Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 6 (15.3.1929)
- Article
- Albert Einstein 50 Jahre
- Date
- 1929-03-15
- Page
- Seite 84 (sequence 2)
- Language
- German
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84 Bayerische Israelitische Gemeindezeirung Nr. 6 übernahm. Jüdische religiöse Traditionen wurden in Einsteins Elternhaus eigentlich nicht gepflegt. Die in dem Knaben erwachende religiöse Grundstimmung wurde gestärkt durch den jüdischen Unterricht, den er privat bei dem Lehrer Frey nahm. Der tief musikalisch veranlagte Knabe dachte sich Lieder zur Ehre Gottes aus und sang sie für sich in andächtiger Verschlossenheit. Die Bibel war ihm ein tiefes ethisches Erlebnis. In der Schule erlebte er die ersten Schaumspritzer der antisemitischen Welle, die Katheder und Schule bedrohte. Als Schüler des Gymnasiums fand er aus eigenem Nachdenken den Beweis des Pythagoreischen Lehrsatzes, von dem ihm nur der Wortinhalt ohne den Beweis mitgeteilt war. Mit 15 Jahren wurde er von seinem Mathematiklehrer für universitätsreif erklärt. 1894 verlegten seine Eltern, als das Unternehmen in München materiell zurückging, den Wohnsitz nach Italien. Das behaglich bürgerliche Dasein hatte damit ein Ende gefunden. Einstein ging in die Schweiz, um am Züricher Polytechnikum Mathematik zu studieren. Er wurde aber in diese Anstalt nicht ausgenommen. Er besuchte die Schule des Kantons Aarau, wo ihn das Problem der Optik bewegter Körper, genauer: die Lichtaussendung von Körpern, die sich relativ zum Äther bewegen, beschäftigte. Die Uranfänge der Relativitätstheorie fallen in diese Zeit. Seine materielle Zukunft bereitete dem Jüngling Sorge. Er studierte an der Lehramtsschule des Züricher Technikums vom 17. bis 21. Lebensjahre, um sich für den Lehrerberuf vorzubereiten. Er konnte aber eine Lehrstelle an einem Gymnasium als Nichtschweizer, der seit dem Mailänder Aufenthalt sogar „vaterlandslos" geworden war, nicht erlangen. 1901 erwarb er nach fünfjährigem Aufenthalt in der Schweiz das Bürgerrecht der Stadt Zürich. Er kam an das Schweizer Patentamt, wo er sich 1902 bis 1909 als technischer Experte betätigte. Mitten in seiner Praxis, 1905, lösten sich seine jahrelang in angestrengter Forschung und tiefem Nachdenken gewonnenen Erkenntnisse in einen unwiderstehlichen Arbeitsdrang: in diesem einen Jahre entstanden die umstürzenden Werke: „Über einen die Erzeugmig und Verwandlung des Lichtes betreffenden heuristischen Gesichtspunkt"; „Über die Trägheit der Energie"; „Das Gesetz der Brownschen Bewegung"; „Zur Elektrodynamik bewegter Körper"; (diese Abhandlung trug bereits die grundstürzende und grundlegende Theorie Sei speziellen Relativität). Dann kam im gleichen Jahre seine Doktordissertation: „Eine neue Bestimmung der Moleküldimensionen". Nachdem ihm zuerst ein Lehrstuhl in Bern bereitgestellt worden war, wurde er 1909 als a. o. Professor für theoretische Physik an die Universität Zürich berufen. 1911 folgte er einem Ruf als ordentlicher Professor an die Prager deutsche Universität. Im Herbst 1912 kehrte er nach Zürich zu einer Professur am Polytechnikum zurück. Im Frühjahr 1914 wurde er an die Preußische Akademie der Wissenschaften nach Berlin mit Lehrfakultas an der Universität berufen und zum Direktor des neugegründeten Kaiser-Wilhelm-Jnstituts für Physik ernannt. Hier vollendete er seine Relatioitätsarbeiten mit dem großartigen Ausbau der Gravitationslehre. Durch die Relativitätstheorie ist die Physik auf ein völlig neues Fundament gestellt worden, und die wichtigsten neuen Errungenschaften, insbesondere auf dem Gebiet der Atomphysik, wären ohne sie unmöglich gewesen. 1917 stellte Einstein Beziehungen zwischen der Bohrschen Atomtheorie und der Planckschen Strahlungsformel her. 1925 gelang ihm die Verallgemeinerung seines Gravitationsgesetzes zu einem umfassenden allgemeinen Ausdruck, durch den das Gravitationsfed und! das elektromagnetische Feld unter einem Gesichtspunkte zusammengefaßt werden. Diese Arbeiten gipfelten in der „Neuen Feldtheorie", deren vor kurzem erfolgte Veröffentlichung durch die Preußische Akademie der Wissenschaften auf die gesamte wissenschaftliche Welt fast ebenso revolutionierend wie seine Relativitätstheorie gewirkt hat. 1921 erhielt Einstein den Nobelpreis für Physik. Er ist auch noch ordentliches Mitglied der Amsterdamer Akademie der Wissenschaften und Professor an der Universität Leyden, wo er alljährlich eine Reihe von Vorlesungen hält; ferner Ehren- oder korrespondierendes Mitglied fast aller wissenschaftlichen Akademien der Welt. Albert Einstein nimmt an allen geistigen und politisch-freiheitlichen Bewegungen der Jetztzeit lebhaften Anteil. Er hat sich große Verdienste um die Wiederbefestigung der Verbindungen innerhalb der internationalen Gelehrtenwelt nach dem Kriege erworben und er spricht sein gewichtiges Wort, wo es gilt, Unrecht an einzelnen und an Gemeinschaften abzuwehren und für individuelles und kollektives Menschenrecht einzutreten. Er ist Mitglied des „Komitees für geistige Zusammenarbeit" beim Völkerbund und stand einige Zeit diesem Komitee vor. Der zionistischen Bewegung steht Einstein nahe. Im April 1914 auf einer Rückreise aus Japan, weilte er in Palästina, und dort wurde er von dem Erlebnis jüdischer Arbeit im Lande der Väter ungeheuer ergriffen. Leidoolle Jugenderlebnisse zusammen mit diesem neuen Erlebnis verdichteten sich zum Erlebnis der jüdischen Renaissance, für die er seither wiederholt in Wort und Schrift eingetreten ist. Er gehört dem Kuratorium der Universität Jerusalem an, deren in Gründung begriffenes physikalisches Institut nach ihm benannt wird. 1921 nahm er an Weizmanns Propagandareise nach Amerika zugunsten des Keren Hajessod teil. Auch anderen jüdischen Wohlfahrtsbestrebungen ist er ein stets hilfsbereiter Freund. Während der ersten Nachkriegsjahre wurde gegen Einstein von völkischer Seite eine wüste antisemitische Hetze entfaltet; er stand auf der „schwarzen Liste" zusammen mit Rathenau und anderen jüdischen Persönlichste Verehrung der Judenheit fiir Albert Einstein kommt in einem Aufruf führender jüdischer Persönlichkeiten Deutschlands aus allen Lagern zur Begründung eines Einstein-Waldes in Palästina zum Ausdruck, der in die Worte ausklingt: „Ein Einstein-Wald in Palästina soll als lebendiges Denkmal für ewige Zeiten seinen Ruhm und unsere Verehrung künden, aber auch Zeugnis jüdischer Schöpferkraft, Arbeit und Kultur sein. Wir deutschen Juden sind stolz darauf, Einstein zu den unfern zu zählen, begrüßen freudig die Gelegenheit, ihm in dieser schönsten und würdigsten Form unsere Glückwünsche darbringen zu können." Mitgliederversammlung der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge zu Berlin Die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge beruft für den 17. und 18. März 1929 nach Berlin (Logenhaus, Kleiststraße) ihre diesjährige Mitgliederversammlung ein. Die Tagung verspricht von besonderer Bedeutung zu werden, da über die Errichtung der ersten jüdischen Arbeiterkolonie in Deutschland entscheidende Beschlüsse zu fassen sind. Im Mittelpunkt der Beratungen stehen zwei Referate von Frau S. Wronsky über „Die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Arbeitsfürsorge" und von Pastor Brauns über „Die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Arbeiterkolonie". Des weiteren wird Herr Dr. Werner Senator. Generalsekretär des Joint Distribution Committee, über „Das jüdische Flüchtlingsproblem nach dem Weltkriege" sprechen. ttus dem Verbände Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Die Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde Aschaffenburg hat dem Verband die Einladung zugehen lassen, es möchte die Tagung des Verbandes 1929 in Aschaffenburg zusammentreten. Der Rat hat in seiner Sitzung vom 10. März dieses Anerbieten mit Dank angenommen und als Zeitpunkt für den Zusammentritt den 30. Juni und 1. Juli dieses Jahres bestimmt. r* HAUS DER Q U A L I 1 Ä7SSTOEEE N. STARK & Ca MÜNCHEN KARLSPLATZ 5 NÜRNBERG LUITPOLDSTRASSE 11 /