Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 6 (15.3.1929)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1929-03-15
- Page
- Seite 81 (sequence 1)
- Language
- German
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Kachrichtenblatt öec Israelitischen Kultuögemeinüen in München unö Augsburg unö ües Verbanües Hagerischer Israelitischer Gemeinöen Vagerische Israelittsche Gememöezeltung erscheint am 1. unü 15. seöen Monats, — Verlag: ß. Hetzer, München, pllnganserstraße <$4, Zernruf 73 6 64 unü 75 <§<§5, Postscheck München 3987» vchristleltung: Vr. Lugen Vchmlüt, Rechtsanwalt ln München, Karlstraße 6. vezugsprels für nicht elngewiesene Lezleher: Reichsmark 4.S0 für üas Jahr. Anzeigenpreis:' Oie 4 gespaltene Millimeter-Jette 40 Reichspfennlg Zamillenanzekgen, Stellengesuche unü ähnliche Angebote ff Reichspfennlg 1?z? München, if» Marz Kr. 6 . Inhalt: Das jüdische Buch — Unseren gefallenen Kameraden — Aus dem Reiche — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde München — Bücherschau — Vereine —; Amtlicher Anzeiger — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München — Bekanntmachung über die Besetzung der Ausschüsse und die Ernennung der Beauftragten der Gemeinde — Bekanntmachung über Jahrzeitschriften — Bekanntmachung über Mazzothversorgung — Personalia. Vas jüdische vuch Am Tage des Buches, 22. März 1929, wird die Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde München eine Ausstellung jüdischer Bücher im Bibliotheksaal, cherzvg-Max-Stratze 7, veranstalten. Es ist kein Zufall, wenn Maler die besondere Eigenheit des Juden in seiner Beschäftigung mit dem Buche finden und sie betonen. Nicht die Hochachtung des Geisteslebens, der kulturellen Entwicklung soll in der Liebe zum Buche ihren Ausdruck finden; was uns in der Darstellung des Künstlers packt, ist die Erkenntnis, daß für den Juden das Buch gleichsam den Inbegriff seiner Existenz als völkische Individualität bedeutet. Eine tiefe Verbundenheit besteht zwischen Buch und Judentum. Das Buch (die Thora) hat den Juden erst geschaffen und geformt, ihm religiöse Einheit und völkische Realität gebracht und im Buche (der Bibel) hat das Judentum sein geistiges und sittliches Ideal als wirkendes kulturelles Element der Welt übergeben. Von dem Lande seiner ersten Heimat loSgeriffen ist das Buch der Heimatboden geworden, auf dem seine Eigenheit gewahrt blieb, auf dem das Erbe der Väter in treuer Hut gepflegt in jeder Periode seiner Geschichte ihm kraftspendende Früchte getragen hat. Ein Buch ist es, das dem Judentum die Fähigkeit verliehen hat, losgelöst von nationaler Gebundenheit, von Landesgrenzen nicht eingeengt, sich sein religiöses und geistiges Leben auszubauen und durch die Jahrtausende zu erhalten: der Talm u d. Im Buche hat sich der Jude auf seinen weiten Wegen durch die Länder und durch die Geschichte ragende Merksteine gesetzt, die der Zeit und ihren Anfeindungen trotzten. Mischneh th ora und Schulchan aruch bezeichnen die höchste Entwicklung und die Zusammenfaffung der eigenen religiösen Forschung, More n e b u ch i m seine Anteilnahme an der Kultur der Außenwelt und seine Auseinandersetzung mit ihren geistigen Strömungen und Einflüssen. Ist das jüdische Buch in hebräischer Sprache Träger der eigenen religiösen Ideen, des eigenen Geisteslebens, des nationalen Empfindens insbesondere in seinen dichterischen Schöpfungen, so tritt schon frühzeitig die Landessprache hinzu, um Anregung von Volk zu Volk zu vermitteln. Wie zweitausend Jahre früher die griechische Bibelübersetzung (Septuaginta) den Ausgangspunkt einer gewaltigen geistigen Umwälzung darftellt, bedeutet die deutsche Übersetzung durch Moses Mendelssohn und seine Schüler einen Wendepunkt innerhalb des Judentums der Neuzeit. Das jüdische Buch löst sich hier wie dort von der hebräischen Sprache, behält aber in den Landessprachen seine Besonderheit, erfüllt in seiner Eigenart seine Sendung und Aufgabe: die Schönheit aller Sprachen helfen die hohen Ideale und sittliche Lehren des Judentums verbreiten und führen ihm die Geiftesschätze der Umwelt zu. Die Erkenntnis wird dadurch allen Schichten zugänglich, auch jenen, die der hebräischen Sprache nicht mächtig sind. Das jüdische Buch umfaßt nun alle Zweige menschlichen Wissens in gleicher Weise; dichterisches Schaffen und religiöse Belehrung finden in den Landessprachen ibren Weg zum Herzen der Juden. Auf dem weiten und beschwerlichen Wege war es die Liebe zum Buche und die Hochachtung vor ihm, die seine Pflege übernahm und seine Erhaltung bewirkte. Die schwersten Opfer wurden vom Juden gebracht, um sich das Buch zu retten. Nicht nur die Bibel und den Talmud trug er mit sich, überall wo er feine Wohnstätte aufschlug, schuf er sich im Lehrhause, im Beth-hamidrasch, eine Weihestätte für sein Buch: seine Verbreitung und Sammlung galt ihm als heilige Tat; so ist es nicht verwunderlich, daß nach Erfindung der Buchdruckerkunst er sich derselben gern bediente. Die Verbreitung des jüdischen Buches konnte trotz äußerer Ungunst als gesichert gelten. Man konnte jetzt, wie es schon früher bei der Handschrift der Fall war, auch auf seine äußere Ausstattung bedacht sein. Hatten schon vor der Erfindung der Buchdruckerkunft einzelne Privatpersonen größere Büchersammlungen, es sei nur auf die Bibliothek der Tibboniden hingewiesen, so sehen wir diese Bestrebungen immer mehr zunehmen, jedoch war das Los der jüdischen Büchersammlung oft ein trauriges und glich dem ihrer Besitzer; die David Oppenheimerfche Bibliothek bildet hierfür ein klassisches Beispiel. An Stelle der Privatpersonen treten in dem letzten Jahrhundert die jüdischen Lehranstalten und Gemeinden. In ihren Bibliotheken findet das jüdische Buch liebevolle Pflege. Von hier soll aufs neue die Wiederbelebung der Liebe und Hochachtung ausgehen, die die wahre Verbundenheit des Juden mit seinem Buche ausmacht, aus der er die Kenntnis seiner Religion und Geschichte erlange und die Kraft gewinne, die heiligen Ideale und der Vater Vermächtnis in sich wirken zu lassen. Finkelscherer.