Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 6 (15.3.1929)
- Article
- Religiöser Vortrag in der Synagoge
- Date
- 1929-03-15
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
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86 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 Bayerische^®^ Vereinsbank Kredit- und Hypothekenbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns rechts des Rheins Gold-Pfandbrief ““!t iw MM " Hochverzinslich Mündelsicher Arbeit höher führe, zu der er auch mit der Kraft des Geistes ausgerüstet wurde. Das Weib wird ihm zur Seite gegeben. Arbeit, Geist und Gemeinschaft kennzeichnen den Menschen. Der Machtkitzel war die Versuchung, die über den Menschen kam; er wollte sein wie Gott. Das wurde sein Verderben. Kain war das Sinnbild des Aufwärts- und Vorwärtsstrebens, Abel war das Symbol des in seiner Ruhe und Befriedigung verharrenden Menschen. Als sich die Seele des Menschen nach langer Abkehr wieder zu Gott wenden will, da steht wiederum der Machtkitzel auf in dem Menschen und er baut den Turm von Babel. Der Vortrag wurde von musikalischen Darbietungen eingerahmt. Herr Heinrich Schalit spielte aus der Orgel das Präludium in §-Moll von Händel und begleitete die von Herrn Kantor Neu gesungenen Lieder „Wajchullu" (I. Buch Moses, Kap. 2, Vers 1—3), eine alte Melodie, bearbeitet von Löwenstamm und „Elohaj n'schomo", ein altes Gebet nach einer alten Melodie, bearbeitet von Schalit. F. O. 60. Geburtstag des Münchener Erzbischofs Dr. Michael v. Faulhaber Am 5. März 1929 hat der Kardinal Dr. Michael von Faulhaber, Erzbischof von München-Freising, unter großer Anteilnahme aller Kreise der hiesigen Bevölkerung seinen 60. Geburtstag gefeiert. Auch der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden und die Israelitische Kultusgemeinde München haben ihre Glückwünsche dem allgemein verehrten und beliebten hohen Würdenträger der Kirche dargebracht, der ebensosehr als feinsinniger Interpret der biblischen Bücher wie als eindrucksvoller Kanzelredner bekannt ist und der sein gewichtiges Wort schon zu wiederholten Malen für die Sache der Wahrheit und des Rechts unerschrocken erhoben hat. Ariel Birnbaum Mittwoch, 6. März, veranstaltete Uriel Birnbaum, Wien, auf Einladung der Münchener Kultusgemeinde eine Vorlesung aus eigenen Werken. Der Vortragende las Stücke aus „In Gottes Krieg", „Leben in Liebe", „Gedichte in einer neuen Form", „Biblische Sonette", „Gebete in Sonetten". Das merkwürdigste, wohl nicht das stärkste, der zum Vortrag gebrachten Werke war „In Gottes Krieg". Merkwürdig dadurch, daß es eines der wenigen ernsthaften Werke der Kriegsliteratur ist, das den Krieg positiv wertet: als eine Schickung Gottes. Es ist verständlich, daß eine solche Einstellung auf Ablehnung stößt, doch darf man es sich damit nicht zu leicht machen. Die „Frankfurter Zeitung", die des Chauvinismus nicht verdächtig ist, schrieb anläßlich ihrer Veröffentlichung von Ludwig Renns „Krieg" über Barbusses Werk „Le feu“ folgendes: Noch gefährlicher ist die Argumentation eines Pazifismus, die sich dem Heroischen, das im Kriege offenbart wurde, verschließt. Auch hier hat Barbusse, dessen wunderbare Leidenschaftlichkeit niemand verkennen wird, ein gefährliches Wort seine Soldaten sprechen lassen, die im Morgengrauen nach der Schlacht, bleiche Gespenster aus Lehm, über den Sinn des Krieges sich unterhalten. Er sagt etwa: „Man müßte die schönen Seiten des Krieges verschweigen, vorausgesetzt, er habe welche gehabt." Barbusse sä)eint dem zuzustimmen,und seine Geschichten aus dem Kriege haben alle eine Pointe, eine furchtbare Pointe, „seht, so war es", jene Pointe, die Goya unter seine Radierungen schreiben ließ „ich habe es gesehen". Barbusse vergißt aber, daß die Soldaten seiner Korporalschaft sich wunderbar selbstverständlich als Soldaten fühlen und . als Soldaten ihre Pflicht tun, indem sie sich zerreißen lassen. Der Pazifismus, der glaubt, über diese Soldaten, die ihre Pflicht getan haben, hinwegsehen zu können, der, noch schlimmer, glaubt, nur von den Deserteuren der Armee sprechen zu dürfen, ein solcher Pazifismus macht es sich zu leicht. Birnbaums „voeument humain" hat Anspruch auf Beachtung. Das Kriegserlebnis, mit starkem persönlichem Leidensakzent versehen („ich habe keine Füße mehr"), erweckt in dem Dichter Liebe („und Tod und Leben lag am Ende, Schwester, nur in der Güte deiner Hände, Schwester") und Gottvertrauen. „Der Turm des Herrn, Turm über allen Türmen wird stehen bleiben, wie am ersten Tag." Die biblischen Sonette zeigten, wie starkes Einfühlungsvermögen und religiöses Gefühl dem uralten Stoff lebendigste Wirkung verleihen kann. Am stärksten wirkten die zuletzt vorgetragenen „Gebete in Sonetten" von denen einige bereits in Nr. 5 der Zeitung zum Abdruck gelangt waren. Die Form des Sonetts, von dem Dichter meisterhaft gehandhabt, erwies auch hier ihre Wucht, gesteigert durch ein tief religiöses Empfinden. „Herr meiner Fahrten, gib deine Kraft mir: Deine Kraft im Warten!" Dem Vortragenden dankte reicher Beifall. S Jugendausspracheabend des Central-Vereins Am 20. Februar 1929 fand im Saale der Gesellschaft Concordia ein von der Ortsgruppe München des Central-Dereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstalteter Jugendaussprache- Abend statt. Es war eine große Anzahl Jugendlicher erschienen. Auch der älteren Generatton Angehörige, die sich für die Probleme der heutigen jüdischen Jugend, für ihre Meinungen, ihre Ideale und ihre Wünsche interessieren, fehlten nicht. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden der Ortsgruppe München, Herrn Dr. Alfred Werner, ergriff Herr Walter Goldmann von der Verbindung „Licaria" das Wort, um feine Auffassung zu dem Thema „Die jüdische Jugend und der C. V." zu entwickeln. Herr Goldmann schilderte die besonderen Probleme der jüdischen Jugend. Besonders packend waren seine Ausführungen über die seelische Wirkung der Isolation aus die heutige jüdische Jugendgeneration. Die Zurückstoßung und den Ausschluß, die das jüdische Kind schon in frühen Jahren erfahren muß, stellen eine seelische Belastungsprobe dar, die die Entwicklung des jungen Juden bedrohen. Die Ausführungen von Herrn Goldmann wirkten außerordentlich plastisch und teilweise ergreifend. Reicher Beifall belohnte den Redner für sein inhaltreiches Referat. Nach ihm las Herr Obermeier das Manuskript des erkrankten und daher verhinderten Herrn Rudolf Lewin vom Jüdischen Jugendverein zum gleichen Thema vor. Diese Ausführungen bewegten sich hauptsächlich in einer Schilderung der Ideen und Einrichtungen des Jüdischen Jugendvereins und mündeten aus in die Frage: Was kann uns der Central-Verein zur Erhaltung und Steigerung dieser Werte bieten? Auch dieses Referat wurde mit Beifall ausgenommen. An die beiden Vorträge schloß sich eine interessante und anregende Debatte an, die getragen war durch die Herren Goldschmidt, Walter, Stern und Dr. Freund.