstlosigkeit der Gemeinde Brückenau erwiesen, betonte, wie unter seiner Führung sich Brückenau zu einem blühenden jüdischen - Gemeinwesen entwickelte habe und gelobte stetes, unentwegtes Festhalten an den Grundsätzen des geliebten alten Lehrers,' wodurch ihm in aller Herzen das schönste dauernde Denkmal gesetzt sei. Als letzter Trauerredner nahm Seminardirektor Stoll in rührenden Worten und mit tränenerstickter Stimme Abschied von dem geliebten Vater, von dem alle nur Liebe und Güte erfahren, aus dessen Mund nie ein unfreundliches Wort gekommen, der in feiner schlichten, edlen Herzensgüte die Menschen stets nur nach der besseren Seite beurteilte. Im Anschluß an ein Midraschwort (Ausspruch des Ben Asai über die Bedeutung des Satzes 2. Buch Moses Kap. 29/39) legte er noch einmal dar, wie Nächstenliebe und stete Opferbereitschaft die Grundzüge waren im Charakterbilde des Heimgegangenen, die ihn in seiner Bescheidenheit und Selbstverleugnung, unserem großen Lehrer Mose gleich, prädestinierten zum erfolgreichen Lehrer und Führer der Gemeinde. Auch auf der öffentlichen Würzburger Bezirkskonferenz vom Montag, 25. Februar sprach zur Eröffnung Herr Dr. Neubauer Worte des Gedenkens an David Lehmann. Er erinnerte an die wertvollen Eigenschaften, die den Verstorbenen auszeichneten. Für feine Liebe zum Lernen fei es bezeichnend, daß, soweit die Erinnerung der Teilnehmer reicht, David Lehmann niemals bei einer der wöchentlichen Konferenzen gefehlt hat bis an jenem Montag, da er sich auf seinem letzten Krankenlager befand. Auf den Verstorbenen mögen jene Aussprüche angewendet werden, die einst beim Tode des Samuel hakaton gesprochen wurden: „Über diesen ziemt es zu trauern, über diesen ziemt es zu klagen, Könige sterben und lassen ihre Kronen ihren Söhnen, Reiche sterben und lassen ihren Reichtum ihren Söhnen, Samuel hakaton aber hat das Kostbarste der Welt mit sich genommen und ist dahingegangen!" „Wehe ob des Bescheidenen, des Frommen, des Schülers von Hillel hasaken!" Im Anschlüsse an diese Ausführungen gab dann Hauptlehrer Mannheimer (Dettelbach) nochmals dem Schmerze der Konferenz Ausdruck, die einen so lieben und treuen Kollegen verloren habe. Herr Mannheimer erzählte von seinen persönlichen Erinnerungen an den Verstorbenen von jenen Zeiten her, da er vor langen Jahren in Zeitlofs amtiert hatte und oftmals in das so freundliche, von jüdischem Geiste erfüllte Haus seines Nachbarkollegen gekommen war. Lehmann ist von uns gegangen, Lehmanns Bild wird immer unter uns weilen, aneifernd zu stetem Streben, in seiner Art zu wirken, dem Judentum und der Menschheit fördernd zu dienen. Es ist mir ein Bedürfnis, dem liebevollen Nachruf, den Seminaroberlehrer Anfänger meinem lieben Lehrer David Lehmann f. A. gewidmet hat, noch einige Worte der Liebe und des Dankes anzufügey. David Lehmann war das Muster eines idealen Lehrers. Mit Liebe und Begeisterung hing er an seinem Berufe, dem er auch jede freie Minute des Tages opferte. An uns, feine Schüler, stellte er große Anforderungen. Bei uns gab es keinen freien Sonntag und keinen freien Nachmittag in der Woche. Während wie vormittags unseren pflichtgemäßen Religionsunterricht hatten, arbeitete er jeden Nach4mittag nach dem Volksschulunterricht noch 2 Stunden und am Sonntag 5 Stünden an uns und mit uns. In dem kleinen Zimmer, in dem er Schule hielt, konnte man ihn auch außerhalb der Unterrichtszeit stets treffen. Das Schulzimmer war ihm der liebste Raum im Schulhause. Er war so sehr Lehrer mit ganzem Herzen, daß sich feine Liebe zum Berufe auch auf das Schulzimmer erstreckte. Nur der Schabbot gehörte nicht der Schule, der gehörte, aber auch ganz der Gemeinde. Von einem Schiur eilte er zum andern, und durch feine Lehre und durch fein Vorbild und durch feine tiefe Frömmigkeit war er der idealste Erzieher seiner Gemeinde. Und wenn heute die K'hilboh Brückenau wohl eine der religiösesten K'hiltaus in Bayern ist und wenn dort kein einziges Geschäft am Schabboth geöffnet ist, dann ist ein Teil dieser Entwicklung auf das Konto Lehmann zu buchen. Er war auch der treue Vater seiner Gemeinde. Er nahm regen Anteil an den Freuden und Leiden jedes einzelnen Mitgliedes. Wer Rat brauchte, kam zu „Lehrer Lehmann". Nie kam ein Wort des Unmuts über feine Lippen. Man brachte ihm Liebe entgegen, weil er selbst Liebe ausstreute. Er war eine wahre Hillelnatur. Seine Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit ist in Brückenau sprichwörtlich geworden. So hat er sich selbst ein Denkmal in den Herzen seiner Gemeindemitglieder und seiner Schüler »errichtet. Und ich kann wohl im Namen aller seiner Schüler sagen: Lieber Lehrer David Lehmann! Wir werden Deiner nie vergessen, wir werden Dich in liebevollem Andenken bewahren, solange unser Herz schlägt. Habe Dank für alle Liebe und Treue, die Du uns erwiesen hast. Möge Dir der himmlische Lohn dafür zuteil werden! M. Adler.